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Kabarett

Schauspiel und Diagnose

Vor 40 Jahren starb Helmut Qualtinger

Foto: United Archives/IMAGO
Helmut Qualtinger in Wolfgang Staudtes »Feuerwasser« (1978)

Am 2. Mai 1945, gerade war in Wien (am 27. April) die Zweite Republik Österreich mit der Unabhängigkeitserklärung ausgerufen worden und der Krieg in vielen Teilen Österreichs noch nicht beendet, betrat Helmut Qualtinger auf charakteristische Weise die literarische Bühne. An diesem Tag berichtete ein Wiener Bezirksfunktionär der KPÖ, Qualtinger – damals noch keine 17 Jahre alt – »läuft mit dem Sowjetstern auf der Brust herum und gibt sich für einen russischen Zivilkommissar aus und behauptet, in dieser Eigenschaft ermächtigt zu sein, eine linksgerichtete Theatergründung auf die Beine zu bringen«. Acht Dokumente im Archiv der KPÖ und wenige Wochen später wird bekräftigt: »Wie aus den beiliegenden Aktenabschriften hervorgeht, hat Helmut Qualtinger, ein Jugendlicher, sich als russischer Zivilkommissar ausgegeben und behauptet, ermächtigt zu sein, ein kommunistisches Theater zu gründen.« Unter anderem wegen der Fälschung diverser Dokumente wurde er daraufhin drei Monate lang inhaftiert.

Es handelt sich bei dieser Geschichte nicht lediglich um eine nette Anekdote. Sie belegt, dass sich Qualtinger früh für das Theater interessierte, was sich aufgrund dieser ersten Niederlage zunächst auf Erfahrungen mit Studentenkabarett reduzieren musste. Zugleich war bald absehbar, dass er Größeres im Sinn hatte: Im Jahr 1949 feierte sein erstes Theaterstück »Jugend vor den Schranken« in Graz Premiere, ein Drama über die vom Krieg traumatisierte Jugend. Es wurde nicht bloß verrissen, die Premiere endete im Tumult. Qaltinger reagierte empfindlich auf die Rezeption. Graz hatte damals seinen mühsam erworbenen und insbesondere während der Nazizeit kultivierten Status als »Bollwerk gegen den Osten« oder gegen »das Slawentum« noch nicht hinter sich gelassen. Für den jungen Theatermann war es nach dem Vorfall kein akzeptabler Auftrittsort mehr. Noch 1985, ein Jahr vor seinem Tod, mied er die Stadt. Ich musste in die Vorortgemeinde Hausmannstätten pilgern, um in einem überfüllten Sport- und Festsaal seine berühmte Lesung aus Hitlers »Mein Kampf« miterleben zu können.

Es ist müßig, hier Qualtingers Wirken als Kabarettist in den 1950er Jahren auszubreiten. Den Durchbruch hatte er 1951/1952, in den Programmen »Reigen 51« und »Brettl vor’m Kopf« arbeitete er unter anderem mit Michael Kehlmann, Gerhard Bronner, Carl Merz oder Susi Nicoletti zusammen, später mit Georg Kreisler, Louise Martini und anderen. Einiges davon ist auf Speichermedien verfügbar, manche Ausschnitte findet man auf Youtube, satirische Highlights, die anlässlich der einschlägigen Jubiläen medial herumgereicht werden. Das von Bronner getextete und komponierte Chanson »Der Papa wird’s schon richten« (1958) zum Beispiel, das die behördliche Vertuschung eines durch den Sohn des damaligen ÖVP-Nationalratspräsidenten verursachten Autounfalls mit Todesfolge zum Anlass nahm, um Korruption und »Freunderlwirtschaft« anzuprangern, und das ohne Qualtingers Darstellungskunst vermutlich nicht jenen durchschlagenden Erfolg gehabt hätte. Georg Kreisler wiederum sang seine eigene Version des Songs, bei gleicher Melodie: »Der Bronner wird’s schon dichten«. Der nämlich nahm es mit der Urheberschaft nicht immer genau und pflegte schon mal unter kollektiv verfasste Lieder oder Sketche allein seinen Namen zu setzen.

