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La Révolution marche
Vierzig Jahre Recherchen. Die Revolutionsbände von 1848/49 der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA)
»Die Neue Rheinische Zeitung war das einzige Blatt, das innerhalb der damaligen demokratischen Bewegung den Standpunkt des Proletariats vertrat, und zwar schon durch seine rückhaltlose Parteinahme für die Pariser Juni-Insurgenten von 1848, die dem Blatte fast seine sämmtlichen Aktionäre abtrünnig machte. Vergebens wies die Kreuzzeitung auf die ›Chimborassofrechheit‹ hin, mit der die N. Rh. Ztg. alles Heilige angreife, vom König und Reichsverweser bis zum Gensdarmen (…), vergebens eiferte das liberale, plötzlich reactionär gewordene rheinische Philisterium; vergebens suspendirte der Kölner Belagerungszustand im Herbst 1848 das Blatt auf längere Zeit; vergebens denunzirte das Frankfurter Reichs-Justiz-Ministerium dem Kölner Staatsanwalt Artikel auf Artikel zur gerichtlichen Verfolgung – das Blatt wurde (…) ruhig weiter redigirt und gedruckt, die Verbreitung und der Ruf der Zeitung wuchs mit der Heftigkeit der Angriffe auf Regierung und Bourgeoisie.«
Friedrich Engels
Ende 2025 erschien der dritte MEGA²-Band mit den Arbeiten von Marx und Engels aus der Zeit der Revolution von 1848/49.¹ Zusammen mit den bereits 2016 und 2020 publizierten Bänden wird damit eine bedeutsame Etappe des politischen Wirkens beider Denker dokumentiert, insbesondere ihre Artikel aus der Neuen Rheinischen Zeitung (NRZ). Als Chefredakteur der Zeitung, die den Untertitel »Organ der Demokratie« trug, bestimmte Karl Marx die politische Linie. Die NRZ war damals das anerkannteste Blatt der demokratischen Bewegung in Deutschland. Allein die letzte, in roter Schrift gedruckte Ausgabe vom 19. Mai 1849, die eine für die damalige Zeit beachtliche Auflage von 17.000 Exemplaren hatte, erregte europaweit Aufmerksamkeit. In mindestens 44 in- und ausländischen Blättern wurden Artikel oder das Abschiedsgedicht von Ferdinand Freiligrath zitiert oder übernommen.
Bei der Forschungsarbeit zu den drei MEGA-Bänden konnte in 34 Archiven und Bibliotheken Europas und der USA eine große Zahl einzigartiger Dokumente aufgespürt werden. Dokumente, die unsere Kenntnisse über die Marxsche Zeitung erweitern und vertiefen. Das beginnt bereits mit zwei Gründungsschriften um den 24. April 1848, die als Flugblätter veröffentlicht wurden. So das »Prospekt zur Gründung der Neuen Rheinischen Zeitung« und die »Vorläufige Vereinbarung zur Begründung der Neuen Rheinischen Zeitung«. Beide Dokumente hatte der Journalist Heinrich Bürgers, der unter den Demokraten in der Rheinprovinz einen guten Ruf genoss, den Aktionären vorgelegt. Ihm wurde auch »die Sorge für das Engagement von Mitarbeitern und Korrespondenten« übertragen, da Marx aus politischen und juristischen Gründen bis zur Generalversammlung der Aktionäre um den 26. Mai 1848 weitgehend im Hintergrund blieb. Damals schon wurde der Untertitel »Organ der Demokratie« programmatisch festgelegt.
