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Politische Ökonomie

Suche nach dem ewig Gültigen

Vorabdruck. Parallel zur Entstehung des Industriekapitalismus entwickelte sich auch die wissenschaftliche Reflexion über seine Gesetzmäßigkeiten. Über die klassische bürgerliche Ökonomie

Von Jürgen Leibiger
Foto: Archives Snark/Photo12/imago
Ob hier Wert geschaffen wird, war in der politischen Ökonomie vor Marx noch umstritten. Textilfabrik im französischen Département des Vosges, um 1800

In den kommenden Tagen erscheint im Kölner Papyrossa-Verlag der Band »Geschichte der Politischen Ökonomie« von Jürgen Leibiger. Wir drucken daraus mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag das erste Kapitel »Die klassische bürgerliche Ökonomie« ab. Das Buch kann bestellt werden unter www.papyrossa.de. (jW)

Der heute übliche Begriff der »klassischen politischen Ökonomie« wurde von Marx geprägt. Er verstand darunter »alle Ökonomie (…), die den inneren Zusammenhang der bürgerlichen Produktionsverhältnisse erforscht im Gegensatz zur Vulgärökonomie, die sich nur innerhalb des scheinbaren Zusammenhangs herumtreibt«¹. Sie beginne »in England mit William Petty, in Frankreich mit Boisguillebert« und schließe ab »in England mit Ricardo, in Frankreich mit Sismondi«². Und an anderer Stelle: »Die wirkliche Wissenschaft der modernen Ökonomie beginnt erst, wo die theoretische Betrachtung vom Zirkulationsprozess zum Produktionsprozess übergeht.«³ Mit diesen Feststellungen ist auch der zeitliche und inhaltliche Rahmen bestimmt, der hier für den Begriff der bürgerlichen Klassik verwendet werden soll.

Mit der Klassik wird die Politische Ökonomie zwischen der zweiten Hälfte des 17. und dem frühen 19. Jahrhundert nicht nur schlechthin zu einer Wissenschaft, sondern zu einer gegenüber der Philosophie und dem Recht eigenständigen Disziplin mit spezifischen Gegenständen. Als Kriterium der Wissenschaftlichkeit bestimmt Marx die Erkenntnis der Entstehung von Wert und Mehrwert (bzw. dessen Erscheinungsformen Profit und Grundrente sowie anderen Abkömmlingen) in der Produktion. Diese Einsicht wird erst möglich, wenn die Produktion auf kapitalistischer Grundlage zu einer gewissen Reife und Breite gelangt ist und dementsprechende praktische Fragen aufwirft. Das war in der Zeit der sogenannten ursprünglichen Akkumulation, also der Zeit von Monetarismus und Merkantilismus, noch nicht der Fall. Monetarismus und Merkantilismus, die ja beide Phänomene der Zirkulation als Gegenstand haben, rechnete Marx nicht zur »Vulgärökonomie«, weil sie fortschrittliche Erkenntnisse in Richtung auf die Erfassung der inneren Wesenszusammenhänge der Wirtschaft hervorbrachten.

Der Kapitalismus jener Epoche war zunächst Manufaktur- und Agrarkapitalismus; ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann die industrielle Revolution, es entwickelte sich der Industriekapitalismus. Die Produktion wurde kapitalistische Warenproduktion, das heißt, die Güter wurden als Waren zum Verkauf unter Anwendung von Lohnarbeit produziert. Die Frage von Wert und Preis dieser Waren war nicht nur von theoretischer, sondern auch von höchst praktischer Relevanz. Die Arbeiter waren Lohnarbeiter, die Mehrwert produzierten. Außer dieser Klasse existierten – neben anderen Klassen wie den noch existierenden Feudalklassen – vor allem Kapitalisten und Grundeigentümer. Grund und Boden wurden zumeist an kapitalistische Pächter verpachtet, die Lohnarbeiter einsetzten. Der Mehrwert nahm so die Formen von Profit bzw. von Unternehmergewinn und Zins und von Grundrente an, die den Klassen der Kapitalisten (Unternehmer und Kreditgeber) und der Grundeigentümer zufielen, so dass nach jenen Gesetzen gesucht wurde, nach denen sich die Verteilung des neu geschaffenen Werts richtet.