Wesentlicher scheint, dass Qualtinger in diesen Jahren seine schauspielerisch-satirische Methode perfektionierte, mimetisch, also einfühlend und nachahmend zu enthüllen, um damit sowohl Charaktere als auch Verhältnisse kenntlich zu machen. Zugleich soll nicht unerwähnt bleiben, dass er damals geopolitisch bisweilen den westlichen Zeitgeist bediente – beispielsweise indem er sich (im Sketch »Marx und Moritz«; Text: Merz-Qualtinger) über jugoslawische Rückständigkeiten, unter anderem mit einer Figur namens »Ante Analphabetrowitsch«, als angebliche sozialistische Charakteristika lustigmachte oder gelegentlich antisowjetische Ressentiments bediente, während er gegenüber den USA frappierend unkritisch blieb. Aber selbst dabei konzentrierte er sich in erster Linie auf die Kenntlichmachung des Spießertums der »Eigenen«. Der mit ihm befreundete jahrgangsgleiche kommunistische Bildhauer Alfred Hrdlicka, der als Jugendlicher mit Qualtinger als Statist in der Oper jobbte, urteilte über dessen weltpolitische Orientierungen präziser: »In den Jahren von 45 bis 55 missfiel mir an ihm, dass er allzu offenkundig mit dem ›Russenschmäh‹ hausieren ging, und (…) er landete nicht zufällig beim Militärsender der USA, beim Sender Rot-Weiß-Rot. Seine Liebe zu allem Angloamerikanischen stammt allerdings aus einer Zeit, in der dies alles andere als opportun war, aus der Nazizeit.« Und Hrdlicka verwies insbesondere auf Qualtingers Liebe zum Jazz.

Dass das Anpatzen obrigkeitsstaatlicher und korrupter Zustände im TV möglich war, ist nicht nur mit der noch geringen Verbreitung des Fernsehens erklärbar, sondern auch damit, dass die mit ehemaligen Funktionären des Austrofaschismus durchsetzte und dominierende konservativ-reaktionäre Volkspartei das TV unterschätzte und ihre nicht als Zensur bezeichnete Aufsicht auf den Rundfunk konzentrierte. Wobei Qualtingers kritisches und künstlerisches Potential bis dahin die österreichischen Grenzen kaum überschreiten konnte.

Der Herr Karl

Dies gelang erst mit dem »Herrn Karl«. Bis heute ist Qualtinger mit diesem Stück untrennbar verbunden, oft wurde er mit der Kunstfigur sogar identifiziert. Geschrieben hat er das Stück mit Carl Merz zu Beginn der 1960er Jahre, der Erfolg beruht allerdings auch auf Qualtingers unvergleichlicher Schauspielkunst. In einem bestechenden, knapp einstündigen Monolog geißelt er das Spießertum und den Opportunismus, das Anpassen und Anbiedern an alle Arten von Macht und die Bagatellisierung von Verbrechen nicht nur der Vergangenheit. Wobei das Hineinwachsen vieler Menschen in den Nazismus und die Herkunft der Republik Österreich aus dem faschistischen Reich die Basis der Darstellung bilden.

Am 15. November 1961 wurde das Stück in der Regie von Erich Neuberg zur besten Fernsehzeit im österreichischen TV ausgestrahlt. Es gab damals nur das eine Programm, Privatsender waren noch unvorstellbar. Die Sendung hatte Wirkung: Ein Teil der Zuschauer geriet in Aufruhr, vornehmlich solche, die sich im Angesicht der Figur zu Recht ertappt fühlten, in ihrem Kleinbürgermief, aus dem die blutige Abscheulichkeit des Faschismus erwachsen war. Wobei Qualtinger ausdrücklich darauf hinwies, dass die Wut über den »Herrn Karl« und die Angriffe auf ihn selbst »nicht aus den Kreisen des Herrn Karl« gekommen seien, »sondern aus dem Bürgertum«. Das gesittete Bürgertum habe sich entlarvt und angegriffen gefühlt (Gespräch mit Friedrich Luft 1969).

