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Unter Besatzung

Palästina soll wählen

Nach der Ankündigung von Wahlen durch PA-Chef Abbas strebt Hamas breites Bündnis an. Ob eine Abstimmung tatsächlich stattfinden wird, ist jedoch offen

Foto: Abed Sabah/Reuters
Eines der ersten Ziele der israelischen Armee: das Parlament in Gaza (25.11.2023)

Im Januar 2006 haben die Palästinenserinnen und Palästinenser in Gaza, in der Westbank und in Ostjerusalem zum letzten Mal ihr Parlament gewählt, den Palästinensischen Legislativrat (PLC). Nun soll es am 28. November endlich wieder so weit sein. Das legte Präsident Mahmud Abbas Anfang Juli per Dekret fest. Die Frage ist allerdings, ob die Wahl wirklich stattfindet. Der 90 Jahre alte Abbas hat sie schon mehrmals angekündigt und kurz vorher doch wieder abgesagt. Die radikal-islamische Hamas will an der Wahl teilnehmen, bekräftigte Politbüromitglied Husam Badran vergangene Woche Mittwoch. Vor 20 Jahren hatte die Hamas, die unter anderem in der BRD als Terrororganisation verboten ist, die absolute Mehrheit erreicht.

In einem Interview mit Al-Aksa-TV, dem Haussender der Hamas, sagte Badran, seine Organisation strebe für die Wahl ein möglichst breites Bündnis an. »Die Hamas hat im vergangenen Monat eine Reihe von Treffen und Kontakten mit verschiedenen palästinensischen Fraktionen und Persönlichkeiten eingeleitet, mit dem Ziel, auf der Grundlage eines konsensfähigen politischen Programms den größtmöglichen nationalen Wahlblock zu bilden«, zitierte die Nachrichtenseite Palestinian Information Center (PIC) aus dem Interview.

Abbas’ Macht brechen

Die Parlamentswahl sei eine »historische Chance«, die politische Landschaft der Palästinenser zu verändern und »zwei Jahrzehnte einseitiger Entscheidungsfindung in nationalen Angelegenheiten zu beenden«. Der zum moderaten Flügel der Hamas gehörende Badran bekräftigte das Recht der Palästinenser, ihre Führung durch Wahlen zu bestimmen. Dieser Seitenhieb zielt auf die Tatsache, dass seit der vergangenen Wahl 2006 Präsident Mahmud Abbas und seine ihm zumeist treu ergebenen Ministerinnen und Minister am Sitz der Palästinensischen Nationalbehörde (PA) in Ramallah fast nach Belieben schalten und walten können. Die Wahl sei der beste Weg, die palästinensischen Verhältnisse neu zu ordnen, so Badran.

Nach dem überwältigenden Sieg 2006 hatten unter anderem die USA, Israel und die Europäische Union gedroht, mit einer von der Hamas geführten Regierung nicht zusammenzuarbeiten und die finanzielle Unterstützung einzustellen. In Gaza, der Hochburg der Hamas, kam es daraufhin zu einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen den Islamisten und der Fatah von Abbas, aus der letztere als Verliererin hervorging. Seitdem regiert die Hamas in Gaza und die von der Fatah dominierte PA in dem auf dem Papier autonomen Teil der Westbank. Die Fatah vertritt Palästina damit auch außenpolitisch und verwaltet die Finanzen. Das gewählte Parlament hat 2007 seine Arbeit komplett eingestellt. 2018 löste Präsident Abbas die Volksvertretung endgültig auf.

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Bei den von der Hamas im vergangenen Monat kontaktierten Organisationen handelt es sich laut der der Hamas nahestehenden Nachrichtenagentur SAFA um den Islamischen Dschihad, die Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), die Demokratische Front (DFLP), die Palästinensische Nationale Initiative (PNI) von Mustafa Barghuthi sowie die Strömung für demokratische Reformen innerhalb der Fatah von Mohammed Dahlan. »Auch wenn diese Beratungen noch zu keinem formellen Bündnis oder keiner endgültigen Wahlliste geführt haben, ebnet die Beteiligung von Kräften, die innerhalb der palästinensischen Politik lange Zeit gegensätzliche Positionen vertreten haben, den Weg für eine neue Konstellation im Wahlkampf«, kommentierte der arabischsprachige Kanal des katarischen Senders Al-Dschasira am Mittwoch auf seiner Onlineseite die erstaunliche Entwicklung. Dahlan und Barghuthi waren bisher stabile Kritiker der Hamas.

Hohe Hürden

Mustafa Barghuthi darf übrigens nicht mit dem Fatah-Politiker Marwan Barghuthi verwechselt werden, dem wohl populärsten Politiker in Palästina. Marwan Barghuthi verbüßt seit 2004 in einem israelischen Gefängnis mehrere lebenslange Haftstrafen. Sollte er trotz Inhaftierung zur Präsidentschaftswahl antreten, die nächstes Jahr stattfinden soll, wäre er laut Umfragen der große Favorit.