Steuerverweigerung
Ein bemerkenswertes Dokument erschien zum Beispiel in der »Außerordentlichen Beilage« vom 17. November 1848. In dieser Zeit herrschte in Preußen eine brisante politische Situation: Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. ließ am 15. November die aufmüpfige Nationalversammlung in Berlin durch das Militär auseinanderjagen. Als Antwort auf den Gewaltstreich fassten die Abgeordneten noch einstimmig den Beschluss, dass die Regierung Brandenburg nicht berechtigt sei, »über Staatsgelder zu verfügen und Steuern zu erheben«. Unmittelbar nach Ankunft der letzten Berliner Post am Abend des 16. November brachte die NRZ in Fettdruck die Eilmeldung mit einem Kommentar von Marx: »Von dem heutigen Tage an sind also die Steuern aufgehoben!!! Die Steuereinzahlung ist Hochverrath, die Steuerverweigerung erste Pflicht des Bürgers!«
Nach dem Druck der Sonderausgabe wurde der Artikel aus dem Bleisatz genommen und als Plakat und Flugblatt vervielfältigt. Andere Druckereien in der preußischen Rheinprovinz und darüber hinaus verbreiteten den Text ebenfalls als Handzettel mit dem Hinweis »Aus der Neuen Rheinischen Zeitung«. Zudem prangte bis zum 17. Dezember 1848 in großen Lettern am Kopf jeder Ausgabe der Zeitung die Aufforderung »Keine Steuern mehr!!!«
In einigen Originalen der Neuen Rheinischen Zeitung, die sich in Bibliotheken und Archiven befinden, wurden vier bislang unbekannte Extraausgaben entdeckt. Die Redaktion pflegte bei Eintreffen wichtiger Nachrichten in den Nachmittagsstunden, diese den Kölner Lesern umgehend zukommen zu lassen. Sie wurden in der jeweils folgenden Ausgabe für die auswärtigen Abonnenten erneut abgedruckt. Als beispielsweise am 8. Juli 1848 in den späten Abendstunden von einem Berliner Korrespondenten die Nachricht über die Regierungskrise des preußischen Ministeriums Hansemann eintraf, kommentierte Marx das Ereignis sofort spöttisch als »Verendung des Ministeriums Hansemann«. Das einseitig bedruckte Blatt wurde in den Morgenstunden des 9. Juli als Plakat in Köln angebracht oder durch Laufburschen an die städtischen Abonnenten verteilt. Mehrere Zeitungen kritisierten allerdings das aus ihrer Sicht voreilige Verkünden eines Scheiterns der Regierung.
Ein Novum in der Zeitungsforschung ist wohl die Erkenntnis über die Druckvarianten, sowohl der Anzahl nach als auch in ihrer unterschiedlichen Anwendung. Durch Autopsieverfahren konnten in der NRZ 174 Druckvarianten ermittelt werden. Diese entstanden durch redaktionelle oder korrigierende Eingriffe während des laufenden Druckprozesses der jeweiligen Nummern. Sie zeigen das Bemühen von Marx und der Redaktion, unter den damaligen Bedingungen dem Anspruch auf tagespolitische Aktualität zu entsprechen. Bei elf Ausgaben wurde die Schnellpresse sogar zweimal angehalten, um Nachrichten einzurücken.
Das erweitert nicht nur unsere Kenntnis über die Zeitung, es ließen sich dadurch auch weitere Artikel von Friedrich Engels identifizieren. Die Varianten ergeben sich aus inhaltlichen Änderungen wie auch aus dem Beseitigen grober Setzerfehler und dem Verschieben falsch eingeordneter Artikel. Mit 63 ist die Mehrzahl der Druckvarianten auf nichtinhaltlicher Natur. Hervorzuheben wäre auch, dass die Redaktion während des Drucks typographische Änderungen vornahm, um inhaltliche Aussagen hervorzuheben.
Zur Nummer 139 vom 10. November 1848 brachte sie eine Extrabeilage als Flugblatt heraus. Eine der Überschriften – hier zusätzlich fettgedruckt – lautet: »Rothschild streckt die Waffen vor der Revolution: er liquidirt«. Den Lesern wurden dann die Gründe für den Sturz der französischen Staatspapiere mitgeteilt. Der kurze Beitrag schließt mit den Worten: »La Révolution marche« (Die Revolution marschiert) – eine euphorische Aussage, die die Erwartung einer zweiten revolutionären Erhebung in Frankreich zum Ausdruck brachte. Dieser Schluss stand, vom Text abgesetzt, mittig in der zweiten Spalte. Doch das genügte Marx wahrscheinlich nicht – die Schnellpresse wurde angehalten, und der Setzer nahm aus dem Akzidenzkasten eine besonders hervorgehobene Auszeichnungsschrift und setzte die Losung in Großbuchstaben über das ganze Blatt.
Eine vierte Kategorie der Druckvarianten betraf die Anzeigen: Selbst in der letzten rotgedruckten Ausgabe vom 19. Mai 1849 wurden im vierten Andruck Annoncen ausgetauscht.