Zugleich wurde damals eine bis heute wirkende Debatte losgetreten, die Opportunismus und Spießertum als »österreichische Charaktereigenschaften«, den »österreichischen Menschen« (so die Diagnose des damaligen Literaturpapstes Hans Weigel) darstellen, was insbesondere »das gemeine Volk« betreffen sollte oder aber alle Österreicher – alle, außer die Diagnostiker. Da änderte es wenig, dass in den folgenden Jahrzehnten Historiker und Soziologen feststellten, dass der »Herr Karl« auch einen Bruder hatte, den »Herrn Doktor Karl«, dessen ganze intellektuelle Schäbigkeit und Verbundenheit mit der Macht oft zu ganz anderen Verbrechen beitrug und beiträgt als jene des angeblich »kleinen« Opportunisten.

In Westdeutschland wiederum nahm man gern die Gelegenheit wahr, anhand dieses Stücks den eigenen Opportunismus, die eigenen Verbrechen und die Verstrickung in den Aufstieg des Hitlerfaschismus auf Österreich und die Österreicher zu projizieren. Zudem hat sich seit damals jene Erzählung breitgemacht, dass es vor allem »das Volk« ist und gewesen sei, das die Verbrecher an die Macht brachte, dass ökonomische Verhältnisse dabei keine Rolle spielten oder höchstens insofern, als »die Arbeitslosigkeit« und das wirtschaftliche Elend der Bevölkerung für den Aufstieg der Nazis verantwortlich seien. Dass ökonomisch mächtige Netzwerke für diesen Aufstieg maßgeblich verantwortlich waren, wurde ins Reich der Phantasie oder der Verschwörungs­theorien verwiesen. Und hinter diesem Schleier eines für Verhetzung nicht nur anfälligen, sondern prädestinierten Volkes, das Ursache der Katastrophe sei, konnten über Jahrzehnte hinweg jene zum Verschwinden gebracht werden, die nicht in dieses Schema passten: die Widerständigen, die dem Opportunismus Widerstehenden, die Unangepassten, die Widerstandskämpfer. Diese waren bedeutungslos, weil »eigentlich« dominierend und entscheidend für die gesellschaftlichen Katastrophen die Spießer und Opportunisten gewesen seien, die eben durch den »Herrn Karl« beispielhaft verkörpert wurden.

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Es konnte daher nicht ausbleiben, dass diese bequeme Sicht in den nachfolgenden Jahrzehnten auf verschiedene Weise gepflegt und warmgehalten wurde. Eine Reihe von nachfolgenden Schauspielern hat sich wiederholt am »Herrn Karl« versucht. Man mag ihnen den guten Willen nicht absprechen, doch sie erinnerten mit ihren Darstellungen an kaum mehr denn das Stück, nicht an das, woran das Stück erinnert.

Eine Ausnahme macht das unlängst ins Werk gesetzte Experiment des Puppenspielers und Regisseurs Nikolaus Habjan, der schließlich aus dem »Herrn Karl« drei Personen gestaltete, nicht sklavisch am Ursprungstext festhielt und damit auch bei Auftritten in Deutschland reüssierte. Die meisten Wiederaufnahmen des »Herrn Karl« gingen und gehen jedoch schief, weil das Stück zeitgeschichtlich gebunden ist. Eine »Aktualisierung« erforderte einen anderen Text. Die heutigen Carl Merz und Helmut Qualtinger sind allerdings weit und breit nicht zu entdecken.