Die Entstehung der klassischen bürgerlichen Ökonomie ist also auf die Entwicklung des Archives Snark/Photo12/imagoKapitalismus zurückzuführen, der sein Frühstadium verlassen hatte und seine Grundmerkmale immer prägnanter auszubilden begann. Geistesgeschichtlich ist es die Zeit der Aufklärung, einer Zeit, in der sich die fortschrittlichsten Denker aus der Einbindung in religiöse Vorurteile befreiten, sich dem Materialismus zuwandten, empirische Forschung betrieben und sich auf die Suche nach Gesetzmäßigkeiten begaben, welche die Gesellschaft und ihre Entwicklung beherrschten. Diese Bewegung war antifeudal und vom Liberalismus geprägt, das trifft auch in jenen Fällen zu, wo ökonomische Denker in fürstlichen Diensten standen. Wie im gesamten wissenschaftlichen Denken vollzog sich auch in der Ökonomie eine wissenschaftliche Revolution, eine grundlegende Umwälzung in der Bestimmung von Gegenstand, Inhalt und Methode dieser Wissenschaft.

Als bürgerliche Ökonomie sollen jene bis heute existierenden (und dominierenden) Lehren bezeichnet werden, die vorrangig den Interessen der Vertreter des Kapitals, der Eigentümer der Produktionsmittel (etwas vereinfachend: dem Bürgertum) dienen und die kapitalistische Wirtschaftsordnung verteidigen. So, wie die Grenzen zwischen den Klassen und Schichten fließend sind, sind auch die Grenzen zwischen verschiedenen Denkrichtungen oft fließend. Aus dem Gros klassischer Ökonomen sollen hier Adam Smith, François Quesnay und David Ricardo behandelt werden. Andere große Persönlichkeiten seien nur erwähnt: William Petty (1623–1687), der auch als Begründer der Wirtschaftsstatistik gilt, Pierre Le Pesant de Boisguilbert (1646–1714), der für seine Hinwendung zu den sozial Benachteiligten und Unterdrückten berühmt ist, John Locke (1623–1704), der mit seiner Eigentumstheorie das rechtliche, philosophische und ökonomische Denken bis in unsere Tage beeinflusst, John Law (1671–1729), der eine originelle Theorie und Politik des Geldes entwickelte, aber 1720 auch die historisch erste große Bankenkrise herbeiführte, Bernhard de Mandeville (1670–1733), der mit seiner »Bienenfabel« ein grandioses ökonomisches Spottgedicht schuf, oder Simonde de Sismondi (1773–1842), der eine erste Krisenerklärung lieferte. Bedeutende ökonomische Denker jener Zeit sind in dieser Aufzählung nicht enthalten. Dazu gehören beispielsweise die Engländer Thomas R. Malthus (1766–1834) und John Stuart Mill (1806–1873) sowie der Franzose Jean Baptiste Say (1767–1832). Vor allem bürgerliche Theoriehistoriker zählen auch diese Denker zur Klassik, für Marx gehören sie nicht dazu, weil bei ihnen apologetische und »vulgäre«, also oberflächliche Betrachtungsweisen im Hinblick auf die Entstehung von Wert und Reichtum im Vordergrund stehen.