Marx’ Korrekturen
Die Wiederentdeckung des persönlichen Marx-Exemplars der Neuen Rheinischen Zeitung, das sich in Moskau befindet, markiert zweifellos einen Höhepunkt jahrzehntelanger Recherchen. Das Exemplar befand sich ursprünglich im Besitz des SPD-Archivs in Berlin, 1931 wurde es als Dublette veräußert und vom Antiquar Josef Altmann erworben. Der bot es für den Preis von 2.500 Reichsmark dem Moskauer Marx-Engels-Lenin-Institut an. Das Unikat ist ein wichtiges Zeugnis der Revolution von 1848/49 und offenbart zudem die Arbeitsweise des Redakteurs Marx. Unmittelbar nach dem Druck nahm er zahlreiche handschriftliche Korrekturen mit Tinte vor, insbesondere bei der Durchsicht seiner Artikelserie »Lohnarbeit und Kapital«. Zwei dieser Korrekturen sind erstmals im MEGA²-Band I/9 dokumentiert.
Darüber hinaus befinden sich an einigen Artikeln von Marx in seinem Exemplar Marginalien und Streichungen mit Bleistift sowie mit Blau- und Rotstift. Die von fremder Hand angebrachten Korrekturen haben lange Rätsel aufgegeben. Erst bei der Durchsicht des von Karl Kautsky und Eduard Bernstein in Zürich während des Sozialistengesetzes herausgebrachten Organs der deutschen Sozialdemokratie, Der Sozialdemokrat, sowie der aus dieser Zeit vorliegenden Korrespondenzen zwischen beiden mit Engels konnte das Geheimnis gelüftet werden: Letzterer hatte ihnen nämlich die Marxsche Zeitung zur Auswertung übersandt.
So übernahmen beide in den Märztagen 1884 umfangreiche Auszüge aus Marx’ bekannter Artikelserie »Die Bourgeoisie und die Konterrevolution«, der sie den Titel »Der ›lange Fasching‹ von 1848« gaben. Der in drei aufeinanderfolgenden Ausgaben erschienene Feuilletonbeitrag diente zugleich der Auseinandersetzung mit der Kölnischen Zeitung, die in der Revolution von 1848/49 »nur einen ›langen Fasching‹«, eine »Karnevalskomödie« sah. Während Kautsky für den ersten Abdruck bei Marx keine Anstreichungen vornahm, zeichnete Bernstein mit Blei- bzw. Blau- und Rotstift zahlreiche Textstellen an, die der Setzer übernehmen sollte.
Es gibt auch wichtige Dokumente, die bisher nicht ermittelt werden konnten. Das betrifft vor allem die Originale des Archivs der Neuen Rheinischen Zeitung, darunter das Rechnungsbuch, das wichtige Aufschlüsse über Personen und Honorare hätte geben können. Durch den Einsatz des russischen Emigranten Boris Nikolajewski, der zeitweise in Berlin und Frankfurt am Main als Korrespondent des Moskauer Marx-Engels-Instituts tätig war, konnte 1925 nach Vereinbarung mit dem Partei-vorstand der SPD das »gesamte Archiv« der NRZ fotografiert werden, so dass viele vor allem die Redaktionstätigkeit betreffende Zeugnisse der Nachwelt überliefert wurden.
Forschungserfolge
Mit den jetzt vorliegenden drei Revolutionsbänden wird ein neues Niveau der NRZ-Rezeption ermöglicht, die über den Inhalt hinaus auch die Produktion des Organs einschließt. Vor allem die Arbeit der acht Redakteure sowie der Korrespondenten betreffend, deren wirkliche Namen teilweise identifiziert sind. Erstmals wird auch die Tätigkeit der Kommanditaktiengesellschaft der Zeitung sowie der Aktionäre belegt, wobei es gelang, 38 davon mit Namen zu identifizieren. Schließlich konnte man die Mitglieder des Aufsichtsrats ermitteln und die technische und personelle Ausstattung des Zeitungsunternehmens genauer erfassen. Ausführlich ist die finanzielle Situation der Zeitung in den Bänden beschrieben.