Vom Kabarett zur Literatur

Man muss in diesem Rahmen vieles unter den Tisch fallen lassen und kann einige große Leistungen bloß erwähnen, geht aber sicher nicht fehl, wenn man Qualtingers in vieler Hinsicht unerreichte literarische Vortragskunst mit den »Letzten Tagen der Menschheit« von Karl Kraus beginnen lässt, deren erste Auswahl 1962 auf LP veröffentlicht wurde. Die erste öffentliche Lesung fand 1963 statt, unzählige weitere Auftritte folgten, auch weitere LPs. Niemand seit Karl Kraus hatte es gewagt, dieses unaufführbare, »einem Marstheater zugedachte« Monumentaldrama mit seinen über tausend Rollen und mehr als zweihundert Szenen als einzelner in unzähligen Zusammenstellungen vorzutragen, in denen jede einzelne Rolle tatsächlich als Unikat kenntlich scheint. Lesungen und Aufnahmen wurden in den 1960er und 1970er Jahren bei vor allem jungen Menschen Kult. Nicht zuletzt, weil die im Ersten Weltkrieg gängigen Phrasen der Kriegshetze und des Chauvinismus bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hinein virulent blieben und die »Friedenshetze« des Karl Kraus daher auf offenere Ohren eines kritischen Publikums stieß. Bis zum heutigen Tag prägen sich bei jenen, die sich dem aufwühlenden Text aussetzen, all jene Szenen und Sätze ein, die sich in immer neuen Varianten in der Propaganda der Kriegstreiber wiederfinden. Was auch der Grund dafür ist, dass gerade angesichts der heutigen Situation manche Szenen vor dem Auge derjeniger erscheinen, die das Stück zur Kenntnis genommen haben. Wenn heute zum Beispiel in immer kürzeren Abständen über die schlechte wirtschaftliche Lage Russlands berichtet wird, mag man sich an die 18. Szene des vierten Akts erinnern: »Ein Kind: Mutter, gibt’s heut wieder nix z’ essen? (…) (Es läutet.) Das is der Vater! Er hat sich angstellt um Wrucken, hoffentlich – (Der Vater, in Papieranzug, erscheint in der Tür.) / Die Kinder: Vater, Brot! / Der Vater: Kinder, Rußland verhungert!«

Die Erwähnung der sozialen Realität des eigenen Landes bzw. der unteren Klassen ist der Kriegshetze nicht dienlich und wird von den Kriegstreibern marginalisiert. Allerdings ist als Wermutstropfen festzuhalten, dass sich im Booklet der 4-CD-Ausgabe der Text eines LP-Covers aus den 1960er Jahren findet, der mit der Geschichtslüge »Die letzten Tage der Menschheit begannen mit dem Attentat von Sarajevo« ansetzt. Die Kriegserklärung der Habsburger Monarchie gegen Serbien wurde erst einen Monat nach dem Attentat gegeben.

Ein Jahr nach jener ersten Lesung trug Qualtinger auf einer LP musikalisch begleitet Texte von François Villon vor, nachgedichtet im Wiener Dialekt von H. C. Artmann. Es folgte eine Wiederbelebung Ödön von Horváths durch Qualtinger und andere Autoren, Anton Kuh, um nur einen zu nennen, wobei Qualtinger in den beiden TV-Produktionen von »Geschichten aus dem Wienerwald« (1964 und 1979) in unterschiedlichen Rollen beeindruckte.

Besondere Verdienste erwarb Qualtinger sich um das Werk des 1939 im Alter von 26 Jahren im KZ Buchenwald ermordeten Dichters Jura Soyfer, von dem in einer Rezension gesagt wurde, er hätte »ein österreichischer Brecht« (mit einem Schuss Nestroy) werden können. Im Alter von acht Jahren, 1920, war Soyfer mit seinen Eltern aus dem damals umkämpften, später sowjetischen Charkow nach Wien gekommen. Obwohl manche seiner unter den Bedingungen des Austrofaschismus geschriebenen kurzen Theaterstücke in mehr als dreißig Sprachen übersetzt wurden, ist Soyfer im deutschen Sprachraum kaum bekannt. Nach der Niederlage der österreichischen Arbeiterbewegung in den Februarkämpfen des Jahres 1934 schrieb Soyfer den Fragment gebliebenen Roman »So starb eine Partei«, in dem er die nach seiner Einschätzung maßgeblichen Gründe für die Katastrophe der österreichischen Sozialdemokratie und der Arbeiterbewegung literarisch gestaltete. Zur selben Zeit trat er – wie viele enttäuschte Sozialdemokraten damals – der KPÖ bei.