Der Physiokratismus

Bevor mit Adam Smith die zentrale Gestalt der bürgerlichen Klassik auf den Plan trat, hatte sich in Frankreich der Physiokratismus herausgebildet. Smith kannte dessen wichtigste Werke und war bei einem Aufenthalt in Frankreich zwischen 1764 und 1766 einigen seiner Vertreter persönlich begegnet. Ob der damals berühmteste französische Ökonom, François Quesnay, Leibarzt der königlichen Mätresse Madame de Pompadour, darunter war, ist nicht überliefert. Quesnay, Mitautor der französischen Encyclopédie, gilt als der Begründer der physiokratischen Denkrichtung, eine Kennzeichnung, die von seinem Zeitgenossen du Pont des Nemours stammt. Der Physiokratismus (= Lehre von der Natur) sieht die Ökonomie von »natürlichen Gesetzen« beherrscht. Nur die Natur bringe Werte hervor, weshalb nur die Arbeit in Landwirtschaft, Fischerei, Forstwirtschaft und Bergbau produktiv sei. Obwohl diese Lehre auf die Einkommensmaximierung der Krone gerichtet ist, sind ihre Schlussfolgerungen antifeudal. Vom Vorläufer des Physiokratismus, Boisguilbert, stammt der Slogan »laissez-faire, laissez-aller« (lass sie machen, lass es laufen), womit die Liberalisierung, die Abkehr von der feudalen Reglementierung der Wirtschaft, gefordert wird. Hauptvertreter sind François Quesnay (1694–1774), Marquise de Mirabeau (1715–1789), Pierre Samuel du Pont des Nemours (1739–1789) und Jacques ­Turgot (1727–1781).

Das Hauptwerk Quesnays, das »Tableau Économique«, ist die Erklärung eines graphischen Modells des Wirtschaftskreislaufes. Es zeigt, wie und in welcher Höhe die Ergebnisse der Güterproduktion zirkulieren und zwischen den drei Klassen der Gesellschaft – produktive Klasse, Klasse der Eigentümer, sterile Klasse – verteilt werden. Marx bezeichnete das Modell als einen »höchst genialen Einfall, unstreitig der genialste, dessen sich die politische Ökonomie bisher schuldig gemacht hat«⁴. Es regte nicht nur Marx’ eigenes Reproduktionsmodell in Form eines Gleichungssystems an, es stand auch Pate für die Input-Output-Analyse, die der spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Wassily Leontief (1906–1999) entwickelte und die heute ein wichtiges Instrument zur empirischen Erforschung der güter- und geldwirtschaftlichen Ströme einer Volkswirtschaft ist.

Trotz der Unzulänglichkeiten seiner Klasseneinteilung und seiner Theorie der produktiven Arbeit war Quesnay der Erste, der die Unterschiede zwischen den Klassen mit deren ökonomischer Rolle im Reproduktionsprozess in einen Zusammenhang brachte: Die produktive Klasse bringe den Reichtum durch ihre Arbeit in der Landwirtschaft hervor, die sterile Klasse (z. B. Handwerker) bringe zwar nicht direkt Güter hervor, verarbeite aber Rohstoffe, und die Eigentümerklasse (Fürsten, Kirche und Grundeigentümer) eigne sich das Nettoprodukt an und konsumiere es. Quesnay leitete daraus seine Theorie von der »einzigen Steuer« ab, wonach nur die Grundeigentümer, die nichts hervorbringen oder verarbeiten, zu besteuern seien, eine zu jener Zeit unerhörte Schlussfolgerung. Die Auseinandersetzungen über die Besteuerung sollten später – lange nach dem Tod von Quesnay – zum Anlass von politischen Kämpfen werden, die in der Französischen Revolution von 1789 gipfelten.

Adam Smith

Die englische (und schottische) klassische Ökonomie entstand in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Ihre Hauptvertreter sind Adam Smith (1723–1790) und David Ricardo (1766–1823). Sie hatten Vorläufer – einige wurden bereits genannt –, welche die Entstehung von Wert, Mehrwert bzw. Profit oder Grundrente und des Reichtums in der Produktion verorteten und wichtige Erkenntnisfortschritte zu grundlegenden Fragen der Ökonomie erzielten.

