Kaisers Bahn
Wer an einem der heißesten Tage des Jahres einen Zug der Deutschen Bahn besteigt, geht kein unerhebliches Risiko ein. Streikt die Klimaanlage in Waggons, deren Fenster sich nicht öffnen lassen, wird die Stahlröhre zur unentrinnbaren Hitzefalle. Und sagen Sie jetzt nicht, das passiert sonderlich selten. Gleichentags, also am Donnerstag, veröffentlicht der Verkehrskonzern in Staatsbesitz seine Halbjahresbilanz, und siehe da: Die Bahn fährt erstmals seit sieben Jahren wieder einen Gewinn ein. Wovon sich Fahrgäste, deren Züge um Stunden verspätet sind oder gar nicht erst kommen, auch nichts kaufen können. Bilanz und Misere geben das Material für den Zeitungskommentar, denn zur Bahn hat nun wirklich jeder eine Meinung.
Der Dunkelheit am Eingang des Tunnels weicht das Licht an dessen Ende. So will es scheinen, es herrschen verhaltener Zweckoptimismus – und Forderungen an die Bahnchefin. »Noch nie waren die Fahrgäste so unzufrieden. Hier muss Palla Verbesserungen erzielen, ohne bei der Steigerung der Effizienz nachzulassen – eine Herkulesaufgabe«, schreibt die Badische Zeitung aus Freiburg. Die Neue Presse aus Coburg weiß, was alle wissen: »Das Netz muss digitalisiert, Baustellen müssen abgearbeitet und die Flotten erneuert werden.«
Bei der Augsburger Allgemeinen gibt man sich auch mit kleineren Brötchen zufrieden: Fahren die Züge schon auf absehbare Zeit nicht pünktlich, müssen »zumindest die weichen Verbesserungen greifen. (…) Wer öfter mit dem Zug unterwegs ist, sieht jetzt mehr Putztrupps, die während der Fahrt saubermachen. Die Verspätung erträgt sich leichter, wenn der Unrat weggeräumt wird.« Das ist doch schon mal was. Gestrandet irgendwo in der Heide, aber wenigstens blitzt und blinkt das Zuginterieur.
Die FAZ zeigt sich erst hart, dann versöhnlich. »Die Politik hat das Infrastrukturthema zu lange schleifen lassen, das Bahnmanagement hat nur zögerlich auf das absehbare Versagen des Schienenverkehrs reagiert. Jetzt müssen es alle ausbaden und alle bezahlen. Wir warten auf die erste detaillierte Untersuchung zu den volkswirtschaftlichen Schäden aller über das Jahr zusammengefahrenen Zugverspätungen.« Doch immerhin, es geschieht ja was: »Funktioniert Pallas Langfristplan, wartet am Ende eine schöne neue Bahnwelt. Pünktlich 2035, wenn die Eisenbahn in Deutschland ihr 200jähriges feiert. Ihre letzte richtige Glanzzeit hatte die Eisenbahn hierzulande um die vorvergangene Jahrhundertwende, mit prächtigen Bahnhofsbauten und mächtigen Dampflokomotiven. Vielleicht lässt sich daran anknüpfen.«
Wer möchte sie nicht zurückhaben? Die gute alte Kaiserzeit. (brat)
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