Qualtinger nahm das in den 1970er Jahren kaum bekannte Fragment 1978 für ein Plattenalbum auf, wodurch es erstmals größere Verbreitung fand. Hier muss eine für Qualtinger typische Geschichte erwähnt werden, die der Schriftsteller Gerald Grassl überliefert hat, der damals, im Frühjahr 1979, in der Wiener Zentralbuchhandlung arbeitete. Am Tag der Lieferung von zehn Exemplaren des erstmals erschienenen Gesamtwerks von Jura Soyfer betrat Qualtinger am Vormittag die Buchhandlung, sah sich um »und rief plötzlich sehr laut: ›Was? Endlich gibt’s den Soyfer wieder zu kaufen? Wozu? Bis auf ein paar wenige kennt DEN heute doch sowieso niemand mehr!‹ Ich ging zu ihm hin (…) und begann das ›Dachaulied‹ zu singen. (…) Qualtinger fragte ›Hobts an Kaffee?‹, setzte sich neben die Kassa und jeden Kunden, der den Laden betrat, empfing er mit der Frage ›Kennen Sie Jura Soyfer? Nicht? Wenn Sie Soyfer nicht kennen, dann haben Sie von Literatur keine Ahnung! Jetzt eben ist sein Gesamtwerk erschienen …‹«. Um 14 Uhr waren die über tausend Seiten starken Bände verkauft, gerechnet hatte man des beträchtlichen Preises wegen mit einigen Monaten.

Filme und »Mein Kampf«

Im Internet findet man ohne Mühe eine lange Liste von Filmen und TV-Produktionen, in denen Qualtinger auftrat. Hervorzuheben waren Stücke von Nestroy, Fritz Hochwälders »Himbeerpflücker«, »Das falsche Gewicht« (Joseph Roth), »Das Schloss« (Kafka) und »Die Alpensaga« (Peter Turrini/Wilhelm Pewny/Dieter Berner). Seinen letzten Auftritt hatte er in »Der Name der Rose« (Umberto Eco) als Remigio da Varagine. Qualtinger griff auch selbst zur Feder, es entstanden Geschichten und Satiren, die gewiss von Interesse sein können, doch an die Genialität des Schauspielers und Rezitators reicht der Schriftsteller Qualtinger nicht heran.

1973 war das Jahr, in dem er mit seinen berühmten Lesungen von Hitlers »Mein Kampf« begann. Wiederum ein solitäres Unterfangen, an das sich zuvor niemand gewagt hatte. Allerdings scheint hier seine Methode der kreativen satirisch-enthüllenden Nachahmung weniger gut zu funktionieren, auch wenn der inhaltliche und formale Wahn des Textes (»Hausmaus zu Hausmaus« etc. als Begründung für den eliminatorischen Rassismus) in seiner banalen Nacktheit faszinierend präsentiert wurde. Man sollte allerdings bedenken, dass zur selben Zeit zum Beispiel Joachim Fests Hitler-Biographie gepriesen wurde, aus der nicht zuletzt Faszination für die Rhetorik Hitlers trieft. Nicht nur dagegen und gegen den damals noch immer verbreiteten Mythos des Buches konnten die »Mein Kampf«-Lesungen wirken, sie beweisen auch erheblicheren Tiefgang als der heutige »Fernsehantifaschismus« (Franz Schuh), der den Reflex auf Sprüche als Kampf gegen den Hitlerfaschismus verkauft.

Zwischentöne

Kein Mensch ohne Abgründe. Das gilt auch für Qualtinger. Die österreichische Journalistin und Schriftstellerin Elfriede Hammerl war die einzige, die noch zu Lebzeiten Qualtingers in einem Nachruf auf seine erste Frau, die Schriftstellerin und Journalistin Leomare Qualtinger, eine dunkle Seite des großen Künstlers zur Sprache brachte. In der damals viel gelesenen Wochenzeitschrift Profil wagte sie es zwei Jahre vor seinem Tod – ohne seinen Namen zu nennen und Leomare nur mit dem Anfangsbuchstaben –, das oft schäbige Verhalten Qualtingers seiner Frau gegenüber zu thematisieren. Es war für aufmerksame Leserinnen und Leser nicht schwierig, in ihrer zweiseitigen Klage das nach dreißig Jahren Ehe geschiedene Paar Qualtinger zu erkennen. Qualtinger war durchaus kein Macho, wie die ihm lebenslang freundschaftlich verbundene Schauspielerin Erni Mangold nicht müde wurde zu betonen, doch zunehmender Alkoholismus hatte zur Folge, dass er sich für den gemeinsamen Sohn Christian immer weniger interessierte und seine Frau kreativ lähmte und marginalisierte. »Eines seiner Bücher stammt eigentlich von ihr«, schrieb Hammerl. Erfahren hatte sie es nicht von Leomare, »sondern aus der Verlagsbranche«. Qualtinger hat nicht geklagt.