Aber kein anderer wurde so sehr zum Aushängeschild der englischen Klassik wie der Schotte Adam Smith. Der zunächst in Glasgow, einem industriellen Zentrum Großbritanniens, lehrende Moralphilosoph, der mehrere Jahre in Frankreich zubrachte und in seinen späten Jahren Zollkommissar von Schottland war, wurde 1776 durch sein Hauptwerk »Eine Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Reichtums der Nationen« mit einem Schlag berühmt. Er hatte den Nerv der Zeit getroffen. Was Kant, Voltaire oder Rousseau für die Philosophie der Aufklärung bedeuten, ist Smith für die ökonomische Aufklärung. Fast alles spätere ökonomische Denken ging von Smith aus. Egal, ob Anhänger oder Kritiker, ob konservativ oder progressiv, ob Marxist, Neoklassiker oder Keynesianer, sie alle stehen auf seinen Schultern.

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Smith hatte sich mit der ökonomischen Literatur seiner Zeit umfassend und kritisch auseinandergesetzt und die neuen Paradigmen des ökonomischen Liberalismus sowie der Schaffung des Reichtums und des Wertes durch die Arbeit in der Produktion auf den Punkt gebracht. Er schuf bis auf die Kreislauftheorie jenen Kanon, der fortan den Inhalt der Politischen Ökonomie prägen sollte: Die technologischen Grundlagen der kapitalistischen Produktion; die Bestimmung von Gebrauchswert, Wert und Preis der Waren; die Verteilung des geschaffenen Werts; die Rolle des Geldes; die Akkumulation von Kapital; den Außenhandel. Ausführlich befasste er sich mit den Aufgaben des Staates und dessen Finanzierung mittels Steuern, Zöllen und Krediten. Seine theoretischen Erklärungen zielen fast immer auf die praktische Umsetzung in der Wirtschaftspolitik. Manche Überlegungen, teils zum Wesen der kapitalistischen Produktion vordringend, teils sich mit Oberflächlichkeiten zufriedengebend, sind widersprüchlich oder unvollkommen und hatten in der weiteren Geschichte der Politischen Ökonomie keinen Bestand, aber immer beruhen sie auf scharfen Beobachtungen, sind gedankenreich und anregend.

Anders als die Merkantilisten stellte Smith die Arbeit und die Arbeitsteilung an den Anfang und in den Mittelpunkt seiner Theorie. Der Reichtum der Nationen basiere nicht primär auf dem Handel und entstehe auch nicht nur in der Landwirtschaft, es sei vielmehr die produktive Arbeit schlechthin, die den Wert schaffe und die Basis für die Akkumulation von Kapital und Reichtum bilde. Er unterschied den Wert, den »natürlichen« Preis, vom Marktpreis der Waren. Er verband die Theorie der Einkommensverteilung mit der Klassentheorie: Lohn, Profit und Grundrente bildeten die Einkommen der »drei großen ursprünglichen Klassen jeder zivilisierten Gesellschaft«, von denen sich die Einkommen aller anderen Klassen ableiteten. Aber obwohl er einerseits die Theorie vertrat, der Wert würde durch Arbeit geschaffen und der Neuwert löse sich in der Verteilung in Lohn, Profit und Rente auf, verdreht er diesen Zusammenhang an anderer Stelle in sein Gegenteil: Lohn, Profit und Rente seien die Quellen des Tauschwerts, eine Auffassung, auf die noch zurückzukommen ist.

Geradezu sprichwörtlich wurde Smiths Formulierung von der »unsichtbaren Hand«. Jeder würde durch sie »geleitet, einen Endzweck zu fördern, der keinen Teil seiner Zielstellung ausgemacht hatte (…) Indem er sein Interesse verfolgt, fördert er häufig jenes der Gesellschaft wirksamer, als wenn er dessen Förderung wirklich beabsichtigt«. Mit solchen Äußerungen über die Vorteile egoistischen Handelns wurde Smith zum Vater des klassischen ökonomischen Liberalismus. In einem Vortrag von 1755 sprach er der zeitgenössischen Bourgeoisie aus dem Herzen, als er verkündete, dass für ein Wachsen des Wohlstands wenig mehr erforderlich sei als »Frieden, leichte Steuern und eine tolerante Handhabung des Rechts«. Alles übrige werde durch den »natürlichen Lauf der Dinge« herbeigeführt. Der Staat, über dessen Rolle er in seinem Hauptwerk mehrere Kapitel schrieb, habe jene Bedingungen zu schaffen, damit die »unsichtbare Hand« wirken könne. Er verstand darunter nicht etwa die Hand Gottes, sondern etwas, was heute als ein unabhängig vom Wollen der Individuen wirkendes »ökonomisches Gesetz« bezeichnet würde. Üblicherweise wird Smiths Metapher von der »unsichtbaren Hand« zur Verteidigung des »freien« Marktes angeführt; die Zeitbezogenheit dieser Aussage, ihre Ausrichtung gegen die Bevormundung des bürgerlichen Gewerbes durch den feudalen Staat, wird dabei übersehen.