Und inhaltlich? Erstens: Mit der Edition ist nun ein differenzierteres Bild möglich, sowohl was die Tätigkeit von Marx und Engels für die NRZ als auch ihr politisches Auftreten in Köln und der Rheinprovinz betrifft. Exemplarisch sollen hier die Flugblätter vorgestellt werden, die Ende September/Anfang Oktober 1848 veröffentlicht wurden. Als in Köln Unruhen mit Barrikaden ausbrachen, verhängte der Militärkommandant vom 26. September bis 3. Oktober 1848 den Belagerungszustand über die Festungsstadt. Die Neue Rheinische Zeitung und weitere demokratische Blätter wurden verboten.
Das geschah zu einem Zeitpunkt, als das Abonnement für das IV. Quartal erneuert werden musste. Durch das Verbot wurden die Leser verunsichert, erneut Bestellungen vorzunehmen, wodurch das Blatt in eine tiefe finanzielle Krise geriet. Um den Kontakt zu den Lesern aufrechtzuerhalten, fertigte Marx zusammen mit den Geschäftsführern fünf Flugblätter an und ließ drei Anzeigen in die Kölnische Zeitung einrücken. Diese Mitteilungen werden ebenfalls erstmals im MEGA²-Band I/7 veröffentlicht. Im Flugblatt vom 3. Oktober 1848 war Marx trotz des Belagerungszustands in Köln noch optimistisch, dass die Zeitung »auf’s Neue mit Energie und Besonnenheit die demokratischen Interessen des gesammten Volkes vertreten« werde. Doch die Dramatik der Situation für die Zeitung zeigt sich in den zwei Flugblättern vom 7. und 9. Oktober 1848. Im ersten heißt es, am selben Abend um 19 Uhr werde eine Versammlung stattfinden, zur Beratung über »Bestehen oder Nichtbestehen« der Zeitung. Zwei Tage später scheint eine Lösung gefunden, man kündigt die Ausgabe von »Dahrlehnsscheinen« im »Geschäftslokale« zur Finanzierung des Blattes an. Mit dem Hinweis aber, dass, gelinge es nicht, bis zum 11. Oktober die Schwierigkeiten zu beseitigen, »wir uns genöthigt sehen, das Unternehmen fallen zu lassen«. Praktisch in letzter Minute konnte Marx in der Kölnischen Zeitung anzeigen, dass sein Blatt ab dem 11. Oktober wieder erscheinen werde.
Zweitens kommt man in der kompliziertesten Frage etwas weiter, dem Nachweis der Autorschaft von Marx und Engels, die ihre Artikel damaligen Gepflogenheiten gemäß anonym publizierten. Dabei geht es darum, sie von den anderen fünf Redakteuren – nach dem Eintritt von Ferdinand Freiligrath im Oktober 1848 von sechs – zu unterscheiden. Erstmals liegen in den drei Bänden für jeden Artikel begründete Urteile unter dem Abschnitt »Entstehung und Überlieferung« vor. Das betrifft auch jene fünfzig Beiträge, die in bisherigen Marx-Engels-Editionen veröffentlicht wurden, bei denen sich aber durch genaue, auch stilistische Analysen herausgestellt hatte, dass sie nicht von Marx oder Engels verfasst sind, sondern von anderen Mitarbeitern.
Artikel von Weerth und Engels
Von Georg Weerth etwa. Der ausgebildete Handelskaufmann hatte bereits im Vormärz eine Vielzahl von Gedichten, Aufsätzen, Prosaarbeiten und Feuilletons geschrieben, die mit Witz und Ironie gewürzt waren. Vor allem konnte er zügig schreiben – was bei der Arbeit an einem Periodikum mit diesem Rhythmus wichtig ist. Bis Anfang der 1990er Jahre hat die Forschung Weerth ausschließlich als »Cheffeuilletonist« gesehen und nicht als politischen Redakteur, der tatsächlich mehr als 240 Artikel verfasste. So wurden zum Beispiel die drei Artikel über den sogenannten Musterstaat Belgien in den Marx-Engels-Werken wie auch im russischen Ergänzungsband 43 Karl Marx zugesprochen. Die vorgenommenen Analysen ergaben, dass sie aber mit hoher Wahrscheinlichkeit von Weerth stammen.
