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Aus: Marxismus, Beilage der jW vom 26.10.2022
Kommunistenverfolgung

Ein zweifacher Irrtum Engels’

Die preußische Justiz verfolgte die Neue Rheinische Zeitung 1848/1849 ununterbrochen. Weitgehend unbekannt ist, dass es einen ihrer Mitarbeiter besonders hart traf: Ferdinand Lassalle
Von François Melis
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Demonstration gegen Berufsverbote am 2. Februar 1980 in Stuttgart

Friedrich Engels schrieb an den französischen Sozialisten Paul Lafargue, Karl Marx’ Schwiegersohn, am 4. Mai 1880: »Lassalle ist niemals Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung gewesen. Er hat sogar niemals einen Beitrag geliefert mit Ausnahme des Feuilletons einer einzigen Nummer, und das wurde noch von der Redaktion vollkommen überarbeitet. (…) Niemals haben Marx oder ich mit Lassalle zusammengearbeitet.«

Den Feuilletonbeitrag hat Engels leider nicht genannt. Unabhängig davon enthalten die Aussagen einen zweifachen Irrtum. Dass Lassalle nicht als Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung (NRhZ) tätig war, ist unbestritten. Alle anderen Ausführungen bedürfen der Korrektur.

Erstmals nach Abschluss umfassender Recherchen legte der Literaturhistoriker und Bibliothekar Bruno Kaiser Georg Weerths »Sämtliche Werke in fünf Bänden« (1956/1957, Aufbau-Verlag) der Öffentlichkeit vor – eine herausragende editorische Leistung, da bis zu diesem Zeitpunkt Weerth in keinem einschlägigen Lexikon vorkam und kein Literaturhistoriker ihn erwähnt hatte. Im vierten Band »Prosa 1848/49« erschien aus der NRhZ vom 18. März 1849 der Feuilletonartikel »Le jeune Saedt«, der Weerth zugesprochen wurde. Auf diesen Beitrag wurde später als Beispiel für seine ironisch-satirische Angriffslust auf die preußisch-feudale Justiz bzw. in Dokumentationen verwiesen.

In der Arbeit am zweiten »Revolutions«-Band der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe von 2020, in dem überwiegend ihre Artikel aus der NRhZ von Oktober 1848 bis Februar 1849 ediert wurden, konnten auf der Grundlage neuer Forschungsergebnisse Einblicke in den arbeitsteiligen Prozess der acht Redakteure, darunter auch Weerth, die Mitwirkung der Korrespondenten und weiterer Demokraten gegeben werden. Zu den Demokraten, die sich in der Revolution von 1848/49 politisch engagierten und eng mit der Zeitung verbunden waren, gehörte auch Ferdinand Lassalle (1825–1864). Die Untersuchung seines Wirkens für die NRhZ führte zu der Erkenntnis, dass er mit annähernder Sicherheit Autor des anonym erschienenen Feuilletonbeitrages »Le jeune Saed« ist und nicht Weerth. Darüber hinaus kann nunmehr ebenfalls nachgewiesen werden, dass Lassalle seit dem Wiedererscheinen der NRhZ am 12. Oktober 1848 und bis zu seiner erneuten Verhaftung am 22. November 1848 vier Korrespondenzen an die Marxsche Zeitung übermittelt hat.

Lassalle im Gefängnis

Marx als Chefredakteur der NRhZ und seine Mitarbeiter lernten den intelligenten und rhetorisch äußerst begabten jüdischen Philosophiestudenten Ferdinand Lassalle im Sommer 1848 kennen, der sich nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis in Düsseldorf aktiv politisch betätigte. Wegen des Vorwurfs der Beihilfe zum Kassettendiebstahl saß Lassalle von Februar bis August 1848 in Untersuchungshaft, wurde jedoch am 11. August in einem über Deutschland hinaus beachteten Geschworenenprozess freigesprochen. Die NRhZ hatte ausführlich über die Verhandlungen mittels stenographischer Aufzeichnungen berichtet. Ihre Veröffentlichung weckte allerdings nach Aussagen vom Journalisten und Historiker Gustav Mayer bei einigen Redaktionsmitgliedern Bedenken, dass Lassalle die NRhZ im Dienst privater Händel nutzen würde, zumal ein Ruch der Kriminalität über dem Prozess lag.

