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Dumm klickt gut
Wie das Finale der Fußball-WM im Netz zum Stellvertreterkrieg um Nahost wurde, Argentinien plötzlich am Pranger stand und am Ende mal wieder die Falschen profitierten
Was in den sozialen Medien Fahrt aufnimmt, mündet mitunter in Staatsgewalt. Ende Juli unterzeichnete Argentiniens Präsident Javier Milei ein Dekret, das das Migrationsrecht verschärft. Ausländer, die »Hassbotschaften« gegen Argentinien verbreiten, dürfen künftig an der Einreise gehindert oder ausgewiesen werden. Die Neuregelung kopiert die nationalistische Politik westlicher Ultrarechter wie US-Präsident Donald Trump, ein Busenfreund von Milei. Und sie kommt nicht zufällig nur wenige Tage nach der Fußballweltmeisterschaft der Herren.
Im Dekret heißt es, »Hassbotschaften sowie feindselige und herabwürdigende Handlungen, die sich speziell gegen das argentinische Volk, seine Kultur und seine nationale Identität richten, haben erheblich zugenommen.« Milei selbst verwies auf X auf »die jüngsten Feindseligkeiten« gegenüber Argentinien. In den Tagen zuvor hatte er von einer »antiargentinischen Kampagne« gesprochen – gesteuert von den linksgerichteten Regierungen von Mexiko und Brasilien sowie Vertretern der US-Demokraten.
Was war geschehen? Die ultrarechte Regierung nutzt einen Umstand, über den in Argentinien seit der WM diskutiert wird: das Gefühl, Opfer einer Hetzkampagne geworden zu sein. Innerhalb weniger Wochen schwappte, vor allem über soziale Medien, eine Welle des Hasses auf Argentinien durchs Netz. Er richtete sich teils gegen die Nationalmannschaft, teils gegen die Bevölkerung insgesamt. Die Heftigkeit und Intensität der Vorwürfe überraschten; von einer »Kampagne« zu sprechen, wäre dennoch übertrieben, auch wenn davon ausgegangen werden muss, dass die Algorithmen sozialer Netzwerke wie X ihren Anteil an der Entwicklung der Ereignisse hatten.
Ausgehend von rassistischen Entgleisungen einzelner argentinischer Fußballfans stand bald die Behauptung im Raum, alle Argentinier seien Rassisten. Als angeblicher Beweis diente – wie schon 2022 – der Befund, dass im Nationalteam kein schwarzer Spieler zu finden ist. Das Land sei sogar »eines der rassistischsten, wenn nicht das rassistischste Land der Welt«, behauptete das SEC Black Alumni Network. Der afroamerikanische Schauspieler Samuel Jackson verhalf dem Statement in den sozialen Medien zu Verbreitung. Wenige Stunden vor dem WM-Finale gegen Spanien teilte er den Post auf Instagram. Schwarze wurden dazu aufgefordert, nicht das argentinische Nationalteam anzufeuern. Ein KI-generiertes Bild zeigte die von Jackson gespielte Figur Stephen aus dem Film »Django Unchained« in einem Trikot der Albiceleste.
In Argentinien setzten sich progressive Stimmen rasch mit dem Rassismusvorwurf auseinander. Der Historiker Ezequiel Adamovsky widmete dem Thema in der Zeitschrift Anfibia einen langen Beitrag. In diesem erkannte er die Wichtigkeit an, den im Land existierenden Rassismus zu skandalisieren. Der Behauptung, Argentinien sei das »rassistischste Land der Welt«, erteilte er jedoch eine Absage – insbesondere dann, wenn sie ausgerechnet aus den Ländern des globalen Nordens komme. Der Philosoph und Chefredakteur von Jacobin América Latina, Martín Mosquera, ging in einem Interview weiter. Er sprach von »Hassrede«, die als »progressiv« getarnt werde. »Fortschrittliche« Intellektuelle aus Europa und den USA hätten Argentinien anhand rassistischer Kategorien verurteilt, die in ihren eigenen Ländern bestehen, ohne sich mit der sozialen Realität in dem südamerikanischen Land zu beschäftigen. Das entspreche genau der kolonialen Haltung, als deren Gegner sie sich sonst inszenierten.