Drittens: Stärker als bisher fällt die hohe Zahl der Artikel von Friedrich Engels auf. Das gilt vor allem für die MEGA²-Bände I/7 und I/9. Neben seinen bekannten Beiträgen zur Innenpolitik hat er vom 1. Juni 1848 bis zum 24. September täglich die revolutionären Ereignisse auf der Apenninenhalbinsel kommentiert. Die vorliegenden Marx-Engels-Ausgaben weisen für diesen Zeitraum lediglich acht Engels-Artikel aus. Jetzt ist es sogar möglich, die von Engels genutzten Quellen aus deutschen und ausländischen Zeitungen zu ermitteln. Da Engels Italienisch beherrschte, konnten drei entsprechende Zeitungen identifiziert werden, die er nachweislich für seine Artikel ausgewertet hat. Auf dieser Quellenbasis hat er insbesondere die Kampfhandlungen in Oberitalien und im »Königreich beider Sizilien« kommentiert.
Sichtbar wird, wie das Marxsche Blatt die italienischen Ereignisse als einen revolutionären Prozess in Wechselwirkung mit der gesamteuropäischen Revolution betrachtet. Zweifellos dürfte die NRZ 1848/49 das Blatt gewesen sein, das sich von demokratischer Position aus nicht nur am intensivsten mit den Ereignissen in der Region auseinandergesetzt hat, sondern auch die sozialen Triebkräfte für die nationale Einigungsbewegung (»Risorgimento«) herausarbeitete.
Diese Bewegung war mit dem Bemühen verbunden, die Herrschaft der Habsburger in Norditalien zu beenden. Das hervorzuheben ist deshalb notwendig, weil die Zeitung sich mit dieser Haltung in Deutschland auf einer einsamen Position befand. In der 48er Revolution vertraten bedeutende liberale und konservative Blätter einen engen nationalistischen Standpunkt. Sie beriefen sich hierbei auf tatsächliche oder vermeintliche Rechte sowie auf historische deutsche Traditionen bis zurück zu Friedrich I.
Auch die Mehrheit in der Frankfurter Nationalversammlung war der Auffassung, dass Deutschland aus strategischen und handelspolitischen Gründen einen legitimen Herrschaftsanspruch auf Lombardo-Veneto bis zum Mincio besitze.
Quick wie der Teufel
Noch intensiver wird Engels’ journalistische Tätigkeit im dritten Revolutionsband sichtbar. Von den im Hauptteil veröffentlichten Beiträgen stammen 159 von ihm, 19 von Marx. Letzterer war voller Bewunderung für den Freund, als er im Oktober 1853 an den Architekten Adolf Cluß schrieb: Engels sei »ein wahres Universallexicon«, »arbeitsfähig zu jeder Stunde des Tags und der Nacht, nüchtern und voll, quick im Schreiben und Begreifen wie der Teufel«.
Allein 124 Artikel befassen sich mit den militärischen Auseinandersetzungen in Ungarn, Schleswig-Holstein und Italien. Sie stammen ausnahmslos von Engels, der aufgrund seines Interesses für und seiner Sachkenntnis in Militärfragen die Bericht-erstattung über das Kriegsgeschehen in Europa übernommen hatte. Der größte Anteil – 94 Artikel, darunter sieben Leitartikel – fällt auf den ungarischen Unabhängigkeitskrieg gegen Österreich. Ungarns Nationalarmee, auch »Honvéds« (Vaterlandverteidiger) genannt, war es im Frühjahr 1849 gelungen, die kaiserliche Armee in die Nähe der Grenze Österreichs zurückzudrängen. Aufgrund dieses Vormarschs zeigte sich Engels überzeugt, dass von Ungarn aus ein erneuter revolutionärer Impuls für ganz Europa ausgehen werde.
Bei der Abfassung seiner Ungarn- und Italien-Artikel ist eine Besonderheit erwähnenswert: Engels nutzte zur Analyse der militärischen Ereignisse auf dem ungarischen Kriegsschauplatz und im März 1849 während der Schlacht von Novara (Norditalien) regelmäßig geographische Karten. Dadurch war er in der Lage, sich trotz ungenauer und insbesondere tendenziöser Berichte aus österreichischen Quellen einen annähernd sachkundigen Überblick zu verschaffen. Zugleich führte er mit Hilfe der Karten eine publizistische Auseinandersetzung mit der Kölnischen Zeitung und der Augsburger Allgemeinen Zeitung.
