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Tücken der Trainerpersönlichkeit
Die Edmonton Oilers verpflichten den Triple-Gold-Coach Mike Babcock. Er bringt das gewisse Je-ne-sais-quoi mit
Finger aus dem Arsch, und nicht dran riechen. »Das Ergebnis spiegelte den Spielverlauf nicht wieder – wir waren schlechter« (Harry Neale). »Er hat ein Wahnsinnsspiel abgeliefert, aber das wird durch seine Dummheit komplett zunichte gemacht« (John Tortorella). Trainersprüche wollen geübt sein, und die Trainerpersönlichkeiten, die sie äußern, sind langgehegte und gepflegte Selbstkonstruktionen. Nur: Der Stil muss passen, die Methoden müssen sitzen, sonst geht das ganze Gehabe nach hinten los. So ist es dem NHL-Coach Mike Babcock ergangen. Seine beachtliche sportliche Bilanz steht im Schatten seiner noch beachtlicheren Bilanz als »Bully«, wie Exspieler Mike Commodore und Daniel Winnik den heute 63jährigen nannten. Die Vorwürfe: verbale Gewalt, fragwürdige Maßnahmen. Es dürfte durchaus ein Zeichen von Verzweiflung sein, dass sich die scheinbar endlos erfolglosen Edmonton Oilers jetzt Babcocks Dienste gesichert haben. Als »perfekte Besetzung« beurteilte Starspieler Connor McDavid am Montag vergangener Woche den Neuzugang.
Perfekt, denn: »Babs«, der Kris Knoblauch ablöst, ist hochdekoriert. Er ist der bislang einzige NHL-Coach im sogenannten Triple Gold Cup, will heißen: Mit den Detroit Red Wings wurde er Stanley-Cup-Sieger (2008), mit der kanadischen Auswahl holte er WM- (2004) sowie Olympiagold (2010, 2014). Und: Für die Oilers tickt die Uhr. Einst Zuhause des legendären Wayne Gretzky, hat das kanadische Franchise 2014 den besten deutschen Spieler aller Zeiten gedraftet und 2015 dann McDavid gelandet, der einhellig als herausragendster Spieler seiner – dieser – Generation gilt. Während Gretzky aber in zehn Jahren bei den Oilers viermal den Stanley Cup nach Edmonton brachte, steht über McDavid eine fette Null. Wird es nicht bald was mit dem prestigeträchtigen Pokal, könnte der aktuell 29jährige 2028 als Unrestricted Free Agent auf dem Spielermarkt landen.
Dabei kündigte Babcock als erste Amtshandlung an, weniger stark auf die Superstars Draisaitl und McJesus zu setzen. Er wolle »Tiefe« im Kader, so der Coach bei einer Pressekonferenz Ende Juni. »Jeder in dieser Mannschaft muss wichtig sein, bis hin zu den Spielern, die nicht jeden Abend zum Einsatz kommen«, sagte er. Das bringt Babcock also mit: Erfolge aus der Vergangenheit und Pläne für die Zukunft.
Und wie jeder Küchenpsychologe und Couchtrainer weiß: Die besten Coaches haben einen veritablen Knacks. Zuletzt hatte John Tortorella, der Gerüchten zufolge pro Wutausbruch bezahlt wird, die Vegas Golden Knights regelrecht ins Stanley-Cup-Finale 2026 getrieben. Ein solches Je-ne-sais-quoi dürfte auch »Babs« mitbringen. Aber eigentlich sait man quoi. »Er erfüllt viele Kriterien, um als einer der besten Eishockeytrainer des letzten Vierteljahrhunderts zu gelten. Das Problem bei ihm ist, dass er weithin als mieser Mensch (rotten human being) gilt«, fasste Sportjournalist James Cybulski das Dilemma zusammen, wie Yahoo Sports kürzlich berichtete.
Einen Überblick über die Anschuldigungen lieferte CBS Sports Ende Juni. Während seiner Zeit bei den Red Wings soll Babcock den schwedischen Stürmer Johan Franzén so hart angegangen sein, dass dieser nach seiner Karriere gegenüber Vetlanda-Posten von einer posttraumatischen Belastungsstörung sprach. Sein Mitspieler Chris Chelios bestätigte die Vorgänge 2023 im Podcast »Spittin’ Chiclets« und nannte die Entgleisungen des Trainers »offensichtlichen verbalen Missbrauch«. Dem Hockey-Hall-of-Famer Mike Modano verweigerte Babcock sein 1.500. NHL-Spiel, so dass der Stürmer seine Karriere mit 1.499 Partien auf dem Konto beenden musste. 2023 trat der Trainer von einer neuen Stelle bei den Columbus Blue Jackets zurück, bevor er überhaupt ein Match coachen konnte. Zuvor waren Vorwürfe an die Öffentlichkeit gedrungen (wieder via »Spittin’ Chiclets«), dass Babcock verlangt habe, die privaten Fotos auf den Handys der Spieler anzusehen. Babcock und Blue-Jackets-Kapitän Boone Jenner wiesen die Darstellung teilweise zurück, aber der Schaden war bereits angerichtet.
Trotzdem: »Das ist, was wir wollen«, hatte McDavid nach Verkündung der Personalie gesagt. »Wir wollen herausgefordert werden.« Auch NHL-Commissioner Gary Bettman sah nach einer Untersuchung vergangenen Monat »keine Basis«, Babcock vom Coaching auszuschließen. Manch einer ist eben geneigt, das Schöne im Menschen zu sehen. Eine »großartige Gelegenheit« machte McDavid auch letzte Woche noch aus, von einem »neuen Ansatz, einer anderen Persönlichkeit« sprach Draisaitl. Stichwort Trainerpersönlichkeit: Wird »Babs« bei den Oilers ganz der alte sein, oder hat er an seinem eigenen Finger gerochen und die Lektion gelernt? Klar ist: Bleibt der Erfolg aus, ist der Triple-Gold-Coach ganz schnell wieder weg.
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