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Verkehrsadern ausgetrocknet
Seit Tagen verzeichnen Messstationen an Rhein, Elbe und Donau extrem niedrige Pegelstände. Bundesverkehrsminister Bilger beruft Fachkonferenz ein
Großflächige Waldbrände, wie sie in Spanien, Griechenland, Frankreich und anderen europäischen Ländern wüten, sind Deutschland in diesem Sommer bislang erspart geblieben. Dafür sorgt die industriell beschleunigte Erderwärmung hierzulande für besorgniserregendes Niedrigwasser der Schiffahrtswege. Wegen der anhaltenden Hitze und Trockenheit wurden am Wochenende neue Tiefststände erreicht. Laut dem Informationssystem Niwis, das hydrologische Messdaten bündelt, wiesen am Freitag rund 44 Prozent der Messstellen im Rhein extrem niedriges Wasser aus, 16 Prozent in der Elbe und circa 78 Prozent der Messstellen in der Donau. Das hat erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen.
»Die Lage ist ernst«, erklärte dazu Thilo Schaefer vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) am Montag gegenüber dpa. Der Rhein sei »eine zentrale Schlagader für den Güterverkehr in Deutschland«. In Köln wurde am Sonnabend der bislang niedrigste Pegelstand seit Beginn der Aufzeichnungen gemessen: 67 Zentimeter – zwei Zentimeter weniger als im Oktober 2018. In Duisburg-Ruhrort (150 Zentimeter) und in Düsseldorf (22 Zentimeter) wurden am Sonntag historische Tiefststände verzeichnet. Höhere Transportkosten seien die Folge, so Schaefer. Der Druck auf Straße und Schiene nehme dadurch zu, wobei nur begrenzt ausgewichen werden könne. Deshalb drohten Engpässe in Lieferketten.
Betroffen sind nach Einschätzung von Fachleuten vor allem Branchen, die auf große Mengen an Rohstoffen und Vorprodukten angewiesen sind – etwa Chemie, Stahl und Mineralöl. »Dort lässt sich der Ausfall des Rheintransports kurzfristig nur sehr begrenzt kompensieren«, sagte Schaefer. Drei Verbände der Recycling- und Rohstoffwirtschaft warnen gemeinsam: Die Versorgung der Stahlindustrie sei gefährdet. Binnenschiffe könnten nur noch ein Drittel bis die Hälfte der üblichen Ladung transportieren. Frachtkosten auf einzelnen Verbindungen hätten sich verdrei- bis vierfacht. Hinzu kämen Kosten wegen Verzögerungen und Umplanungen. Schaefer hält es für möglich, dass sich die Verbraucher in der Folge auf höhere Preise einstellen müssen – etwa bei Baustoffen und Energieprodukten. Der Geschäftsführer des Tankstellenverbands ZTG, Jürgen Ziegner, hatte bereits am Donnerstag gegenüber dem Handelsblatt vor möglichen Engpässen in der Spritversorgung gewarnt, sollten Wasserstände des Rheins an wichtigen Stellen weiter sinken.
Große Schiffe auf dem Rhein haben heute als »Einzelfahrer« eine Länge von 135 Metern und Breitenmaße bis zu 17,35 Metern. Bei einem Tiefgang von 4,5 Metern transportieren sie rund 5.000 Tonnen Güter oder 400 Container. Ein Fahrverbot gebe es bei Niedrigwasser nicht, erläuterte Fabian Spieß vom Bundesverband der Deutschen Binnenschiffahrt (BDB). Anders als bei Hochwasser entscheide jeder Schiffsführer selbst, wann es sich nicht mehr lohne zu fahren. Allerdings sinke die Lademenge, weshalb mehr Schiffe eingesetzt werden müssten. Ein durchschnittliches Binnenschiff ersetzt etwa 100 Lkw mit einer Nutzlast von jeweils 20 Tonnen Tragfähigkeit und transportiert doppelt so viel wie ein Güterzug.
Der nordrhein-westfälische Verkehrsminister Oliver Krischer (Bündnis 90/Die Grünen) erklärte am Montag gegenüber dpa, es sehe alles danach aus, »dass sich die Lage für die Rheinschiffahrt verschärft«. Auch an der Donau sei die Situation schwierig. Krischer forderte, kurzfristig eine »nationale Taskforce« einzurichten, um Maßnahmen zu treffen, die Transportlage zu verbessern. Dazu zählten zusätzliche Lagerkapazitäten in Häfen für Gefahrgüter, zusätzliche Bahnkapazitäten und die Frage, »wie priorisiert werden kann, was transportiert werden soll«. Der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) hat wegen der Lage am Rhein zu einer Fachkonferenz nach Bonn eingeladen, wie ein Ministeriumssprecher am Montag in Berlin mitteilte.
Der historische Tiefstand des Wasserpegels der Donau in Ungarn hat unterdessen die Stromversorgung in mehreren Anrainerländern beeinträchtigt. Ungarn fuhr die Reaktoren seines einzigen Atomkraftwerks herunter, wie die Regierung in Budapest am Sonntag mitteilte. Serbien drosselte die Produktion zweier Wasserkraftwerke auf 20 Prozent seiner Kapazitäten und rief die Bevölkerung zum Stromsparen auf. Wegen hoher Temperaturen und ausbleibenden Regens sind die Pegelstände der Donau mancherorts auf ein Rekordtief gesunken.
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