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Fußball

Gut gegen Verzweiflung

Wie der Fußball vor 60 Jahren auf die südafrikanische Gefängnisinsel Robben Island kam

Foto: dpa/picture-alliance
Mehr als nur ein Spiel: Dieser Fußball wird durch Nelson Mandelas Autogramm veredelt

Vor 30 Jahren verließ der letzte Insasse die berüchtigte südafrikanische Gefängnisinsel Robben Island. Wer meint, dass das mit Sport wenig zu tun hat, irrt sich. Denn vor 60 Jahren wurde im Gefängnis von Robben Island die Makana Football Association gegründet, benannt nach dem Anführer einer antikolonialen Revolte. Makana gehörte 1819 zu den ersten politischen Gefangenen auf Robben Island überhaupt. Er ertrank ein Jahr später bei einem Fluchtversuch im Atlantik.

Während des Apartheidregimes wurden Cricket und Rugby vor allem von weißen Südafrikanern gespielt, doch der Fußball bewies sich als Volkssport in schwarzen Townships. Dort wuchsen unter bescheidensten Bedingungen ausgezeichnete Spieler heran. Jomo Sono aus Soweto lief 1977 mit Franz Beckenbauer bei den New York Cosmos auf.

In den Townships war Improvisation gefragt. Spielfelder und Ausrüstung waren rar. Auf Robben Island galt das um so mehr. Die Häftlinge spielten in den Gängen des Gefängnisses mit Bällen aus Papier und Karton. 1964 entschieden sich einige von ihnen dazu, richtige Fußballspiele von der Gefängnisleitung einzufordern. Jeden Sonnabend durften Gefangene bei dieser vorsprechen. Die Forderung erschien so dreist, dass die Antragsteller in Einzelhaft landeten. Doch die Häftlinge ließen nicht locker. Jeden Sonnabend brachte ein neuer von ihnen den Antrag ein. Drei Jahre lang passierte nichts.

Dann besuchte das Internationale Rote Kreuz Robben Island. Die Gefängnisleitung meinte, es würde sich gut machen, wenn die Häftlinge während des Besuchs Sport ausüben würden. Die einzigen Fotografien, die von den Fußballspielen auf Robben Island stammen, wurden zu Propagandazwecken aufgenommen. Die Gefängnisleitung ging davon aus, dass den Gefangenen die Lust auf Fußball bald wieder vergehen würde. Doch dem war nicht so.

Innerhalb kürzester Zeit organisierte die Makana Football Association eine eigene Liga. Die Vereine trugen Namen wie Rangers, Hotspurs, Gunners und – Dynamo. Es gab so viele Spieler, dass alle Vereine drei Teams stellen konnten, die sich auf die Leistungsgruppen A, B und C verteilten. Rund die Hälfte aller Insassen war in der Liga aktiv.

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Anfangs waren die Vereine nach politischer Orientierung aufgeteilt. Vor allem Gefangene des African National Congress (ANC) und des Pan Africanist Congress (PAC) waren sich nicht immer einig. Nur ein Team, Manong FC, hieß Spieler aus allen politischen Lagern willkommen. Später zeigten sich auch die anderen Vereine weniger dogmatisch. Vielleicht, weil Manong FC alle wegputzte.

Den Fußballplatz, auf dem die Spiele ausgetragen wurden, legten die Gefangenen selbst an. Die Tore wurden aus an den Strand gespülten Holzbalken und Fischernetzen gefertigt. Auch die Bälle mussten sie weiterhin selbst anfertigen. Erst nach mehreren Jahren wurden aufgrund von Interventionen des Internationalen Roten Kreuzes richtige Fußbälle nach Robben Island geschifft.

Ein Spiel in der Liga dauerte 90 Minuten, es spielten elf gegen elf, und es galten die offiziellen Regeln der FIFA. Ein entsprechendes Regelbuch gab es in der Gefängnisbibliothek. Die Aktivitäten wurden akribisch dokumentiert. 1993 stieß der US-amerikanische Historiker Charles Korr im Archiv der Universität des Westkaps auf 70 Boxen mit der Aufschrift »Robben Island Sports«. Darin fanden sich Aufstellungen, detaillierte Spielberichte und Tabellen. Auch die Korrespondenz mit der Gefängnisleitung wurde bewahrt.

Den berühmtesten Gefangenen auf Robben Island, darunter Nelson Mandela, waren die Teilnahme an den Fußballspielen, ja selbst das Zuschauen, untersagt. Sie saßen ständig in Einzelhaft. Doch die Bedeutung der Fußballiga ging über die Freude am Sport hinaus. Mit eigenen Schiedsrichtern, einer Disziplinarkommission und einem Regelwerk für Vereinswechsel diente sie den Gefangenen dazu, ihre organisatorischen Fähigkeiten zu schärfen. Gründungsmitglied Tony Suze meinte in einem Interview mit Charles Korr: »Der Fußball half uns, nicht zu verzweifeln, aber er erlaubte uns auch zu zeigen, wer wir waren und was wir als organisierte Gruppe zustande bringen konnten. Wir sahen uns selbst als die zukünftige Regierung des Landes, und die Fußballiga sollte uns darauf vorbereiten.«

Ob es stimmt, dass die Liga auch die Beziehungen zwischen Gefangenen und Wärtern veränderte, sei dahingestellt. Es gibt Erzählungen, denen zufolge die Wärter die Liga begeistert verfolgten und ihre Lieblingsteams anfeuerten. Vielleicht ist das Legende. Sicher ist jedoch, dass die Makana Football Association zu weiteren selbstorganisierten sportlichen Aktivitäten auf Robben Island Anlass gab, beispielsweise im Rugby, im Volleyball oder in der Leichtathletik. Sicher ist auch, dass einige der führenden Persönlichkeiten der Makana Football Association nach Ende des Apartheidregimes wichtige Staatsposten übernahmen: Gründungsmitglied Steve Tshwete wurde unter Mandela Sportminister, Dikgang Moseneke, Mitglied der Disziplinarkommission der Liga, arbeitete später als Richter am Verfassungsgerichtshof, und Jacob Zuma, auf Robben Island als Schiedsrichter tätig, wurde 2009 gar Präsident des Landes.

Nachdem die Fußballweltmeisterschaft der Herren 2010 an Südafrika vergeben worden war, entdeckte auch die FIFA die Geschichte der Makana Football Association für sich. Was fürs Image gut ist, ist immer beliebt. Anlässlich der Auslosung der Qualifikationsgruppen für die WM kam es 2007 in Durban zur Weltpremiere des Films »More Than Just a Game« (Mehr als nur ein Spiel), der auf der Forschung von Charles Korr beruht. Außerdem wurde die Makana Football Association als erste nichtstaatliche Organisation nachträglich zu einem Mitgliedsverband der FIFA erklärt.

Die Makana Football Association löste sich im Laufe der 1970er Jahre auf, doch eine neue Generation politischer Häftlinge hielt die sportlichen Aktivitäten auf Robben Island bis zum Ende des Apartheidregimes am Leben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.08.2026, Seite 16, Sport

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