Zum Inhalt der Seite
Mexiko

Welche Folgen hätte die Ammoniakfabrik?

Die Anlage könnte das Ökosystem der Bahía de Ohuira in Mexiko zerstören und eine Kettenreaktion starten, erklärt Lazuli Piceno

Foto: IMAGO/Newscom / GDA
Protestaktionen schon im November 2018

Im Bundesstaat Sinaloa im Nordwesten Mexikos protestieren Einwohner gegen den Bau einer Ammoniakfabrik der deutsch-schweizerischen Proman AG. Sie haben die Region besucht?

Ich habe dort Untersuchungen durchgeführt. Es ist ein beeinträchtigter Ort, aber er lebt noch.

Welche Ökosysteme gibt es dort?

Es ist ein Lagunensystem, das aus drei Buchten besteht: der Bahía de Santa María, der Bahía de Topolobampo und der Bahía de Ohuira, wo die Ammoniakfabrik gebaut werden soll. Dieses gesamte System verfügt über einen unglaublichen biologischen Reichtum. Es gibt dort zum Beispiel Mangrovenwälder, die als Aufzuchtgebiete funktionieren. Viele Arten werden dort geboren, wachsen dort auf, bevor sie anschließend ins offene Meer ziehen. Es ist also gewissermaßen eine Kinderstube. Der Ort ist international als Ramsar-Gebiet anerkannt (geschütztes Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung nach der 1971 beschlossenen Ramsar-Konvention, jW). Die Menschen in der Region leben vom Meer, von der Fischerei.

Welche Arten sind wegen des geplanten Chemiestandorts bedroht?

Nun, es gibt viele Arten, die wirtschaftlich von Bedeutung sind. Vor allem Garnelen. Und es gibt dort Delfine. Wir haben sogar einen Wal innerhalb der Bucht gesehen. Dann gibt es Schildkröten und eine unglaubliche Zahl an Vögeln.

Konnten Sie Umweltschäden feststellen, durch die Tiere und Pflanzen bereits beeinträchtigt werden?

Anzeige

Ja, hauptsächlich durch die Industrie. Die hat zum Beispiel dazu geführt, dass der Meeresboden stark aufgewühlt ist. Die Sicht unter Wasser ist sehr schlecht. Das Leben, das noch da ist, hat sich an diese Bedingungen angepasst. Aber diese Auswirkungen sind kumulativ. Dadurch gibt es immer weniger Arten, die gegen diese Veränderungen widerstandsfähig sind.

Wie haben Sie von dem Widerstand gegen die Ammoniakfabrik erfahren?

Als ich dort war, habe ich erfahren, dass die Proman AG eine Ammoniakfabrik und eine Methanolanlage bauen will. Seit 2014, als die Fabrik genehmigt wurde, kämpft die Bevölkerung dagegen. Aber man hört ihr nicht zu. Es wurde Klage eingereicht, aber Korruption ist in Mexiko an der Tagesordnung … Letztendlich gewinnen die großen Unternehmen. Es heißt außerdem, dass es öffentliche Konsultationen gegeben habe. Aber bei der Errichtung einer solchen Anlage geht es um extrem technische Dokumente, die wirklich schwierig zu verstehen sind. Und für die Menschen vor Ort, auch für die indigene Bevölkerung, sind die Inhalte nicht einfach zugänglich.

Welche Folgen hätte die Errichtung der Ammoniakfabrik?

Sehr viele. Vor allem die Gefahr, dass das Ökosystem zerstört wird. Um das Ammoniak zu kühlen, muss die Anlage Wasser aus der Bahía de Ohuira entnehmen. Und anschließend wird dieses um zwei bis drei Grad wärmere Wasser wieder in dieselbe Bucht eingeleitet. Jede Veränderung der Wassertemperatur in einem ohnehin schon fragilen Ökosystem wird schwerwiegende Folgen für das Leben dort haben. Und das wird eine Kettenreaktion in Gang setzen. Denn wenn das Leben im Meer stirbt, verlieren auch die Menschen, die von diesem Leben im Meer abhängig sind, ihre Lebensgrundlage.

Welche Arten wären gefährdet?

Fast alle. Das Meer ist kein isoliertes System, auch wenn wir über drei Buchten sprechen. Sie sind zum Beispiel mit dem Golf von Kalifornien verbunden, der als »Aquarium der Welt« bekannt ist. Es gibt Studien, die zeigen, dass die verschiedenen Ökosysteme des Golfs miteinander verbunden sind. Wenn man also eines davon beeinträchtigt, hat das Auswirkungen auf ein anderes, dann auf ein weiteres und noch eines.

Was hat Sie dazu motiviert, auch hier in Deutschland aktiv zu werden?

Eine deutsche öffentliche Bank finanziert dieses Projekt in Mexiko (über eine 100prozentige Tochter der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die KfW Ipex-Bank, finanziert die BRD das Projekt mit 860 Millionen US-Dollar, jW). Wie kann es sein, dass niemand davon weiß? Das ist meine Motivation: Die Menschen zu informieren, und zu versuchen, das zu retten, was noch existiert.

Wie lautet Ihr Appell an die Menschen in Deutschland?

Ich würde sie bitten, sich zu informieren und Druck auf die Bank auszuüben. Denn am Ende ist es öffentliches Geld. Mit diesem Geld wird dort ein Ökozid finanziert.

Lazuli Piceno ist Meeresbiologin und hat an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) studiert. Das komplette Videointerview kann auf jungewelt.de angeschaut werden.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 21.08.2026, Seite 3, Kapital & Arbeit

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!