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Leistungskraft der Russen auslöschen

Dokumentiert. Reinhard Opitz über den praktischen, nicht »ideologischen« Sinn der »Rassenkunde« des deutschen Faschismus

Foto: piemags/IMAGO
Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion (russische Bauern nach der Inavsion der Wehrmacht im Sommer 1941)

Die territorialen Dimensionen der faschistischen Europaneuordnungsplanung im Zweiten Weltkrieg umfassen ganz Europa, unterteilt in ein deutsches großes Reich und in Protektoratsgebiete, in denen Sklavenvölker leben, denen bewusst jede Bildung entzogen wird, deren biologische Vermehrungskraft systematisch geschwächt werden soll und aus denen alle sich aus ihnen etwa wieder hervorhebenden neuen national führungsfähigen Personengruppen regelmäßig auszumerzen wären. Institutionell ist diese Aufgabe dem Reichsführer SS, Himmler, beziehungsweise der SS, dem Sicherheitsdienst (SD) und dem »Reichssicherheitshauptamt«, ergänzt durch den »Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums«, übertragen. Zur Frage nach dem wirtschaftlichen Inhalt dieser Europaplanung ist auf die großen vorliegenden Kriegszieldenkschriften der deutschen Konzerne und Industrie-»Reichsgruppen« zu verweisen, auf die Denkschrift der IG Farben, des »Vereins der Eisenschaffenden Industrie«, des Zeiss-Konzerns, die Zielausarbeitungen der Deutschen Reichsbank, der Deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute usw.

Nicht erst September 1939, sondern tatsächlich schon seit dem Einmarsch in die CSSR wird diese alte alldeutsch-Claßsche Politik in den besetzten Territorien unverzüglich, wohlvorbereitet und planmäßig, in Angriff genommen. Das bekannteste Dokument ist dann Himmlers Denkschrift vom Mai 1940 unter der Überschrift »Einige Gedanken über die Behandlung der Fremdvölkischen im Osten«, in der es u. a. hieß: »Ich will … sagen, dass wir nicht nur das größte Interesse daran haben, die Bevölkerung des Ostens nicht zu einen, sondern im Gegenteil in möglichst viele Teile und Splitter zu zergliedern. … Für die nichtdeutsche Bevölkerung des Ostens darf es keine höhere Schule geben als die vierklassige Volksschule. Das Ziel dieser Volksschule hat lediglich zu sein: einfaches Rechnen bis 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, dass es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich … Diese Bevölkerung wird als führerloses Arbeitsvolk zur Verfügung stehen und Deutschland jährlich Wanderarbeiter und Arbeiter für besondere Arbeitsvorkommen (Straßen, Steinbrüche, Bauten) stellen.«

Analoges sagt Hitler, und: »Bei unserer Besiedlung des russischen Raumes soll der ›Reichsbauer‹ in hervorragend schönen Siedlungen hausen. (…) Und um die Stadt wird auf 30 bis 40 Kilometer ein Ring gelegt von schönen Dörfern, durch die besten Straßen verbunden. Was dann kommt, ist die andere Welt, in der wir Russen leben und lassen wollen, wie sie es wünschen. Nur, dass wir sie beherrschen. Im Falle einer Revolution brauchen wir dann nur ein paar Bomben zu werfen auf die betreffenden Städte, und die Sache ist erledigt.«

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Insbesondere aber möchte ich auf die Denkschrift des Regierungsrates im »Reichsministerium für die besetzten ›Ostgebiete‹«, Dr. Wetzel, zum »Generalplan Ost« der SS aufmerksam machen, weil uns hier ein Dokument aus dem innersten Kreis der Durchführer der Vernichtungspolitik im Osten vorliegt, aus dem uns schlagartig entgegenspringt, wie sehr die ganze Rassenkunde eine äußerst praktische Sache in Diensten handfester Ziele, und wie wenig nur bloße »Ideologie« war.