David Ricardo

Angeregt durch das Werk von Adam Smith begann sich der erfolgreiche Börsenmakler und spätere Parlamentsabgeordnete David Ricardo mit theoretischer Ökonomie zu befassen und veröffentlichte 1817 das Buch »Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung«. Er schrieb weit weniger verständlich und anschaulich als Smith und soll über seine Arbeit bemerkt haben, sie würde wohl von kaum mehr als 25 Leuten verstanden. Sein Hauptanliegen war das Auffinden der Gesetze, welche die Verteilung von Lohn, Profit und Rente bestimmen. Konsequent versucht er, diese Gesetze aus der Analyse der Produktion des Werts durch die Arbeit zu entwickeln. Obwohl er die damit zusammenhängenden Fragen nicht gänzlich zu lösen vermochte – er konnte vor allem die Bestimmung des Lohnes nicht mit seiner Arbeitswerttheorie in Einklang bringen –, erreicht die klassische bürgerliche Ökonomie mit seiner Arbeitswert- und Verteilungstheorie ihren Höhepunkt.

Ricardo lebte zu Zeiten der industriellen Revolution, der Maschinenstürmer und der Proteste gegen die Korngesetze, die mit der Einfuhrbesteuerung des Korns ein Grundnahrungsmittel der Arbeiter verteuerten. 1817 kam es zur »Pentrich Revolution«, einem Aufstand, in dessen Folge drei Anführer gehenkt wurden. In der Nähe von Manchester wurden bei einem solchen Protest 1819 fünfzehn Menschen getötet und Hunderte verletzt. Auch Ricardo hatte sich gegen die Zölle gewandt, weil sie die Profite in der Industrie schmälerten und nur den heimischen Grundbesitzern nützten. Für ihn war die Industriebourgeoisie Träger des Fortschritts. So interessierten ihn vor allem deren Profite und nicht etwa die Interessen der Grundherren oder gar der Arbeiter. Trotzdem stimmte ihn deren Lage nachdenklich und er revidierte frühere Auffassungen, die er nun »für irrig« hielt. In die dritte Auflage seines Werks von 1821 führte er ein Kapitel »Über Maschinerie« ein, in dem er zu dem Schluss kam, dass »die bei der arbeitenden Klasse herrschende Meinung, dass die Verwendung von Maschinen häufig ihren Interessen zuwiderläuft, sich nicht auf Vorurteil und Irrtum stützt, sondern mit den richtigen Prinzipien der politischen Ökonomie vereinbar ist.« Was für ein Paukenschlag in einer Situation, da die Angehörigen seiner Klasse die Arbeiter und ihre Kämpfe verdammten und bekämpften! Manche seiner Anhänger zogen aus seiner Analyse kapitalismuskritische Schlüsse und es entwickelte sich ein »ricardianischer Sozialismus«. Derartige Folgerungen lagen Ricardo freilich fern; für ihn galten in der Ökonomie ewige, unabänderliche Gesetze.