Die Parlamentswahl könnte jedoch wertlos sein, wenn Abbas auf die von ihm vorgegebenen Modalitäten besteht: Nur Parteien und Einzelpersonen sollen zugelassen werden, die sich zu den Grundsätzen der PLO bekennen. Das wären: die Zustimmung zum Friedensprozess von Oslo, die Anerkennung Israels, der Verzicht auf den bewaffneten Widerstand gegen die israelische Besatzung und die Verpflichtung auf die Zweistaatenlösung. Damit dürften zum Beispiel die Hamas, der Dschihad sowie die marxistisch-leninistischen PFLP und DFLP nicht an der Wahl teilnehmen. Die Hamas ist nicht einmal Mitglied in der PLO.

Husam Badran betonte im Interview mit Al-Kuds-TV, dass niemand das Recht habe, Parteien für die eigene Agenda zu verpflichten, wie es Abbas versuche. Der wünscht ganz offensichtlich ein willfähriges Parlament. Medienberichten zufolge soll Abbas auch die Erhöhung der Zahl der Abgeordneten von 132 auf 200 geplant haben, wovon 68 nicht gewählt, sondern ernannt werden sollten – wahrscheinlich vom Präsidenten selbst. Damit wäre der Fatah die Mehrheit im Parlament in jedem Fall gewiss. Abbas soll diesen Plan aber inzwischen verworfen haben.

Alle – auch Ostjerusalem

Die alles entscheidende Frage ist jedoch: Kann unter den aktuellen Umständen die Wahl überhaupt stattfinden? Der letzte Versuch scheiterte 2021, weil Israel die Teilnahme der Palästinenserinnen und Palästinenser aus dem besetzten Ostjerusalem verhindert hatte. Es ist schwer vorstellbar, dass sich Israel diesmal kooperativer verhält, da es Ostjerusalem als inte­gralen Bestandteil seines Staatsgebietes betrachtet. Ein weiterer Hinderungsgrund ist die desolate Lage im fast völlig zerstörten Gaza. Bei der Kommunalwahl im April konnten nur 70.000 Bürger aus Deir Al-Balah wählen gehen. Lediglich 23 Prozent von ihnen gaben ihre Stimme ab.

»Eine Wahl, so zynisch sie auch inszeniert sein mag, ist der einzige interne Mechanismus, der den Palästinensern zur Verfügung steht, um einen echten Wandel herbeizuführen«, zeigte sich der Nahostexperte Omar H. Rahman, ein Mitglied der katarischen Denkfabrik Middle East Council on Global Affairs, vergangene Woche in einem Artikel für das israelisch-palästinensische Onlinemagazin +972 überzeugt.

Hintergrund: Neue Allianz

Am Montag traf sich der im Juli neu gewählte Vorsitzende des Politbüros der Hamas, Khalil Al-Hajja, in Kairo mit Mohammad Dahlan. Es war das erste Treffen der beiden, berichtete die arabischsprachige Nachrichtenseite Ultra Palestine. Die Umsetzung der zweiten Phase des Waffenstillstands in Gaza stand auf der Tagesordnung. »Wir diskutierten mit großer Tiefe und Offenheit auch das Thema der palästinensischen Wahlen«, zitierte Drop Site News das Politbüromitglied der Hamas, Husam Badran.

Das Treffen ist insofern interessant, als Dahlan nicht nur als Kritiker der Hamas bekannt war, sondern 2007, damals noch als Mitglied der Fatah, erfolglos in Gaza den bewaffneten Aufstand gegen die Hamas geprobt hatte. Nach ihrer Niederlage mussten Dahlan und die Fatah aus Gaza abziehen. Von 1994 bis 2002 war Dahlan der Sicherheitschef der Palästinensischen Autonomiebehörde in Gaza. Seit der Zeit hat er ausgezeichnete Kontakte zur CIA und zum israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet.

Der bald 65jährige ist vielen Menschen im Gazastreifen in äußerst schlechter Erinnerung geblieben. Unter anderem, weil seine persönliche Haupteinnahmequelle der Güterverkehr zwischen Israel und Gaza gewesen sein soll, bei dem er sich einen großen Teil der Gebühren in die eigene Tasche gesteckt haben soll, während die Bevölkerung hungerte.

Nach einer zweijährigen Haftstrafe im Jahr 2014 folgte zwei Jahre später eine weitere Gefängnisstrafe, weil er 16 Millionen US-Dollar veruntreut hatte. Die Haft trat Dahlan nicht an, weil er sich 2011 ins Exil nach Abu Dhabi begab. Von dort aus soll Dahlan 2020 am sogenannten Abraham-Abkommen beteiligt gewesen sein, mit dem Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain ihre Beziehungen normalisieren.

