Zehn Jahre, Zehntausende Morde
Philippinen: Vor einer Dekade erklärte der damalige Präsident Duterte den »Krieg gegen die Drogen«. Die Gewalt dauert an, ebenso die Straffreiheit
Seit Beginn des »Kriegs gegen die Drogen« auf den Philippinen im Juli 2016 schätzen Menschenrechtsgruppen, dass er bereits Zehntausende Menschenleben gefordert hat. Die Polizei geht von einer deutlich niedrigeren Zahl von 6.252 aus. Diese Morde, oft in der Öffentlichkeit präsentiert, kommen selten vor Gericht. Den Angehörigen fehlen die finanziellen Mittel, um einen Fall voranzutreiben, geschweige denn, ein Gerichtsverfahren zu führen.
Zehn Jahre sind vergangen, und die Zerstörung und das Leid, die der Krieg gegen die Drogen im Land angerichtet hat, werfen nach wie vor viele Fragen auf. Wer sind diese Männer auf Motorrädern, die in Polizeiberichten als unbekannte Verdächtige bezeichnet werden und oft nachts Männer ins Visier nehmen? Auf dem Höhepunkt der Morde bekräftigte der damalige Präsident Rodrigo Duterte in unzähligen Reden, dass es im Land ein Drogenproblem gebe und dass Drogenabhängige und -dealer den Tod verdient hätten; er versprach, Polizisten für deren Tötung zu belohnen, und ermutigte Selbstjustizler, dies ebenfalls zu tun. Wer getötet wird, erscheint willkürlich – manche werden auf der Straße oder bei der Arbeit erschossen, andere entführt und später tot in einem Bestattungsinstitut oder an einer dunklen Ecke gefunden, wo die Öffentlichkeit sie sehen kann.
Auf dem Weg zu meinem ersten Tatort blicke ich zum Mond hinauf. Ich finde die Nacht wunderschön, während ich über Gras und Glasscherben stapfe, um einen Mann zu fotografieren, der von der Polizei am Rand der Bahngleise erschossen worden ist. Er wurde nicht identifiziert. In den nächsten Tagen tauchten weitere Leichen auf. Dann wurden aus Tagen Wochen, dann Monate und nun Jahre. Während der Amtszeit von Duterte habe ich unzählige Tatorte, Totenwachen und Beerdigungen fotografiert. Ich nahm mit den Familien an der Trauerbegleitung teil, während sie über ihren Schmerz sprachen. Ihr Leid hallt noch immer in meinen Ohren nach, die Leere in ihren Blicken, die in die Ferne schweifen, während sie sich an ihre Söhne und Ehemänner erinnern, an ihre Angehörigen, die der Gewalt zum Opfer gefallen sind.
Ich frage die Familien oft – insbesondere jene, deren Angehörige von unbekannten Tätern getötet wurden –, wie Gerechtigkeit für sie aussieht. Ihre Antworten sind stets wehmütig; sie sagen, Gerechtigkeit scheine es nur für die Reichen zu geben. Sie hoffen, dass die Gewalt aufhört, sollte Dutertes Tochter Sara bei den nächsten Wahlen die Präsidentschaft gewinnen.
Am 11. März 2025 wurde Rodrigo Duterte vom Internationalen Strafgerichtshof festgenommen und nach Den Haag in den Niederlanden überstellt. Derzeit wartet er auf seinen Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschheit. Nach Angaben der unabhängigen Beobachtungsstelle »Dahas Project« gab es bis zum 7. August dieses Jahres unter der Marcos-Regierung 1.300 drogenbedingte Morde. Der »Krieg gegen die Drogen« sollte eigentlich nur sechs Monate dauern.
Kimberly dela Cruz ist eine unabhängige philippinische Fotografin und Journalistin mit Wohnsitz in Manila. Die in diesem Fotoessay gezeigten Aufnahmen sind Teil ihrer seit einem Jahrzehnt laufenden Serie »Death of a Nation«, die Tatorte und die vom Krieg gegen die Drogen betroffenen Familien dokumentiert. Die Serie wurde 2021 mit dem W. Eugene Smith Memorial Fund for Humanistic Photography ausgezeichnet und gewann 2023 den World Press Photo Award in der Kategorie »Langzeitprojekte« für Südostasien und Ozeanien.
→Zur Person: Kimberly dela Cruz
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