Marx setzte sich offensichtlich über diese Bedenken hinweg. Wiederholt sandte Lasssalle »Mittheilungen und Korrespondenzen« an die Zeitung. Er soll auch gelegentlich selbst in der Redaktion erschienen sein. Dass sich ein »allmählich freundschaftlicher persönlicher Verkehr« zwischen den beiden herausgebildet hat, so Bernstein weiter, bestätigen auch die erhalten gebliebenen Briefe von Marx und Lassalle Ende 1848 und im Frühjahr 1849, in denen u. a. die Anrede mit Du dazu gehörte. Ihre enge Zusammenarbeit während der Revolution zeigt sich insbesondere in zwei spektakulären Ereignissen.

Am 17. Oktober 1848 bewarfen ein Unteroffizier und Soldaten der Düsseldorfer Garnison während einer Volksversammlung des Vereins für demokratische Monarchie die Fenster des Vereinshauses in der Bolkerstraße mit Steinen und misshandelten Bürger. Lassalle, der zufällig mit einem Bürgerwehrhauptmann in der Nähe war, wurde von einer Anzahl von Soldaten mit gezogenen Säbeln bedrängt. Zusammen mit einer Deputation des Vereins führten sie Beschwerde über den Exzess beim Düsseldorfer Standortkommandanten Generalleutnant Otto von Drigalski. Es kam zu einem heftigen Wortwechsel, den der General als Hausfriedensbruch auslegte.

Wahrscheinlich noch am Abend, spätestens am folgenden Morgen, entwarf Lassalle über den Vorfall eine Korrespondenz für die NRhZ, die am 20. November mit der Ortsangabe »Düsseldorf« und dem Signum »÷« anonym erschien – eine in der damaligen Zeit gebräuchliche Verfahrensweise. Spöttisch bezeichnete er darin Drigalski aufgrund seines wütenden und lautstarken Auftretens gegenüber der Abordnung als einen »Auerhahn«. Der General würde sich mit seiner »donnernden Stimme« zu einem »ohrenzerreißenden Gebrülle«, wobei er »kirschbraun« anlief, hinreißen lassen. Lassalle resümierte abschließend den Vorfall: »Auf so pöbelhafte, so schamlose Weise wird von der obersten Militärbehörde Düsseldorf eine Deputation Bürger empfangen, welche sich an den Schutz derselben mit einer Beschwerde wendet.« An die Leser gewandt, ergänzte er: »Ich kann Sie versichern, dass wir über die Exzesse des Herrn Drigalsky bei weitem mehr entrüstet waren als über die Soldaten.«

In seiner Ehre durch die Zeitungsbeiträge bloßgestellt, schaltete Drigalski die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ein. Der Suche nach dem »Übeltäter« zuvorzukommen, stellte sich Lassalle freiwillig dem stellvertretenden Oberstaatsanwalt Gustav von Ammon, indem er sich in einem Brief am 23. Oktober als Verfasser zu erkennen gab.

Prozessakten gefunden

Die Erkenntnis, dass sich hinter dieser Korrespondenz in der Tat Lassalle verbarg, einschließlich der juristischen Folgen, ist einem Glücksumstand zu verdanken. Der Historiker Heinz Zumfeld fand 1983 zufällig Gerichts- und Prozessakten aus dem Revolutionsjahr 1848. Außer der kompletten Prozessakte gegen Ferdinand Freiligrath im Zusammenhang mit seinem Gedicht »Die Toten an die Lebenden« befanden sich darunter u. a. das zwölfseitige Manuskript der Korrespondenz und ein von Marx unterschriebenes Vernehmungsprotokoll vor dem Instruktionsrichter Franz Joseph Kratz in Köln vom 21. Dezember 1848. Marx sollte als Chefredakteur der NRhZ aufgrund Lassalles Korrespondenz wegen »Betheiligung an der Verläumdung des Generals von Drigalsky« angeklagt werden.