Von Interesse ist daher, mit welchem geographischen Kartenmaterial er gearbeitet hat. Es wurde im »Atlas von Europa in zweiundachtzig Blättern« von Friedrich W. Streit identifiziert, der vier Teilkarten von Ungarn einschließlich Siebenbürgen enthält. Dass Engels mit diesen Karten gearbeitet hat, ließ sich dadurch ermitteln, dass Streit analog zum genannten Atlas gemeinsam mit Wilhelm Fischer den »Historischen und geographischen Atlas von Europa« in drei Bänden herausgab. Der zweite Band mit der ausführlichen geographischen Beschreibung von Österreich, Ungarn und Siebenbürgen befand sich in der Bibliothek von Engels. Mit seinem Namenszug auf dem Vorsatzblatt und mit Anstreichungen versehen, wird dieser kostbare Band im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde aufbewahrt.
Gedenktafel in Köln
Abschließend soll auf die ermittelten Standorte der Redaktion und der Druckerei in Köln verwiesen werden. Obwohl ab und zu Stimmen laut werden, das politische Wirken von Karl Marx in Köln genauer aufzuarbeiten bis hin zu der Forderung, ein Denkmal für den zeitweilig berühmten Bürger der Stadt zu errichten, erfolgte bisher diesbezüglich keine städtische Initiative. Dank der Unterstützung durch das Historische Archiv in Köln war es möglich, im Katasteramt Einsicht in die Liegenschaften der Altstadt mit ihren Straßen und Plätzen zu nehmen, um so die beiden Häuser zu lokalisieren.
Vom 1. Juni bis 29. August 1848 befand sich die Redaktion in der Straße St. Agata Nr. 12/Ecke Schildergasse. Nach der Auseinandersetzung mit der Druckerei Clouth zog die Redaktion in die Gasse Unter Hutmacher Nr. 17. Den endgültigen Beweis für den Standort der Arbeitsstätte von Marx erbrachte ein Engels-Brief vom 19. März 1895, den er an den Sozialdemokraten Carl Hirsch gerichtet hatte. Engels trug ihm auf: »Und wenn Du mir gelegentlich mal wieder schreibst, sag mir, ob das alte Haus, hinter Hutmacher, wo die N. Rh. Ztg. war, noch immer Nr. 17 trägt und der Kleidersweater, der jetzt dort wohnt, Salomon oder Lewi heißt, ich hab’s vergessen.« Auch ließ sich der Sitz der Redaktion der Rheinischen Zeitung ermitteln, die Marx von Oktober 1842 bis März 1843 geleitet hatte. Er befand sich in der Schildergasse 99.
Angesichts der genauen Standortbestimmung der Redaktion am jetzigen Heumarkt Nr. 65 kam dem Autor die Idee, sich an die SPD-Stadtleitung mit dem Vorschlag zu wenden, eine Gedenktafel an diesem Haus anzubringen. Zusammen mit ihr und der Interessengemeinschaft Heumarkt, die die Tafel stiftete, wurde sie anlässlich des 150. Jahrestages des Erscheinens der roten Abschlussnummer in Anwesenheit von über 250 Teilnehmern enthüllt. Da zu diesem Zeitpunkt die Wahlvorbereitungen zum Oberhaupt der Stadt stattfanden, nutzte der Oberbürgermeisterkandidat der SPD, Klaus Heugel, die Gunst der Stunde, um die Plakette mit einzuweihen.
Ironie der Geschichte: 14 Tage später enthüllte die lokale Zeitung mit dem Titel Neue Rheinische Zeitung (sic!), dass Heugel als Stadtdirektor zum Bau einer städtischen Verbrennungsanlage Bestechungsgeld angenommen hatte. Damit fand die seit 1946 bestehende städtische SPD-Phalanx ein Ende. Anfang November 2021 kam dann die Nachricht, dass die Gedenktafel gestohlen worden sei. Der engagierte Journalist Ayhan Demirci von der Boulevardzeitung Express machte den Verlust öffentlich. Demirci gelang es mit Unterstützung befreundeter Unternehmer, die zehn Kilogramm schwere Messingtafel im Aufzugsraum des Hauses ausfindig zu machen. Es stellte sich heraus, dass der neue Eigentümer die Tafel wegen Sanierung der Fassade abgenommen hatte. Drei »Karnevalsprinzen«, so die Zeitung, »retteten die Ehre von Karl Marx«, indem sie mit Industriekleber die Gedenktafel wieder befestigten. Sie erklärten: »Eher stürzt das Haus ein, als dass die Tafel wieder entfernt werden kann.«
1 Ab 1927 waren in der Sowjetunion die ersten Bände einer wissenschaftlichen Gesamtausgabe erschienen, die im Zuge der Stalinschen Säuberungen 1940 abgebrochen wurde. Diese Ausgabe wird üblicherweise als MEGA¹ bezeichnet. Die deutsche MEGA-Ausgabe, um die es hier geht, wird als MEGA² bezeichnet.
