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Die Angst ist zurück
Zehn Jahre nach dem Friedensschluss mit dem kolumbianischen Staat schauen ehemalige FARC-Kämpfer im nordöstlichen Pondores voller Sorge in die Zukunft
Neuen Bekanntschaften stellt er sich als Heiner Arrieta vor. In Pondores allerdings kennt ihn fast niemand unter diesem Namen. Für die Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinde im Departamento La Guajira im Nordosten Kolumbiens ist und bleibt der 43jährige »Henry«, auch fast zehn Jahre nach dem Friedensschluss der Guerilla FARC-EP mit der damaligen Regierung unter Juan Manuel Santos. »Henry« war sein Kampfname in den Reihen der Rebellenorganisation. Dort kannte niemand die bürgerlichen Namen seiner Genossinnen und Genossen.
Den FARC schloss sich Arrieta mit 16 Jahren an. Der Ventilator bei ihm zu Hause läuft auf Hochtouren, für Abkühlung sorgt er in der Hitze nicht wirklich. Arrieta zeigt auf den Bildschirm seines Computers. Auf einem Foto sind mehrere Männer und Frauen in Uniform zu sehen, die im Schatten eines Baumes ruhen: »Dieses Foto ist auf dem Weg hierher entstanden«, sagt er. »Unser Fußmarsch nach Pondores wurde landesweit als der letzte Marsch bezeichnet. Es sollte das letzte Mal sein, dass wir losmarschieren.«
In Pondores kamen die Guerilleros am 2. Februar 2017 an. Der Friedensvertrag war gerade einmal zwei Monate vorher, am 1. Dezember 2016, in Kraft getreten. Zuvor war er überarbeitet worden, nachdem eine Mehrheit der Bevölkerung das Abkommen nach einer rechten Medienkampagne in einem Referendum abgelehnt hatte. Es war der erste schwere Rückschlag für den international gefeierten Friedensprozess, der dem mehr als 50 Jahre andauernden bewaffneten Konflikt ein Ende bereiten sollte. Weitere sollten folgen.
238 Männer und Frauen vom FARC-Bloque »Martín Caballero« von der Karibikküste seien nach Pondores gekommen, erzählt Arrieta. Hier entstand eines von landesweit 24 ETCR, also »Territorialen Räumen für Ausbildung und Wiedereingliederung«. In den ETCR gaben die fast 14.000 FARC-Kämpfer unter UN-Aufsicht ihre Waffen ab. Später sollte ihnen hier die Wiedereingliederung ins zivile Leben erleichtert werden.
Fast zehn Jahre sind seit der Ankunft vergangen. Während die Bewohner anderer ETCR oft längst woanders hingezogen sind, leben viele in Pondores immer noch hier. Die Siedlung besteht aus Dutzenden baugleichen Wohneinheiten mit roten Wellblechdächern und dünnen Wänden. Unter der knallenden Sonne der Guajira werden sie zu Glutöfen, in denen es sich kaum aushalten lässt. Die Wege zwischen den Häuschen, manche verziert mit Wandbildern in Erinnerung an verstorbene Guerilleros und revolutionären Parolen, sind staubig. Hunde streunen hin und her und schrecken freilaufende Hühner auf. Am Horizont erhebt sich die Serranía del Perijá. Saftig grün sticht die Gebirgskette aus der Landschaft heraus. Sie trennt hier Kolumbien von Venezuela.
Arrieta erinnert sich: »Wir sind hoffnungsvoll aus den Bergen herabgestiegen – wenn auch in eine unbekannte Zukunft.« Die Sorge, dass der Staat seine Verpflichtungen nicht einhalten könnte, habe es allerdings damals schon gegeben. Statt auf Waffen zu setzen, hätten sich die ehemaligen Guerilleros fortan der Landwirtschaft widmen wollen. Das hätte dem Friedensabkommen Rechnung getragen, dessen erster Punkt eine integrale Landreform vorsieht, so Arrieta. »Aber heute, fast zehn Jahre später, warten wir immer noch darauf, dass man uns Zugang zu Land gibt.«
Die ungleiche Landverteilung gilt als eine der zentralen Ursachen für den bewaffneten Konflikt in Kolumbien. Allerdings kam 2018, weniger als zwei Monate nach Friedensschluss, die rechte Regierung von Iván Duque an die Macht – und die verschleppte viele der Vereinbarungen. Auch für die Sicherheit der Unterzeichner des Friedensvertrags sorgte sie nicht ausreichend. Laut der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP) wurden seit 2016 fast 500 ehemalige FARC-Kämpfer ermordet – auch in der Region um Pondores.