Die Zusammenarbeit zwischen Marx und Lassalle intensivierte sich dann in den nächsten Wochen und Monaten. Vorausgegangen war die im November 1848 sich zuspitzende politische Situation in Preußen, die die sogenannte Steuerverweigerungskampagne im Spätherbst 1849 auslöste. Nach der blutigen Niederschlagung des Wiener Oktoberaufstandes ging der König Friedrich Wilhelm IV., gestützt auf das Militär, gegen die Berliner Nationalversammlung vor. Sie hatte mehrheitlich gegen die Berufung des reaktionären Friedrich Wilhelm Graf von Brandenburg zum preußischen Ministerpräsidenten gestimmt. Deshalb verfügte der König am 9. November die Verlegung und Vertagung der Nationalversammlung nach Brandenburg. Als Reaktion darauf fasste die in Berlin verbliebende Mehrheit der Abgeordneten, bereits unter Belagerungszustand und Kriegsrecht, am 15. November den Steuerverweigerungsbeschluss. Dieser löste in Preußen eine breite Resonanz aus.

Steuerverweigerung

Schon vor dem Beschluss der Berliner Versammlung erließen Marx und der Kölner Rechtsanwalt Karl Schneider am 14. November 1848 im Namen des Rheinischen Kreisausschusses der Demokraten einen Aufruf, sofort die Vereine zusammenzurufen und an allen Orten der Nachbarschaft Volksversammlungen einzuberufen, um die gesamte Bevölkerung zur Steuerverweigerung aufzurufen, »als dem zweckmäßigsten Mittel«, den »Gewalthandlungen des Gouvernements entgegenzutreten«. Schon einen Tag zuvor schrieb Marx, offensichtlich in Eile, an Lassalle in Düsseldorf: »Beschließt in eurem demokratisch-monarchischen Clubb: 1) Allgemeine Steuerverweigerung – speziell auf dem Lande zu propagiren; 2) Freischaaren nach Berlin; 3) Geldsendungen an den demokratischen Centralausschuß in Berlin. Im Auftrage des rheinischen demokratischen Provinzialausschusses«.

Lassalle reagiert unverzüglich auf Marx’ Aufforderung. Während er am 14. November in der Versammlung des Volksklubs sprach, wurde ihm Marx’ Brief zugereicht. Nachdem er ihn überflogen hatte, stellte er den Antrag, Freischaren in Düsseldorf zu bilden. Es würden dafür Listen ausgelegt, in denen sich Freiwillige eintragen sollten. Damit korrigierte Lassalle seine drei Tage zuvor vertretene Ansicht, von der Bildung von Freischaren abzusehen. Er wurde in eine Kommission gewählt, die die Beschaffung von Waffen und Munition zu organisieren hatte. (…)

Lassalles Korrespondenz für die NRhZ über die Steuerverweigerungskampagne in Düsseldorf sollte allerdings die letzte sein. Der Regierungspräsident Adolph von Spiegel-Borlinghausen nahm die Kontrolle der Post durch die Bürgerwehr zum Anlass, um am 22. November den Belagerungszustand über Düsseldorf und Umgebung zu verhängen. Damit war die vollziehende Gewalt in die Hände der Militärs übergegangen. Noch am Nachmittag desselben Tages wurde Lassalle auf dem Rathaus verhaftet, am 9. Dezember Cantator und der Arbeiter Peter Wilhelm Weyers vom Volksklub. Die Tätigkeit aller politischen und sozialen Vereine wurde untersagt, das Versammlungsrecht stark beschränkt und die Bürgerwehr aufgelöst.

Marx’ publizistisches und Lassalles öffentliches Auftreten zur Steuerverweigerung rief die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Gegen Marx, Schneider und Karl Schapper, der den zweiten Aufruf des Rheinischen Kreisausschusses zur Steuerverweigerung vom 18. November mitunterzeichnet hatte, wurden gerichtliche Untersuchungen eingeleitet. Am 8. Februar 1849 mussten sie sich vor dem Kölner Geschworenengericht wegen »Aufreizung zur Rebellion« verantworten. Die Verhandlung endete für sie mit Freisprüchen.