Ricardo wird oft als pessimistischer Ökonom bezeichnet. Das hängt mit seinen das Bürgertum verstörenden Überlegungen zum Fall der Profitrate zusammen. Wenn die Grundrente wegen der mit dem Bevölkerungswachstum notwendigen Einbeziehung schlechterer Böden in die Agrarproduktion steige und sich infolge der dort niedrigeren Produktivität der »Wert der Arbeit« und die Löhne erhöhen müssten, würde der Profit zunehmend in die Zange genommen. Die Akkumulation würde aufhören, wenn kein Kapital einen ausreichenden Profit abwerfen könne. Schlüsse über das Schicksal des Kapitalismus zog Ricardo daraus keine; er war der Meinung, der technische Fortschritt würde dem Profitratenfall in ausreichendem Maße entgegenwirken. Marx wurde durch Ricardos Überlegungen angeregt, sich ausführlich mit dem Phänomen des Falls der Profitrate zu befassen, erklärte diese Tendenz aber gänzlich anders: Der technische Fortschritt halte den Profitratenfall nicht auf, sondern bringe ihn hervor.

Auch heute noch ist Ricardos Außenhandelstheorie – die Theorie der komparativen Kostenvorteile – ein fester Bestandteil ökonomischer Lehrbücher. Mit einem Rechenbeispiel wollte er zeigen, dass sich die internationale Arbeitsteilung und der Freihandel auch für weniger entwickelte Länder auszahlen. Freilich ist sein Modell nur ein hübsches akademisches Glasperlenspiel, das jeder leichte Wind der Realität und das Aufheben seiner Abstraktionen ins Wanken bringt. Die Wirklichkeit widerspricht der Auffassung von der uneingeschränkten Vorteilhaftigkeit eines völlig freien, unregulierten Weltmarktregimes für alle beteiligten Länder. Es war ein Schock für die etablierten Wirtschaftswissenschaftler, als der Nobelpreisträger Paul A. Samuelson (1915–2009) Anfang der 2000er Jahre zeigte, dass die jahrhundertelang kaum in Frage gestellte Verherrlichung des Freihandels mittels Ricardos Theorie fehlerhaft ist.

Eine Renaissance erlebte ricardianisches Denken, als Piero Sraffa (1889–1983), in den 1950er Jahren einer der Herausgeber von Ricardos gesammelten Schriften, den schmalen Band »Warenproduktion mittels Waren« veröffentlichte. Er basiert auf Überlegungen Ricardos und begründete die Denkrichtung des »Neoricardianismus«. Sraffa kritisierte die vorherrschende neoklassische Ökonomie, ohne auf die Arbeitswerttheorie von Marx zurückzugreifen. Manche Vertreter dieser Schule meinen sogar, damit würde auch dessen Theorie überwunden.

Dem Genie Ricardos hat die Politische Ökonomie bleibende Erkenntnisse und Impulse zu verdanken. Dass auch dieser unvoreingenommen wissenschaftlich arbeitende Geist gelegentlich falsch lag, tut dieser Einschätzung keinen Abbruch.

»Bezahlte Klopffechterei«

Die Überzeugung der englischen und französischen Klassiker, »ewig« gültige ökonomische Gesetze gefunden zu haben – ihre ahistorische Herangehensweise – machte sie blind für die Einordnung der Ökonomik ihrer Zeit in historische Zusammenhänge. Noch war die Wirtschaft nicht gänzlich durchkapitalisiert, manche ihrer Eigenheiten waren noch nicht sichtbar. So konnten die Klassiker auch noch keine widerspruchsfreie Erklärung für die Austauschprozesse zwischen Kapital und Arbeit finden. Die ricardianische Schule des ökonomischen Denkens und die bürgerliche Klassik überhaupt begannen nach Ricardos Tod zu zerfallen. Erst Marx lieferte mit seiner Arbeitswert- und Mehrwerttheorie eine Lösung, indem er davon ausging, dass nicht die Arbeit, sondern die Arbeitskraft der Gegenstand des Austauschs zwischen Arbeitern und Kapitalisten ist, und auf diesem Fundament ein neues Gebäude der Politischen Ökonomie errichtete. Diese Lösung und ihre soziale Konsequenz konnten von seinen bürgerlichen Zeitgenossen nicht akzeptiert werden. So schwenkten sie auf die Produktionsfaktorentheorie um, wonach Arbeit, Kapital und Boden gleichermaßen an der Wertschaffung beteiligt sind. Bis heute bildet diese Theorie eine Grundlage der herrschenden Volkswirtschaftslehre. Ricardos Arbeitswertlehre verschwand aus der theoretischen Diskussion des Mainstreams; er wurde vorwiegend als der unmittelbare Vorgänger von Marx betrachtet, was einer Verdammung zumindest in dieser Frage gleichkam.