Arrieta klagt: »Solange wir keine produktiven Projekte haben und nicht in Sicherheit leben können, kann nicht die Rede davon sein, dass wir wieder in die Gesellschaft eingegliedert sind.« Das habe sich auch unter Gustavo Petro nicht grundlegend verändert, auch wenn unter ihm Fortschritte gemacht worden seien. Petro war 2022 zum ersten linken Präsidenten in der Geschichte Kolumbiens gewählt worden. Er erklärte die Umsetzung des Friedensvertrags mit der FARC zur Chefsache, darunter auch die Landreform. Zwar konnte so deutlich mehr Land verteilt und formalisiert werden als unter seinem Vorgänger. Aber das Ergebnis blieb begrenzt – Petro stieß immer wieder auf bürokratische Blockaden.
Auf einem Plastikstuhl zwischen den Häuschen sitzt Yeldie Hernández. Auf ihrem Schoß schaukelt sie ihre vier Monate alte Tochter. Das Baby leidet unter den Temperaturen. Yeldie war selbst nicht Teil der FARC, wohnt aber trotzdem bereits seit fast zehn Jahren in Pondores und engagiert sich in der Gemeinschaft. Sie spricht davon, dass der Friedensprozess zehn Jahre später »abgenutzt« sei. »Hier in Pondores haben viele die Hoffnung aufgegeben, dass der Staat seine im Abkommen festgeschriebenen Verpflichtungen einhält.«
Mit dem Friedensprozess, meint sie, habe der Staat von Beginn an vor allem das Ziel verfolgt, die FARC zu entwaffnen. »Es ging nie wirklich darum, die früheren Kämpfer wieder in die Gesellschaft zu integrieren und wirklichen Frieden zu schaffen.« Dazu würde ohnehin viel mehr gehören, erklärt die ausgebildete Sozialarbeiterin. »Das Gesellschaftsmodell ist kaputt und das Land voller Menschen, die uns nach Jahrzehnten der Medienkampagnen hassen. Dazu kommen Ungleichheiten, Erwerbslosigkeit, Machismus und so weiter.« Angesichts dessen gehe es nun vor allem darum, »uns selbst zu organisieren und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen«, sagt Yeldie. Das habe die Gemeinschaft in den vergangenen Jahren gelernt: »Wir haben hier Leute, auf die wir zählen können, ein Kollektiv. Die ganzen gebrochenen Versprechen haben uns klar gemacht, dass wir selbst aktiv werden müssen.«
Befriedet ist das Land indes noch lange nicht. Im Gegenteil: Heute sind in Kolumbien so viele bewaffnete Gruppen tätig wie noch nie, darunter Guerillas, Paramilitärs und Drogenbanden. Petro hatte während seiner Amtszeit versucht, diese mit Verhandlungen zum Niederlegen der Waffen zu bewegen. Dafür wählte er den Begriff des »totalen Friedens«. Der Ansatz gilt als größtenteils gescheitert.
Die andauernde Gewalt nutzte nicht zuletzt der spätere Wahlsieger Abelardo de la Espriella für seine Kampagne. Seit dem 7. August ist der Geschäftsmann und Anwalt neuer Präsident Kolumbiens. Er lehnt das Abkommen mit den FARC ab und drohte bereits mit der Abschaffung der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden. Wie weit er bei der Sabotage gehen kann, ist fraglich. Mehrere der im Abkommen festgelegten Punkte haben Verfassungsrang. Den bewaffneten Gruppen will de la Espriella mit geballter militärischer Kraft begegnen. Im Wahlkampf versprach er, Bombardements wieder aufzunehmen. Gleich in den ersten Tagen im Amt setzte er die Ankündigung in die Tat um.
Ancízar Vivar fürchtet, dass die neue Regierung auf Rache aus ist. »Sie werden uns die vier Jahre Petro-Regierung heimzahlen wollen«, prophezeit er. »Sie werden versuchen, uns fertigzumachen – mit Blei.« Gerade noch hat er seiner Tochter die Haare mit Wasser aus einem Plastikeimer gewaschen. Jetzt sitzt der 59jährige an einem Holztisch am Rande von Pondores und schaut in die Abendsonne. Sein gelbes Shirt ist leicht verblichen, das schüttere Haar zum Seitenscheitel gekämmt. In den Reihen der FARC hieß er Samir und war für die politische Bildung der Guerilleros verantwortlich.
Trete das ein, würde auch er wieder zur Waffe greifen. »Ich habe gelernt, zu schießen, und auch wenn ich mittlerweile alt bin, weiß ich immer noch, wie das geht«, betont Vivar. Von dem Schritt, die Waffen niederzulegen, sei er ohnehin nie überzeugt gewesen. Zehn Jahre später sieht er sich bestätigt: »Das ist kein Frieden. Wir liefern uns zwar keine Gefechte mehr, aber wir leben in der ständigen Angst, was aus uns werden wird.«
Frederic Schnatterer ist freier Journalist und Autor des Buches »Freiheit für wen? Mileis Argentinien als Versuchslabor der Ultrarechten«, das in diesem Jahr bei Papyrossa erschien.
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