Tatsächlich ritten auch als fortschrittlich geltende Akteure die antiargentinische Welle. Jackson gilt in der Öffentlichkeit als aufrichtiger Kämpfer für die Rechte von Afroamerikanern – in einem Land, dessen Geschichte von Sklaverei und Rassentrennung bis in die Gegenwart wirkt. Der Ökonom und frühere Finanzminister Griechenlands, Yanis Varoufakis, zeigte sich nach dem Finale begeistert. Mit Spanien habe die »wunderbare Teamfähigkeit« und »der funktionale, gesunde Multikulturalismus« über den »blendenden Individualismus« der Argentinier gesiegt. Aus sportlichem Wettkampf war längst eine moralische Auseinandersetzung geworden: hier das »zivilisierte«, »fortschrittliche« Spanien, dort das »gewaltvolle« und »rassistische« Argentinien.
Als sich abzeichnete, dass Argentinien im Finale auf Spanien treffen würde, kam eine weitere Ebene hinzu: Das Spiel wurde zum Duell zwischen Israel- und Palästina-Solidarität stilisiert – eine Art Proxy War. Ausgangspunkt dürfte die Instrumentalisierung durch die israelische Regierung gewesen sein, die sich geschlossen hinter Argentinien stellte. Besondere Aufmerksamkeit erhielt ein Video: Der argentinische Botschafter Rabbi Shimon Axel Wahnish spielt Premier Benjamin Netanjahu eine Sprachnachricht Mileis vor – »Du bist mein Freund, und ich danke dir, dass du Argentinien die Daumen drückst.« Netanjahu antwortet: »Wir unterstützen dich, und wir unterstützen Argentinien auf so viele Weisen – auch morgen!«
Milei bezeichnet sich als »zionistischsten Präsidenten der Welt« und unterstützt Israel bedingungslos, auch im Krieg gegen Gaza. Spaniens sozialdemokratische Regierung gilt hingegen als besonders palästinasolidarisch, ebenso die spanische Zivilgesellschaft. Das reichte auf israelischer Seite, um das Land zu verdammen. Der rechtsradikale Siedler Baruch Marzel verbrannte im Trikot der Albiceleste die spanische Flagge. Shootingstar Lamine Yamal wurde im Fernsehen als »Hund« beschimpft, da er bei der Meisterfeier seines Klubs FC Barcelona kurz eine Palästinaflagge hielt, die ihm ein Fan überreicht hatte.
Palästinasolidarische Akteure machten das spanische Team wiederum zur Projektionsfläche eigener Ideale, das argentinische wurde verleumdet. Lionel Messi galt plötzlich als überzeugter Zionist. Als Beleg wurde ein Foto herangezogen, das ihn an der Klagemauer in Jerusalem zeigt. Aufgenommen worden war es allerdings 2013 im Rahmen einer »Friedenstour«, auf der Messi mit seinem damaligen Team Barcelona auch in Palästina Station machte. In sozialen Medien kursierten Bilder von Palästinensern, die in Gaza zwischen den Trümmern den Sieg der Spanier bejubelten. Die UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, schrieb auf X, manche Siege erinnerten daran, »dass die Freiheit noch immer siegen kann« – und dankte Spanien und »allen, die weiterhin mit Mut und Würde für Gerechtigkeit eintreten«.
Zwar hatte es vereinzelt Bilder von Fans der Albiceleste gegeben, die in WM-Stadien provozierend die Israelflagge schwenkten. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Umfragen wie die des Pew Research Center von Anfang des Jahres in der argentinischen Bevölkerung gerade einmal 13 Prozent Zustimmung für Netanjahus Politik ausmachen. Trotzdem wurde Mileis Position reflexhaft auf Team und Bevölkerung projiziert.
Der Fußball ist politisch, das ist unbestreitbar und gilt um so mehr bei einem globalen Spektakel wie der WM. Es braucht aber mehr als einen flüchtigen Blick auf die Oberfläche, der einfache Identifikationsmöglichkeiten verspricht. Dass platte Projektionen auf komplexe Sachverhalte am Ende den Falschen nutzen, zeigt die Farce um das WM-Finale 2026.
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