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Maximale Unsicherheit

NATO erwägt Aufstockung nuklearer Arsenale

Von Jörg Kronauer
Foto: Harald Tittel/dpa
Können auch Atombomben abwerfen: »Tornados« der Bundesluftwaffe auf dem Weg nach İncirlik (Büchel, 4.1.2016)

Mehr Atomwaffen in Europa? Ja, bitte! Das ist die Position, zu der sich jetzt die NATO bekennt. Das Bündnis ist bereits seit geraumer Zeit dabei, seine nuklearen Arsenale in seinem Machtkampf gegen Russland neu zu formieren. Die Modernisierung der in Europa lagernden Bomben ist laut Experten abgeschlossen. Die alten Modelle des Typs B61 sind demnach in Büchel und an fünf anderen Standorten auf dem Kontinent durch die neuen Modelle B61-12 ersetzt worden. Bomben dieses Typs haben die USA vermutlich zudem auf die britische Air Base Lakenheath nordöstlich von Cambridge verlegt und damit die Anzahl ihrer Kernwaffen in Europa schon aufgestockt. Am Freitag wurde nun bekannt, dass zusätzliche US-Atombomben in weiteren Staaten des europäischen Kontinents stationiert werden könnten; das sei »eine Option«, bekräftigte NATO-Generalsekretär Mark Rutte. Als mögliche Standorte, so hieß es, seien Finnland, Litauen und Polen im Gespräch. Gut informierte Experten spekulieren über bis zu 150 zusätzliche neue US-Atomwaffen in Europa zu den 100 bereits hier stationierten.

Klar ist damit: Das Zeitalter der nuklearen Abrüstung ist endgültig vorüber, das Zeitalter einer neuen nuklearen Aufrüstung hat begonnen. Bereits im Februar war mit »New Start« das letzte noch gültige Abkommen über atomare Rüstungskontrolle ausgelaufen. Seither besteht für die Vereinigten Staaten überhaupt kein formaler Grund mehr zur Zurückhaltung in puncto Kernwaffen. Entsprechend nimmt Washington nun den nächsten Schritt in den Blick – mögliche neue Standorte, und zwar solche möglichst nah an der russischen Grenze. Wie es weitergeht, ist unschwer zu erraten. Russland wird kaum tatenlos zusehen und gegenrüsten. Im Westen wird das Geschrei, man müsse sich gegen die russische Bedrohung zur Wehr setzen, noch lauter werden. Und die Rüstungsspirale dreht sich immer weiter, nun eben auch noch nuklear.

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Auch ein Blick ins Detail bestätigt: Die Atomkriegsgefahr nimmt aktuell deutlich zu. Die Bomben vom Typ B61-12, die inzwischen in Europa lagern, sind deutlich treffgenauer als die Vorgängermodelle. Sie können zudem mit abgestufter Sprengkraft eingesetzt werden. Sie lassen sich somit taktisch nutzen, um feindliche Kommandozentralen, sonstige militärische Infrastruktur, ja sogar Truppenansammlungen anzugreifen. Die Ansicht, Kernwaffen begrenzt einsetzen zu können, erhöht die Wahrscheinlichkeit erheblich, dass es zum nuklearen Schlagabtausch kommt. Und nicht nur das. Die NATO spielt aktuell mit dem Gedanken, über die Stationierung neuer Atomwaffen in Europa nicht zu informieren, sondern Russland darüber im unklaren zu lassen. Ähnlich geht Frankreich vor, das mittlerweile angekündigt hat, sein Nukleararsenal aufzustocken, aber keine Details darüber bekanntzugeben. Die Unklarheit, die dadurch entsteht, verstärke die abschreckende Wirkung, behaupten NATO-Militärs. Nun, vor allem verstärkt sie eines: die Wahrscheinlichkeit, dass Russland spiegelbildlich antworten wird. Ein Europa aber, in dem man bald nicht einmal mehr weiß, wo der Feind seine Kernwaffen stationiert, ist ein Europa maximaler Unsicherheit.

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.08.2026, Seite 3, Ansichten

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