Es scheint so, als habe mit Al-Hajja ein gewisser Pragmatismus Einzug in die Führungsebene der Hamas gehalten. Zum einen kann Dahlan als Kanal nach Israel benutzt werden, zum anderen zählt die altbekannte Weisheit: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Dahlan und die Hamas vereint immerhin das Ziel, Mahmud Abbas und die Fatah in Ramallah vom Thron zu stoßen.

Professor Kobi Michale vom Institute for National Security Studies in Tel Aviv schloss in der rechtslastigen Tageszeitung Jerusalem Post nicht aus, dass die Hamas plane, »unter dem Banner einer neu gegründeten Partei anzutreten (…). Diese neue Partei wird die Bedingungen von Abu Mazen (Präsident der Palästinensischen Nationalbehörde Mahmud Abbas, jW) akzeptieren, während die Hamas weiterhin erklären kann, dass sie nicht von ihren Prinzipien und ihrer Ideologie des Widerstands abgerückt ist.« Er glaube jedenfalls nicht, dass die Hamas als Hamas an der Wahl teilnehmen werde.(gh)

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.08.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Thomas Z. aus D. 25. Aug. 2026 um 09:51 Uhr
    »Radikal-islamische Hamas« – dieses Wording ist so unsinnig, wie es mainstream ist. Wieso muss man solche inhaltsleeren, nur der Diffamierung dienenden Floskeln in der jungen Welt lesen? Die Hamas ist ideologisch islamisch und sie ist von ihrer hauptsächlichen politischen Ausrichtung (gemäß dem aktuell anstehenden Befreiungskampf der Palästinenser) national. Aber in welchem Sinne ist sie radikal? Wenn Bürgerliche das schreiben, dann wollen sie abwerten, denn »radikal« sein, ist aus ihrer Sicht etwas schlechtes. Für Marxisten heißt radikal sein, entweder etwas an der Wurzel packen (Marx) oder aber radikalistisch, also pseudorevolutionär handeln (Lenin). Die Hamas tut weder das eine noch das andere. Sie ist eine bürgerliche Befreiungsbewegung, die einerseits häufig klug und entschlossen, andererseits immer wieder auch opportunistisch handelt. Sie setzt sich mit allem, was sie hat, für ihr Volk ein, aber die Wurzel von Imperialismus und Siedlerkolonialismus, den Kapitalismus, geht sie nicht an. Ich bitte daher künftig um mehr Analyse und weniger unreflektiertes Übernehmen westlicher Propagandabegriffe. Deswegen lesen wir doch die jW.
  • Thomas Caden aus Berlin 21. Aug. 2026 um 01:17 Uhr
    Liebe Freunde, eine an sich gute Einschätzung zu den möglichen Wahlen in Palästina und der aktuellen Situation. Die ständige Gleichsetzung der »Hamas« mit den »Qassam-Brigaden« ist juristisch, völkerrechtlich und politisch falsch. Die Hamas als radikal-islamische zu bezeichnen ist, ohne ihren tatsächlichen Charakter zu nennen, oberflächlich und absurd. Zur Erinnerung: 1987 erfolgte die Gründung der Hamas mit Unterstützung Israels aus den ägyptischen Muslimbrüdern um einen Gegenpol zur (damals fortschrittlichen) PLO zu schaffen. Sie entwickelte sich zu einer politischen Partei, sozialen Bewegung und Verwaltungsbehörde im Gazastreifen. Die Organisation hatte einen karitativen Zweig und betrieb Schulen, Waisen- und Krankenhäuser. Mit den Qassam-Brigaden hat sie auch einen militärischen Zweig. In den westlichen Medien und leider auch in »linken« und palästinasolidarischen Medien wird meist die Hamas mit den Qassam-Brigaden gleichgesetzt. 2006 erkennt die Hamas Israel als Staat in den Grenzen von 1967 an und gewinnt die Wahlen in den besetzten Gebieten. Israel und der Westen verhindern aber eine Regierungsbildung der Hamas; die Fatah, von den USA militärisch ausgerüstet, versucht mit einem Putsch die Hamas im Gazastreifen zu stürzen, scheitert aber; Israel riegelt daraufhin 2007 den Gazastreifen vollständig ab. Die PA blieb de facto die Verwaltungsbehörde in Gaza, vor allem mit ihrer karitativen Arbeit, ja auch mit ihrem militärischen Arm. Von einer radikal-islamische Hamas zu sprechen ist besonders auch politisch falsch. Zu beachten ist auch, dass die Hamas im Rahmen des »Friedensplans« der Abgabe der Verwaltung Gazas zugestimmt hat und die Qassam-Brigaden bereit sind, ihre Waffen nach dem vollständigen Abzug der israelischen Besatzer abzugeben. Die Fatah und die PA unter Abbas kollaborieren immer mehr mit der zionistisch, faschistischen Regierung in Israel. Im Gegensatz zeigt sich die Hamas unter Beachtung der nationalen palästinensischen Interessen zunehmend kompromissbereit. Beste Grüße Thomas Caden
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