Erneute Verurteilung

Für Lassalle hatte sein Engagement fatalere Folgen. Lediglich mehr als drei Monate in Freiheit, saß er jetzt erneut bis Anfang Juli 1849 in Haft. Gegen ihn erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Aufforderung zum gewaltsamen Widerstand gegen die königliche Gewalt. Die Untersuchung wurde bewusst bis 3. Mai 1849 verschleppt, um ihn als eine charismatische Führungspersönlichkeit in der Revolution auszuschalten. Nach zwei Verhandlungstagen erhielt er zusammen mit Weyers von den gewählten Geschworenen einen Freispruch. Doch kam er sofort wieder in Haft, da er nunmehr wegen Widerstands gegen Staatsbeamte an das Zuchtpolizeigericht verwiesen wurde. Berufsrichter verurteilten ihn am 5. Juli zu sechs Monaten Gefängnis. Aufgrund seines Gesundheitszustandes wurde er gegen Kaution von 500 Reichstalern auf freien Fuß gesetzt, musste aber dann die Strafe vom 1. Oktober 1850 bis 1. April 1851 verbüßen. (...)

In den folgenden Wochen und Monaten setzten sich Marx und Engels sowie die beiden Redaktionsmitglieder Heinrich Bürgers und Weerth vehement für Lassalle ein. Darüber hinaus organisierten die demokratischen und Arbeitervereine von Düsseldorf und Köln eine Adresse mit 2.800 Unterschriften, die eine 16köpfige Delegation am 2. Januar 1849 dem Kölner Generalstaatsanwalt Georg Heinrich Franz Nicolovius überreichte und um die Beschleunigung der Untersuchung gegen Lassalle sowie um dessen bessere Behandlung baten. Die Adresse brachte die NRhZ zwei Tage später an der Spitze des Blattes. Nicht zufällig veröffentlichte es auch auf der Titelseite im Feuilletonteil einen Brief Heinrich Heines an den Chronisten Karl August Varnhagen von Ense über Lassalle aus dem Jahre 1846 als Ausdruck der Solidarität mit dem Inhaftierten. Darauf weist der anschließend wahrscheinlich von Weerth verfasste Kommentar hin.

Die NRhZ öffnete ihre Spalten nicht nur für Erklärungen von Lassalle, sondern Marx nutzte vor allem die nachgewiesene absichtliche Verschleppung der Untersuchung gegen diesen, um auf die Motive und auf die schikanösen Haftbedingungen sowie auf die zahlreichen Fälle von Amtsmissbrauch aufmerksam zu machen. Er und Lassalle standen fortwährend brieflich in Verbindung, um sich über das Vorgehen auszutauschen und abzustimmen. So hatte sich Marx alle Akten zu Lassalles behördlichen Vorgängen nach Hause kommen lassen. In seinem Leitartikel »Lassalle« brachte er beispielsweise detailliert das skandalöse Auftreten des Düsseldorfer Gefängnisdirektors Morret am 5. Januar 1849 im Beisein des Instruktionsrichters vor, in dem dieser Lassalle in einem Wortgefecht Gewalt angedroht hatte. Eine Beschwerdeführung an Oberstaatsanwalt von Ammon wegen Amtsüberschreitung des Direktors wies dieser mit fadenscheiniger Begründung zurück. Das veranlasste Marx, den Vorfall publik zu machen, damit »die öffentliche Stimme die Beschwerde des Gefangenen unterstütze«. Einen Tag zuvor war Marx davon überzeugt, dass nach dem Freispruch der Geschworenen im Steuerverweigerungsprozess vom 8. Februar Lassalle und Cantator aufgrund derselben Anklage »wohl bald wieder in Freiheit gesetzt werden«. Doch hier irrte er sich, die preußische Staatsgewalt saß am längeren Hebel.

