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30.05.2026
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Die Stille von Mariupol
Russland hat alles darangesetzt, die kriegszerstörte Metropole am Asowschen Meer wiederaufzubauen
In den Straßen von Mariupol ist es nicht ungewöhnlich, auf herrenlose Hunde zu treffen. In den Parks, beim Überqueren der Alleen, beim Verlassen von Geschäften oder beim Aussteigen aus dem Bus sind sie zu sehen. Drei, vier, manchmal fünf Tiere – sie bilden Gruppen und bellen Passanten an. »Sie können ziemlich verstört sein, sie haben den Krieg erlitten, von ihren früheren Besitzern zurückgelassen«, erklärt Alexej Tobot. Als russische Truppen 2022 in die Ukraine einmarschierten, »durften Hunde ohne Impfpass nicht in den zur Evakuierung bereitgestellten Bussen mitfahren. Also entschieden sich viele in der Eile, ohne sie zu gehen.«
Am Rande des Asowschen Meeres an der Südküste der Ukraine gelegen, war Mariupol Schauplatz einer erbitterten Schlacht, deren Verlauf weltweit Schlagzeilen machte. Vom 24. Februar bis zum 20. Mai 2022 stand das russische Militär, unterstützt von den Streitkräften der Volksrepublik Donezk, der ukrainischen Armee und den in der Stadt befindlichen nationalistischen Bataillonen gegenüber, darunter das faschistische »Asow«-Regiment. Durch die Kämpfe wurde praktisch die gesamte Stadt zerstört. »Schauen Sie, heute ist fast das gesamte historische Zentrum wieder aufgebaut«, erklärt Alexej vor dem Theater, dessen Gebäude von Bewohnern als Unterschlupf genutzt worden war, bis es einstürzte. Ringsherum beleuchten Laternen einen riesigen, sauberen, von Bäumen umgebenen Platz, auf dem Familien und Gruppen von Freunden flanieren.
Alexej arbeitet als Automechaniker. Er hat immer in Mariupol gelebt, wo er heute mit seiner Frau Lina wohnt, die als freiberufliche Journalistin arbeitet. Während der Kämpfe verließen sie die Stadt, entschieden sich aber zur Rückkehr. »Von unseren ehemaligen Nachbarn wissen wir fast nichts«, sagt Lina. »Einige gingen in die Ukraine, andere nach Russland, und wiederum andere sind noch hier.« Die beiden waren früher ukrainische Staatsbürger, aber heute haben sie den russischen Pass. Warum entschieden sie sich, in dem Gebiet zu bleiben, das heute von Russland kontrolliert wird? »Weil das unser Zuhause ist, ganz einfach, wir wollten nirgendwo anders hin«, sagt Alexej.
Für diejenigen, die das Ausmaß der Zerstörung der Stadt Anfang 2022 miterlebt haben, mag ihre Wiederauferstehung eine Überraschung sein. Nach nur vier Jahren sehen die Erwan BriandGebäude und Straßen wie neu aus. »Es ging sehr schnell«, erinnert sich Alexander Sologub, der früher als Englischlehrer in der Stadt arbeitete. »Die Bauarbeiten liefen Tag und Nacht.« Zweifellos hat die russische Regierung großen Einsatz gezeigt, um die Stadt als Schaufenster ihrer Macht wieder funktionsfähig zu machen. An den Fassaden der Gebäude stößt man nicht selten auf Wandgemälde, die die »Befreiung« der Stadt preisen. Doch in den Straßen abseits des Zentrums sind noch Überreste des Konflikts zu sehen. Es gibt sogar Alleen, auf denen auf der einen Seite perfekt erhaltene Gebäude stehen und auf der anderen Seite Ruinen. Wie eine Erinnerung daran, dass der Krieg im Donbass trotz der scheinbaren Ruhe, die man in Mariupol spürt, noch nicht vorbei ist.
Loïc Ramirez ist freier Journalist mit den Themenschwerpunkten Lateinamerika und Osteuropa und lebt in Paris
Zum Autor: Loïc Ramirez
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