François Melis ist Historiker und arbeitete bis Ende 2025 an den drei »Revolutions«-Bänden der Marx-Engels-Gesamtausgabe. Gegenwärtig untersucht er das politische Wirken von Ferdinand Lassalle in der Revolution von 1848/49 und sein Bekenntnis zur »Partei« der Neuen Rheinischen Zeitung.
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Danke für den sehr interessanten Artikel und auch die Ergänzung von Doris Prato im Onlineleserbrief mit dem wunderbar tragischen und trotzdem kämpferischen Abschiedsgedicht »Eine stolze Rebellenleiche« von Ferdinand Freiligrath (1810–1876). Der Dichter, so bei Wikipedia zu finden, begrüßte die Revolution von 1848 mit besonders zwei Versen – »Februar-Klänge« und »Die Revolution«. Ergänzend interessant steht dort auch folgendes: »Am 1. August 1848 trug Freiligrath im Volksklub, einer kürzlich gegründeten, politisch links stehenden Vereinigung in Düsseldorf, der er angehörte und als Kassierer diente, sein Gedicht Die Todten an die Lebenden vor. Nachdem das Gedicht dort Beifall gefunden hatte, in einer Auflage von 9000 Exemplaren gedruckt, verkauft und verbreitet worden war, wurde Freiligrath auf Initiative des Düsseldorfer Ober-Prokurators Karl Schnaase Ende August verhaftet und der ›Aufreizung zu hochverrätherischen Unternehmungen‹ angeklagt. Am 3. Oktober 1848 verhandelte ein Assisengericht in Düsseldorf den Prozess. Er endete mit einem Freispruch durch die Geschworenen und einem Festzug der Bevölkerung. Nach Polizeiangaben waren dabei 15.000 Menschen auf den Beinen, unter ihnen Karl Marx.«
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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Kein offener Hieb in offener Schlacht – / Es fällen die Nücken und Tücken, / es fällt mich die schleichende Niedertracht / der schmutzigen West-Kalmücken! / Aus dem Dunkel flog der tötende Schaft, / aus dem Hinterhalt fielen die Streiche – / Und so liege ich nun da in meiner Kraft, / eine stolze Rebellenleiche! / Auf der Lippe den Trotz und den zuckenden Hohn, / in der Hand den blitzenden Degen, / noch im Sterben rufend: „Die Rebellion“! – / So bin ich in Ehren erlegen. / Oh, gern wohl bestreuten mein Grab mit Salz / Der Preuße zusamt dem Zare – / Doch es schicken die Ungarn, es schickt die Pfalz / Drei Salven mir über die Bahre! / Und der arme Mann im zerrißnen Gewand, / er wirf auf mein Haupt die Schollen; / er wirft sie hinab mit der fleißigen Hand, / mit der harten, der schwielenvollen. / Einen Kranz auch bringt er aus Blumen und Mai’n, / zu ruhen auf meinen Wunden; / den haben sein Weib und sein Töchterlein /
nach der Arbeit für mich gewunden. / Nun ade, nun ade, du kämpfende Welt, / nun ade, ihr ringenden Heere! / Nun ade, du pulvergeschwärztes Feld, / Nun ade, ihr Schwerter und Speere! / Nun ade – doch nicht für immer ade! / Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder! / Bald richt ich mich rasselnd in die Höh, / bald kehr ich reisiger wieder! / Wenn die letzte Krone wie Glas zerbricht, / in des Kampfes Wettern und Flammen, / wenn das Volk sein letztes „schuldig“ spricht, / dann stehn wir wieder zusammen! / Mit dem Wort, mit dem Schwert, an der Donau, am Rhein – Eine allzeit treue Gesellin / wird dem thronezerschmetternden Volke sein / die Geächtete, die Rebellin!