Ungeachtet dessen nutzte Marx die journalistische Feder, um die Machenschaften der Staatsanwaltschaft anzuklagen. Als bekannt wurde, dass die Düsseldorfer Ratskammer am 22. Februar 1849 beschlossen hatte, Lassalle, Cantator und Weyers für dasselbe Vergehen nicht nur vor die Geschworenen, sondern auch vor das Zuchtpolizeigericht zu stellen, richtete Marx, nachdem er auf der Grundlage des in der Rheinprovinz geltenden Code d’instruction criminelle nachgewiesen hatte, dass niemand nach einem Freispruch für dasselbe Vergehen nochmals angeklagt werden kann, an die Ratskammer die Frage, »ob ihr patriotischer Eifer ihren juristischen Scharfsinn nicht übertölpelt hat« und ob hinter dieser Entscheidung seitens des Instruktionsrichters eine »persönliche Feindschaft gegen Lassalle« stehe. Die Errungenschaft der französischen Gesetzgebung verteidigend, betonte er: Der schwebende Fall sei nicht nur wichtig, weil es sich um die Freiheit und das Recht eines Mitbürgers, eines unserer Parteifreunde handele, sondern ob es dem Gutdünken der besoldeten Robe anheimgestellt bleibt, das unbesoldete Geschworenengericht zu einem bloßen Schiedsgericht herabzuwürdigen. Schon zwei Monate vor der Gerichtsverhandlung sah Marx voraus, dass Lassalle nach der Urteilsverkündung der Geschworenen erneut in Haft kommen werde. Noch am selben Tag, als Marx den Artikel geschrieben hatte, wurde er zusammen mit Engels, Schapper, dem Mitglied der Kölner Demokratischen Gesellschaft Moritz Rittinghausen und dem Sohn der Gräfin Hatzfeldt Paul beim Generalstaatsanwalt Nicolovius vorstellig. Dieser erklärte, dass ein weiterer Lassalle belastender Brief aufgetaucht sei und mit der erneut notwendigen Untersuchung der Assisen-Prozess verschoben werden müsse. Da Marx allerdings bereits von dem Inhaftierten am 28. Februar informiert worden war, dass von Ammon den Brief bewusst drei Wochen zurückgehalten und ihn nicht dem Instruktionsrichter übergeben hatte, unterstellte Marx ihm prompt in einem weiteren Artikel: »Uns scheint das wahre Motiv dieses Verfahrens kein anderes zu sein, als: Furcht vor der öffentlichen Führung eines Prozesses, der durch die in jüngster Zeit zu Köln verhandelten bereits zugunsten der Angeklagten entschieden ist«. Marx bezog sich hierbei auf seinen bereits erwähnten eigenen Freispruch vom 8. Februar. (…)

Weerth oder Lassalle?

