Aus Leserbriefen an die Redaktion
Chronist
→ Zu jW vom 31.8.: »Jörg Becker gestorben«
Es wird um Jörg Becker getrauert. Er bot dem Mainstreambild vom Superspion, Frauenhelden und Alkoholiker Richard Sorge die Stirn. Gleichwohl zeigte er sich von Versuchen seiner Heroisierung unbeeindruckt. Mit der ihm eigenen Fähigkeit, menschliches Handeln in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen, zog Jörg Becker akribisch deutsches und russisches Archivmaterial aus der Zeit von 1919 bis 1924 zu Rate und vernachlässigte auch keine anderen deutschen Quellen seit dem Einzug der Lebensleistungen Sorges in das DDR‑Kulturerbe. Jörg Becker machte damit den Weg Richard Sorges vom freiwilligen Kriegsteilnehmer bis zum intellektuellen Linken und aktiven antifaschistischen Gegner eines weiteren Krieges mit dem »Hauptfeind« Russland auf eine ganz eigene Art und Weise nachvollziehbar. Entgegen einem angeblich nachlassenden Interesse in Deutschland, insbesondere unter ehemaligen DDR-Bürgern, verkörpert sein Buch ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal. Es sollte in die Hand genommen werden.
Peter Blechschmidt und Raimon Brete, Chemnitz (Denkmalgruppe »Richard Sorge«)
An die Überlebenden (Nachtrag zum Antikriegstag)
Habt Ihr es wieder nicht gewusst? Oder konntet Ihr Euch nicht vorstellen, dass der Schoß noch fruchtbar ist? So viele hundert Millionen Tote in Europa! Europa verwüstet und unbewohnbar. Europa existiert nicht mehr. Wo sind die Verantwortlichen? Wo sind die Aktionäre, deren Profitgier nur ein großer Krieg stillen konnte? Haben Rheinmetall, Krupp und andere nicht schon zu oft für Kriege produziert? Zwei Weltkriege – über 100 Millionen Tote. Europa zerstört!
War das nicht genug? Gab es nicht ein »Nie wieder«? Habt ihr immer noch nicht begriffen, dass es ohne Einheit nicht geht? Diskutieren wir unsere ideologischen Differenzen fair, sachlich und mit Respekt. Aber vereint im Kampf gegen den drohenden, atomaren Untergang. Denn: Noch existiert Europa. Wir sind viele – stehen wir auf! Gegen den drohenden dritten Weltkrieg! Gegen die Kriegstreiber! Gegen Imperialismus und Faschismus! Nie wieder ist jetzt!
Dietmar Breme, per E-Mail
Grundrechte
→ Zu jW vom 29./30.8.: »Urteil vor dem Urteil«
Das ist exemplarisch für den Rückfall in die Zeit des Radikalenerlasses und die damit verbundenen Berufsverbote gegen Lehrer, Postboten, Bahnmitarbeiter etc. pp. in den 1970er Jahren. Ich schreibe diesen Leserbrief am Schreibtisch des großartigen Dietrich Kittner, des Kabarettisten, der seit 1972 in der BRD Auftrittsverbot im Fernsehen hatte. Und es kommen damit seine großartigen Programme wieder in Erinnerung, in denen er genau das geißelte, was die BRD jetzt wieder ausmacht – ein Regime der Unterdrückung der Meinungsfreiheit, der Unterdrückung von Andersdenkenden. Aber in ihrer Doppelmoral werfen die staatlichen Machthaber genau das immer wieder der gewesenen DDR vor und auch solchen Staaten, die sie als missliebig einstufen. Aber das System lässt seine Maske fallen. Ken Merten und all den anderen von dieser Willkür Betroffenen wie Hüseyin Doğru, wie meiner jungen Welt usw. gehört die Solidarität all derjenigen, die sich das nicht mehr gefallen lassen wollen und können. Und wir müssen noch viele mehr werden. Es geht um die eigentlich garantierten Grundrechte!
Andreas Eichner, Dedenitz (Österreich)
Nizza (Nachtrag zum Jubiläum der Selbstbefreiung)
Am 28. August 1944 eröffnete die Résistance in Nizza den offenen Kampf gegen die deutschen Besatzer. Auf deren Konto gingen seit 1943 (Kapitulation Italiens) eine Massenverschickung von nach Nizza geflüchteten jüdischen Menschen, organisiert von dem später in Bayern mit Beamtenpension ausgestatteten Heinz Röthke und seinem lokalen Bluthund Alois Brunner, ebenso wenig wie sein Chef je zur Rechenschaft gezogen. Hunderte von Widerstandskämpfern waren bis dahin ermordet worden. Am 29. August 1944 flohen die verbleibenden deutschen Truppen, nachdem sie eine Blutspur hinterlassen und den Hafen und andere Gebäude gesprengt hatten. Nizza hatte sich am 29. August 1944 selbst befreit. Die Einschüsse am Südbahnhof, dem Platz der Libération, zeugen noch heute davon.
Fritz Schmalzbauer, Nizza
Die Lösung
→ Zu jW vom 26.8.: »Etwa jeder zwölfte Fernzug ausgefallen«
Jeder ausgefallene Zug erhöht die Pünktlichkeitsrate der DB, denn er geht erst gar nicht in die Statistik mit ein, da ein nicht auf die Schiene gebrachter Zug nun mal nicht unpünktlich sein kann. Ist doch logisch! Total pünktlich wäre die Bahn somit, wenn sie gar keine Züge mehr im Einsatz hätte. Das hat sie bislang zwar noch nicht geschafft, aber man sei zuversichtlich und arbeite hart daran, so die vertrauliche Mitteilung aus hochdotierten Kreisen.
Reinhard Hopp, Berlin
Rechtsruck
→ Zu jW vom 20.8.: »Koalition der Unterwürfigen«
Was ist geblieben von der Zeit, als es auch in Lateinamerika noch progressive Befreiungsbewegungen gab, die sich, wenn auch am Ende nicht erfolgreich, dem US-Imperialismus widersetzten, und auch wir in den realsozialistischen Ländern, auch in der DDR, große Hoffnung in diese Befreiungsbewegungen setzten? Heute erleben wir leider auch in Lateinamerika (Chile, El Salvador, Kolumbien …) mit Ausnahme noch von Kuba und Nicaragua einen Rechtsruck. Ganz zur Zufriedenheit der gegenwärtigen US‑Regierung unter Donald Trump.
Joachim Becker, per E-Mail
Die BRD, ein Regime der Unterdrückung der Meinungsfreiheit, der Unterdrückung von Andersdenkenden. Aber in ihrer Doppelmoral werfen die staatlichen Machthaber genau das immer wieder der gewesenen DDR vor und auch solchen Staaten, die sie als missliebig einstufen.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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