In den Nachrufen auf und Erinnerungen an Helmut Qualtinger wird sein Alkoholismus kaum erwähnt. Auf Youtube kann man allerdings den Song »Krügl vor’m Gsicht« aus dem Jahr 1960 aufrufen. Mit unvergleichlicher Darstellungskunst stellt der Schauspieler den Alkoholismus als Gesellschaftsproblem an den Pranger: »I bin in mein Himmel und dann geh i schpeim.«

Im Film »Kurzer Prozess«, 1967 gedreht unter der Regie von Michael Kehlmann, einem der wenigen haltbaren österreichischen Filme aus den 1960er Jahren, betritt Qualtinger als Inspektor Pokorny eine Kneipe: »A Achtel!« Der Kellner (Helmut Fischer) fragt: »Rot oder weiß?« – Antwort: »Slivovitz!« Der damals gängigste und billigste Schnaps.

Auch im echten Leben schaffte der Künstler gelegentlich, die Problematik kreativ zu bearbeiten: Georg Kreisler berichtete, dass Qualtinger Bild verklagte, weil man dort über seine Alkoholprobleme berichtet hatte. Zur Hauptverhandlung erschien er volltrunken. Nicht, dass man ihn als Trinker bezeichnet, finde er unehrenhaft, sondern dass man Trinker als unehrenhaft darstellt.

Helmut Qualtinger ist in der kulturellen Sphäre vor allem Österreichs immer noch eine wichtige Bezugsperson. Manche Ältere können noch Passagen aus dem »Herrn Karl« oder den »Letzten Tagen der Menschheit« auswendig, die sie sich in jüngeren Jahren eingeprägt hatten – ein untrügliches Zeichen für wirkmächtige Kultur. Auf Youtube weist Helmut Qualtinger heute, vierzig Jahre nach seinem Tod, immer noch eine beachtliche Präsenz auf, wobei das auch damit zu tun haben könnte, dass seine Lesungen und Sketche noch immer manche heutige angeblich »kritische« Kabarettnummern in den Schatten stellen, wenn zum Beispiel vor fast jeder Wahl »Travnicek vor den Wahlen« Zugriffssteigerungen auf Youtube ausweist. Sein künstlerisches Leben, so hieß es in einem Nachruf, sei »die wachsame, unerschütterliche Renitenz gegen die Wiedergutmachung an Austrofaschisten und Nationalsozialisten« gewesen. Und laut Alfred Hrdlicka war Qualtingers Wirken »nicht Vergangenheits-, sondern Zukunftsbewältigung«. Er sei immer »der aufsässige Intellektuelle« gewesen, der »zu Lebzeiten zu den Nestbeschmutzern gehört hat«.

→ Karl Wimmler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 30. September 2025 über die Schauspielerin Simone Signoret: »Sehr interessante Dinge«

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.09.2026, Seite 12, Thema

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Ralph S. aus N. 29. Sept. 2026 um 12:22 Uhr
    Vielen Dank an Karl Wimmler für die Erinnerung an den großen Helmut Qualtinger. Wer dessen wirkmächtige Lesung – eigentlich eher ein geniales Ein-Mann-dutzende-Stimmen-Hörspiel – der »Letzten Tage der Menschheit« noch nicht kennt, dem sei diese Version des beklemmenden Stücks von Karl Kraus anheimgestellt. Aber Obacht: Unüberhörbare Parallelen zur derzeitigen Stimmungslage könnten bei entsprechend veranlagten Gemütern zu Fatalismus führen.
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