Der Feuilletonbeitrag »Le jeune Saedt« steht mit der Hatzfeld-Affäre in unmittelbarem Zusammenhang und berührt zugleich den Fall Lassalle, der fast sechs Monate wegen des Vorwurfs der Beihilfe zum Kassettendiebstahl in Untersuchungshaft saß. Am 5. August 1848 wurde er mit einer Kutsche vom Gefängnis zum Kölner Appellhofplatz zur Eröffnung der Geschworenenverhandlung gebracht. Dabei hatte die Gräfin von Hatzfeldt dem vorbeifahrenden Lassalle eine Kusshand zugeworfen, wobei auch ein Taler in den Wagen gefallen sein soll. Diese Handlung wurde vom Staatsanwalt als Versuch angesehen, die begleitenden Polizisten zu bestechen. Sie wurde deshalb vor das Zuchtpolizeigericht gestellt, jedoch am 17. März 1849 freigesprochen. Otto Saedt, Staatsanwalt am Kölner Landgericht, vertrat die Anklage gegen die Gräfin. Einen Tag vor der Verhandlung veröffentlichte die NRhZ den Feuilletonartikel. Eigentlich wurden im Vorfeld von Gerichtsprozessen gegen missliebige Demokraten oder auch gegen mutige Liberale durch die Redaktion der NRhZ Kommentare zu ihrer Verteidigung im politischen Teil der Zeitung veröffentlicht. Hier wurde jedoch gezielt der Feuilletonbereich »unter dem Strich« genutzt, da der Verfasser von »Le jeune Saedt« die Verhandlung als »ein(en) interessante(n) Gegenstand für das Feuilleton« der NRhZ ansah. So zog sich ein »stummgeschenkter Thaler und eine stumme nicht konstatirte Kußhand« wie ein roter – genauer spottgeladener – Faden durch den ganzen Beitrag, für die der Staatsanwalt drei Monate Gefängnis beantragt hatte: »Ach, Herr Saedt, wenn jede Kußhand so teuer zu stehen käme, wo käme die Welt und namentlich die jungen Pseudografen« hin? Der Spott saß tief, und Saedt war in der Öffentlichkeit blamiert. Die Resonanz war zumindest in der Rheinprovinz groß. Der Jurist Bartholomäus Junck aus Kleve – der Geburtsstadt von Saedt – schrieb an Marx, man habe uns hier in der Gesellschaft »Concordia« die Nummer der Zeitung, »worin le jeune Saed daguerreotypirt ist, escamotirt«. Marx solle so gütig sein, »zwey neue Exemplare sous bande« zuzusenden. Und wenig später schrieb Lassalle aus Düsseldorf an Marx: »Unser »jeune Saedt« hat einen ganz unbeschreiblichen Erfolg hier wie in Cöln gehabt. Wie ich aus sichrer Quelle höre, hat Saedt sofort auf seine – Versetzung angetragen! Der wäre also aus Cöln herausgeschlagen.« Letzteres war allerdings ein Gerücht.

Genau einen Monat zuvor hatten Marx und Engels im Zusammenhang mit den Gerichtsprozessen in Preußen, vor allem gegen prominente Steuerverweigerer – so auch in der Rheinprovinz – mit Saedt die politische und juristische Klinge gekreuzt. Der Demokrat und Universitätsprofessor Gottfried Kinkel musste sich vor dem Bonner Zuchtpolizeigericht verantworten, da er einerseits in einer Bürgerwehrversammlung am 19. November 1849 »zum gewaltsamen Angriff gegen die Steuerfordernden Zollbeamten aufgeregt« und andererseits durch einen Artikel in seiner Neuen Bonner Zeitung »die sämmtlichen in Mainz stehenden Preußischen Soldaten verläumdet« habe. In dem Artikel bezeichneten der Chefredakteur und sein Stellvertreter Engels ironisch den Staatsanwalt als »Hr. Saedt«, der »noch jung« sei. Vor allem eine Äußerung von Saedt, der die Anklage gegen Kinkel erhoben hatte, nahmen sie aufs Korn, um ihn der Lächerlichkeit preiszugeben: »Zu Deutsch: Sie dürfen Alles was ich sage, widerlegen, aber Sie dürfen meinen Vortrag nicht kritisieren.« Engels, der mehrere Fremdsprachen beherrschte, wiederholte dann in fünf von ihnen den Ausspruch. Sich an den Staatsanwalt wendend, meinte er dann spöttisch: »Hr. Saedt möge selbst entscheiden, in welcher Sprache sein Ausspruch am heitersten lautet.«

Der ironisch bezeichnete »junge Saedt« taucht nicht zufällig einen Monat später als Feuilletontitel wieder auf. Dass Bruno Kaiser den anonymen Beitrag Weerth zugesprochen hat, lag auf der Hand, bezeichnete Ferdinand Freiligrath ihn doch im Juni 1849 als den »humoristische(n) Theil des entschlafenden Feuilletons«. Und hatte Engels nicht überschwengliche Worte für Weerths Tätigkeit an der NRhZ gefunden, als er schrieb: »Weerth übernahm das Feuilleton, und ich bezweifle, ob je eine andere Zeitung ein so lustiges und schneidiges Feuilleton hatte.« Diese Sicht als »Cheffeuilletonist der NRhZ« hatte bis weit in die 1990er Jahre unter Literaturwissenschaftlern und in der Historikerzunft Bestand.