Aber mehr noch als ihre theoretischen Unzulänglichkeiten waren die Klassenkämpfe ihrer Zeit die Ursache für die Auflösung der Klassik. Für Marx beginnt diese Periode um das Jahr 1830 herum: »Die Bourgeoisie hatte in Frankreich und England politische Macht erobert. Von da an gewann der Klassenkampf, praktisch und theoretisch, mehr und mehr ausgesprochene und drohende Formen. Er läutete die Totenglocke der wissenschaftlichen bürgerlichen Ökonomie. Es handelte sich jetzt nicht mehr darum, ob dies oder jenes Theorem wahr sei, sondern ob es dem Kapital nützlich oder schädlich, bequem oder unbequem, ob polizeiwidrig oder nicht. An die Stelle uneigennütziger Forschung trat bezahlte Klopffechterei, an die Stelle unbefangener wissenschaftlicher Untersuchung das böse Gewissen und die schlechte Absicht der Apologetik.«⁵

In der bürgerlichen Ökonomie gewinnen jetzt nicht nur die implizite und explizite Apologetik mehr Raum, sondern auch die Vulgärökonomie, die Analyse nicht der inneren, wesenseigenen Züge der kapitalistischen Ökonomik, sondern jener oberflächlichen Phänomene, die für das praktische Handeln im Interesse der Profiterwirtschaftung von Bedeutung sind und die sich für die Verteidigung des Systems eignen. Dieses harsche Urteil negiert keineswegs, dass die herrschende Politische Ökonomie oder Volkswirtschaftslehre auch heute noch hervorragende Wissenschaftler hervorbringt, die wichtige ökonomische Erkenntnisse liefern und zum Fortschritt dieser Wissenschaft beitragen. Es gibt jedoch eine Grenze: Der Mainstream im 19. wie im 21. Jahrhundert ist nicht an Erkenntnissen interessiert, die das bestehende Wirtschaftssystem in seiner Gänze in Frage stellen. Seine Wesenszüge, die Schaffung von Mehrwert in der Produktion und die Ausbeutung von Menschen durch Menschen bleiben jenseits seines Erkenntnisinteresses. Theorien, die sich damit beschäftigen, werden ignoriert und an den Rand der öffentlichen Wahrnehmung gedrückt; ihre Vertreter haben weit geringere Karrierechancen im Vergleich zum Mainstream. Der bereits erwähnte Paul A. Samuelson, der das im 20. Jahrhundert vielleicht meistgelesene Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre geschrieben hat, urteilt über seine Zunft: »Die Ökonomen, die ich unterrichte, gehen in die Welt hinaus und tun, was alle Kollegen auch tun. Sie gehen dorthin, wo die Macht ist und wo das Geld ist (…) unabhängig sind sie nicht.« (Die Zeit, 10.7.2008) Und für viele praktische Fragen der Kapitalverwertung bedarf es gar keiner Wissenschaft; auch die Urmenschen beherrschten das Feuermachen, ohne es wissenschaftlich erklären zu können.

Anmerkungen

1 Karl Marx: Das Kapital (1867), MEW 23, S. 95

2 Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie (1857), MEW 13, S. 37

3 Karl Marx: Das Kapital, Bd. 3 (1894), MEW 25, S. 349

4 Karl Marx: Theorien über den Mehrwert (1863), MEW 26.1, S. 319

5 Marx: Das Kapital (wie Anm. 1), S. 21

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.08.2026, Seite 12, Thema

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