Die Waisen von Gaza
Die schwerwiegendsten Auswirkungen hat der israelische Völkermord auf Kinder. Der Verlust der Eltern ist durch kaum etwas aufzuwiegenAbdel Kareem Hana und Jehad Alshrafi (beide AP)
Die Offensive des israelischen Militärs in Gaza hat Zehntausende palästinensische Kinder ohne Eltern zurückgelassen. Das verschärft die vom UN-Kinderhilfswerk UNICEF beschriebenen, als »unzumutbar« bezeichneten Auswirkungen des Konflikts auf die Jugend in diesem Gebiet. Denn ein solcher Verlust hat schwere und langanhaltende Konsequenzen. Er nimmt Kindern, von denen viele ohnehin traumatisiert und verwundet sind und unter schrecklichen Bedingungen leben, die Fürsorge der Eltern, genau in einer Zeit, in der sie versuchen, ihren eigenen Platz in der Welt zu finden.
Bis Anfang dieses Jahres hatten laut UNICEF fast 59.000 Kinder mindestens ein Elternteil verloren, darunter wurden 2.700 zu Vollwaisen. Mehr als 73.000 Menschen wurden nachgewiesenermaßen in Gaza seit dem 7. Oktober 2023 und der anschließenden Offensive des israelischen Militärs getötet. »Die Tragödie beschränkt sich nicht nur auf körperliche Verletzungen«, sagt Ola Awad, Präsidentin des palästinensischen Zentralbüros für Statistik. »Das Leid zieht sich bis in das Fundament der Familien und der sozialen Struktur.« Die Gesellschaft in Gaza ist in weiten Familiennetzwerken strukturiert, viele Verwandte leben zusammen oder im gleichen Viertel.
Angesichts der verzweifelten Lage der Kinder und Jugendlichen versuchen Angehörige oder andere Bezugspersonen, den Verwaisten den Anschein einer normalen Kindheit zu gewähren. »Es ist schwierig, die Liebe und Zuneigung eines Vaters oder einer Mutter zu ersetzen. Es gibt so vieles, das man kompensieren muss«, sagt der 64jährige Mahmud Nofal, der nun Vormund seiner beiden kleinen Enkel im Alter von drei und fünf Jahren ist. »Ich bin ihr Versorger. Ich bade sie und gebe ihnen alles, was sie brauchen«, erzählt er neben dem Zelt in der südlichen Region Khan Junis, das sie nun ihr Zuhause nennen.
Ohne ihre Familien, ihr Zuhause oder ihre gewohnten Abläufe klammern sich viele Kinder an alles, was ihnen aus der Zeit vor dem Krieg geblieben ist. Manche gehen wieder zur Schule, helfen im Haushalt oder fahren mit Freunden auf den unbefestigten Wegen Fahrrad. Für Rasan Schanan ist es schwer, das Vergangene loszulassen. Sie war zehn Jahre alt, als bei einem Luftangriff fünf Mitglieder ihrer engsten Familie ums Leben kamen. Sie war die einzige Überlebende. Der Angriff hat bei ihr Ängste hinterlassen, und sie klammert sich an Familienfotos, die aus den Trümmern des sechsstöckigen Wohnhauses geborgen wurden, in dem sie und ihre Familie gelebt hatten. »Ganz gleich, wieviel Zuneigung, Kleidung, Ausflüge, Essen und Trinken ich ihnen biete – es kann niemals auch nur ein Prozent ihrer Familie ersetzen«, sagt Salah Al-Kafarna, der heute fünf Nichten und Neffen in Gaza-Stadt großzieht.
Abdel Kareem Hana und Jehad Alshrafi sind palästinensische Fotojournalisten, die in den vergangenen Jahren für die US-amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) aus Gaza berichtet haben. Für ihre Reportagen über die Lage der Kinder, die Hungersnot in dem kriegszerstörten Küstenstreifen oder Versuche der Einwohner, Denkmäler vor der Zerstörung zu retten, wurden sie mehrfach ausgezeichnet.
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