Die erwähnten, 1983 durch Zumfeld aufgefundenen Gerichts- und Prozessakten aus dem Revolutionsjahr waren in Vorbereitung der Editionsarbeit am MEGA²-Band I/8 Veranlassung, einen genaueren Blick auf den Briefwechsel zwischen Marx und Lassalle im Spätherbst 1848 und Frühjahr 1849 sowie auf die anonymen Korrespondenzen aus Düsseldorf zu werfen. Dadurch konnte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Lassalle als authentischer Autor von »Le jeune Saedt« identifiziert werden. Mehr noch: Der Beitrag wurde darüber hinaus von Marx redigiert, indem er Einfügungen vorgenommen hat. Eine Schlüsselrolle bei der Identifizierung spielte Lassalles Brief vom 26. März 1849 an Marx. Im Zusammenhang mit seinem Vorschlag an den Chefredakteur, ein 16seitiges Manuskript über die Kritik der Zivilrechtspflege als Serie in die NRhZ aufzunehmen, bat er ihn: »Verbinden würdest Du mich, wenn Du noch etwas von dem giftigsten être suprême (überragend) Deines Geistes in Form von Anmerkungen oder Einschaltungen hinzu thust. Wie neulich bei Saedt.«

Zusätze von Marx

Drei weitere Indizien sprechen für Lassalle: Der von Marx und Engels in ihrem Artikel vom 18. Februar bezeichnete »Hr. Saedt, der noch jung ist« wurde offensichtlich von Lassalle für den Titel seines Feuilletonbeitrags aufgegriffen. Es dürfte auch kein Zufall sein, dass er zu Beginn seines Briefes vom 26. März von »unser(em) ›­jeune Saedt‹« schrieb als Zeichen der gemeinsamen Freude über die Resonanz des Beitrages in Düsseldorf und Köln. Desweiteren erwähnte Lassalle in seinem Feuilletonbeitrag an die Adresse des Staatsanwalts, dass er »weit pikantere, sehr küßliche Geschichten« besäße, die er vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt vorlegen werde. Marx hatte bereits »vor langer Zeit« ihn um eine »serieuse Critik der Civilrechtspflege des Appell Hofes» ersucht, deren Disposition er jetzt im Brief vorschlug. Er hob hervor, dass der Kölner Gerichtshof ebenso kompromittiert werde und »noch mehr als Saedt neulich au ridicul« (lächerlich). Ein weiterer wichtiger Aspekt von Lassalles Autorschaft, der bereits angedeutet wurde: An zwei Sätzen von »Le jeune Saedt« erfolgten zum besseren Verständnis für die Leser in Klammern ergänzende Angaben, die von Marx vorgenommen wurden. Im ersten Fall wurden für die Strafhandlung wegen »Bestechung von Beamten« die entsprechenden Gesetzesartikel des französischen Strafgesetzbuches von 1810 hinzugesetzt: »Art. 177, 179 Code pénal«. In einem weiteren Zusammenhang wies Lassalle auf das Geschäftsgebaren hin, in dem eine »Leistung, eine Valuta, für welche eine Gegenleistung, eine Gegenvaluta erfolgt«. Darauf in Klammern ergänzt: »sei es nun eine Ware oder ein anderer Wert, wie z. B. eine Handlung« – letztere offensichtlich auf die »Kußhand« bezogen. Solche Einfügungen sowie auch im Text mehrfache typographische Hervorhebungen sowie ein bis drei Ausrufezeichen gehörten bei Marx und Engels in ihren Artikeln zur journalistischen Gepflogenheit.

François Melis Ist Historiker und erforscht insbesondere die Geschichte der Neuen Rheinischen Zeitung im Kontext der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA²) . Der Artikel wurde redaktionell gekürzt, die ausgelassenen Passagen sind durch (...) gekennzeichnet

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