Womit fängt dieses Dokument an? Mit einer Kritik der Zahlenangaben des »Generalplans Ost«. Dort werde davon ausgegangen, dass in den eroberten Ostgebieten in den nächsten Jahrzehnten acht Millionen Deutschen 45 Millionen Fremdvölkische gegenüberstünden. In Wirklichkeit jedoch seien es viel mehr, nämlich 51 Millionen (es sei denn, die Juden seien bereits vernichtet, »schon vor der Evakuierung beseitigt«). Danach die besorgte Frage, ob sich »überhaupt auf die Dauer gesehen eine deutsche Herrschaft angesichts der biologischen Kraft des russischen Volkes aufrechterhalten lässt«. Professor Abel, der Rassenforscher, habe nach neuesten Auftragsuntersuchungen noch einmal dringend davor gewarnt, die Leistungskraft der Russen zu unterschätzen, und gefolgert, er sähe angesichts dieser biologischen Regenerationskraft der Russen überhaupt nur zwei Lösungsmöglichkeiten: Entweder die vollständige »Ausrottung des russischen Volkes« oder aber ihre vollständige rassische Auslaugung in dem Sinne, dass man ihm nur primitive, nicht leistungsfähige Elemente belässt. (…)

Ich brauche nicht zu erwähnen, dass die Dezimierung der aus Herrschaftssicherungsgründen als übergroß empfundenen Bevölkerungsziffern durch direkte Liquidierung dann nur noch in der Konsequenz dieser Überlegungen lag. Und sie waren nichts als die Konsequenz aus dem seit 1900 im deutschen Monopolkapital propagierten Gedanken vom feindfreien Herrschaftsraum.

Die Juden aber waren von der gegen die Arbeiterbewegung und gegen alle kriegshinderlichen (…) politischen Kräfte und Ideen gerichteten völkisch-antisemitischen Demagogie seit mehr als 40 Jahren als der »rassische Todfeind« im »Lebenskampf des deutschen Volkes« gebrandmarkt worden.

→ Reinhard Opitz (1934–1986): Wie hingen im deutschen Faschismus der Antisemitismus, die Judenverfolgungspolitik und die Judenvernichtung mit den Interessen des Monopolkapitals zusammen? In: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984, und Akademie-Verlag, Berlin/DDR 1984, S. 196–199

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.08.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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→ Leserbriefe
  • Ulrich Opfermann aus Tönisvorst 7. Sept. 2026 um 11:39 Uhr
    Reinhard Opitz spricht mit "Dr. [Erhard] Wetzel" einen führenden Mitarbeiter im NS-Ostministerium an, der eine zusätzliche Anmerkung wert ist. 1941 trat er mit der Feststellung hervor, es sei angesichts einer bevorstehenden deutschen "Industrialisierung" im Osten "zweckmäßig", dass "diese rassisch unerwünschten Teile der Bevölkerung verschrottet werden könnten", es seien ohnehin "ausgesprochen Asoziale" ohne jeden wirtschaftlichen und kulturellen Wert.
    Wetzel hatte 1941 abgestimmt mit Eichmann den "Gaskammerbrief" zur Vernichtung nicht arbeitsfähiger Juden geschrieben, und 1944 empfahl er "Sonderbehandlung" für Roma-Kinder und körperbehinderte Kinder in lettischen Kinderheimen.
    Wetzel wurde in einem der Waldheim-Verfahren in der DDR zwar zu 25 Jahren und zum Entzug seines Vermögens verurteilt, kam aber nach fünf Jahren Haft durch eine Amnestie wie viele "Waldheimer" auf freien Fuß, wechselte umgehend in den Westen und trat dort als Ministerialrat ins niedersächsische Innenministerium ein. Einen späteren westdeutschen Verdacht überstand er in Hannover schadlos. Dem ermittelnden Staatsanwalt waren die Belege zu "lückenhaft". Entlassung aus dem Verfahren, Eintritt in die Pension.
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