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Relektüre des Tages: Odyssee

Foto: IMAGO/Landmark Media
I am a man of constant sorrow

Nolan knows, what it’s like, to be the bad man, to be the sad man – behind blue eyes. Natürlich machte das keinen Skandal bei den anti­woken Kulturwächtern, die vorzogen, sich über Elliot Page und ­Lupita Nyong’o zu ereifern. Die blauen Augen Matt Damons (wie vor ihm schon die von Kirk Douglas) winkte man durch, obgleich Odysseus bei Homer nicht blauäugig ist. Der Shitstorm dürfte der verblockbusterten »Odyssee« gar geholfen haben, immerhin deutet der Dichter selbst den Namen seines Helden als »der den Hass kennt«.

Am Wochenende hat der Film die Eine-Milliarde-­Marke an den Kinokassen geknackt, wie aus den Statistiken von Box Office Mojo hervorgeht. Ein Stoff der Bronzezeit, überliefert in der epischen Form des klassischen Griechenlands, fällt auf Kino­besucher mit digitalisierten Herzen. Was kann da schon schiefgehen? Sicher, der Film hat Schwächen. Sein Pacing vor allem, fast hektisch werden die Episoden wegerzählt, wo Höhepunkt auf Höhepunkt folgt, entsteht das Gegenteil von Spannung.

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Der große Bogen aber, der das alles zusammenhält, verdient Beachtung. Nolans »Odyssee« ist keine tatsächliche Reise, sie ist die innerlichere Bewältigung eines Kriegsheimkehrers. Alle Stationen der Irrefahrt erzählen auf ihre Weise von einem Bruch des Gastrechts. Dem Helden beginnt zu dämmern: Er selbst war es, der damit angefangen hat. Nach dem hölzernen Pferd war die Welt verändert, Verträge und Konventionen zählten nichts mehr. Wir wussten immer, sagte Mark Carney zum Jahresbeginn in Davos, dass unsere Erzählung falsch war, »dass die Stärksten sich bei Bedarf ­ausnahmen, dass Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden«. Kindliche Verwunderung über Zeitenwende und Putin weicht der Einsicht, dass die regelbasierte Außenpolitik lange vor ihrem Ende schon geendet hatte. Nolans »Odyssee« dekonstruiert die transatlantische Selbstge­rechtigkeit.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.08.2026, Seite 3, Ansichten

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