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Das Kissinger-Girl
Ingeborg Bachmann im Kalten Krieg. Anlässlich des 100. Geburtstages der österreichischen Schriftstellerin
Was es heißen mag, Lyrikerin in zwar weniger finsteren, mithin aber von einem veritablen Kalten Krieg deformierten Zeiten zu sein, lässt sich am Ein- oder Übertritt der 1926 geborenen Kärntnerin Ingeborg Bachmann in das durch die Gruppe 47 wie durch den Kulturkreis der deutschen Wirtschaft geprägte literarische Feld, oder sagen wir einfach: literarische Leben Westdeutschlands erahnbar machen.
Im (noch immer diesigen) Licht der in Großbritannien und den USA etablierten (von der deutschen Germanistik indes weitgehend ignorierten) Cold War Studies und der jüngst im Rahmen der großen Salzburger Ausgabe publizierten Briefwechsel mit Schriftstellerkollegen wie Max Frisch, Günter Eich, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Ilse Aichinger und Nelly Sachs wirken nun selbst Bachmanns seit je als hermetisch geltende frühe, in den Krisenjahren 1953 bzw. 1956 erschienenen Gedichtbände »Die gestundete Zeit« und »Anrufung des Großen Bären« wie auch die spätere Prosa zugänglicher und fast einladend. Zum Rätsel aber wird oder Rätsel bleibt die Dichterin selbst und die Eigenart ihres politischen Engagements, »meine Politik-Verstrickung, eine vehemente«, wie es in einem Brief an Enzensberger kryptisch heißt.
Containment Culture
So verwickelt und vermittelt die Sache auch immer sein mag: Mit der 1947 durch George F. Kennan formulierten Containmentdoktrin wurde die europäische Kulturgeschichte in einer Weise bestimmt, die jede Rede von einer Autonomie des literarischen Feldes der Bundesrepublik in der Rückschau als reichlich naiv erscheinen lässt. Für die nächsten zwanzig Jahre stand das kulturelle Leben unter dem paranoiden politischen Primat, den Einfluss und die Ausbreitung des Kommunismus in der Welt mit allen Mitteln und um so ziemlich jeden Preis einzudämmen. Die US-amerikanische Außenpolitik schrieb sich in die moderne Nachkriegsliteratur ein und an ihr mit. Der Film- und Literaturwissenschaftler Alan Nadel hat dafür den Begriff der »Containment Culture« geprägt. Was das in der Praxis hieß – für das Zeitschriften- und Verlagswesen, für die Ausrichtung von Konferenzen, Kunstausstellungen und Konzerten und selbst noch für die Vergabe der Nobelpreise –, hat im Detail und bislang am eindringlichsten Frances Stonor Saunders in ihrem dem im Juni 1950 in Westberlin gegründeten Kongress für kulturelle Freiheit gewidmeten Buch »Wer die Zeche zahlt … Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg« beschrieben: »Auftrag war es, der westeuropäischen Intelligenz allmählich ihre latente Sympathie für Marxismus und Kommunismus auszutreiben, um sie so nach und nach an den American Way heranzuführen.«
Zu diesem heiligen Zweck wurde ein reichhaltiges und verführerisches Prämiensystem geschaffen: Literaturpreise, Studien- und Lesereisen in die angesagtesten Metropolen der freien westlichen Welt, Gastdozenturen, Fulbright- und Tausende andere Stipendien. Es richtete sich vorrangig einmal nicht an dezidiert bürgerlich-konservative Autoren – die Epigonen von Jünger, Benn und Heidegger –, sondern an liberale und irgendwie nichtorthodoxe Linke ohne Parteibindung. Ein allzu wütender, hysterischer Antikommunismus war in diesem Krieg der Ideen meist eher unerwünscht, vom Herzen kommende Kapitalismuskritik, solange christlich-humanistisch oder existentialistisch gesinnt und artistisch möglichst verfeinert, kein Tabu. Zugegeben, es klingt, trägt man die Spuren zusammen, alles ein bisschen so, als hätten sie damals alle zuviel in Peter Hacks’ großem Romantikessay gelesen: »Kleist dichtete für den englischen Geheimdienst. (…) Die imperialistische Literatur wird von der CIA gehandhabt, die inzwischen den Weltrückschritt befördert, so wie es der Secret Service um 1800 herum tat. (…) Weil nachrichtendienstlich veranlasste Literatur ein Tatbestand auch meiner Jahrhunderthälfte ist, stößt ihre Erwähnung auf Empfindlichkeiten.«
In diesem Sinne war die junge Lyrikerin Ingeborg Bachmann als Österreicherin, so muss es damals geschienen haben, eine geradezu ideale Kandidatin (wobei man auf dem hart umkämpften globalen Markt der Poesie gerade erst einen durchaus sensationell zu nennenden Erfolg erzielt hatte, als man den hochrangigen polnischen Dichter und Diplomaten Czesław Milosz zum, so wiederum Saunders, »intellektuellen Überläufer« gemacht hatte). Auf kulturellem Gebiet immerhin war möglich, was sich auf dem militärischen strikt verbot, das sanfte Hinüberziehen der laut Bundesverfassungsgesetz neutralen Zweiten Republik in das transatlantische Bündnis.
Der im Fall Bachmann entscheidende Verbindungsmann war kein Geringerer als Henry Kissinger. Als Direktor des Internationalen Seminars, welches sich ohne groß zu übertreiben als verdecktes CIA-Rekrutierungszentrum charakterisieren ließe, lud Kissinger 1955 neben Siegfried Unseld, zukünftiger Leiter des Suhrkamp Verlages, auch Ingeborg Bachmann an die Summer School der Harvard University ein. Aus dieser glorreichen Zeit rührt die von Hans Magnus Enzensberger in seinen Briefen mit einer Mischung aus Stolz und Ironie gepflegte Rede von den »Kissinger-Boys und -Girls«. Im Interview mit der Zeitschrift für Ideengeschichte erinnerte sich Enzensberger 2015: »Ingeborg Bachmann war damals eines von den Kissinger-Girls, Siegfried Unseld war ein Kissinger-Boy. Henry hatte eine sehr gute Nase. Er spürte die Leute auf, die später einmal wichtig werden sollten. Er lud junge Menschen nach Harvard, die später afrikanische Staatspräsidenten wurden oder Karrieren in den Medien machten.« Fortan wirbt Bachmann auch andere Schriftsteller für die Harvard Summer School an. Im Februar 1959 sucht sie, allerdings erfolglos, Enzensberger an das Internationale Seminar zu locken und bietet ihm an, ein »hübsches« Empfehlungsschreiben an Kissinger zu verfertigen. Auch an der Anwerbung des frisch aus der DDR gekommenen Uwe Johnson dürfte sie nicht unbeteiligt gewesen sein.
Bachmann selbst war Kissinger durch den Kritiker Hans Egon Holthusen anempfohlen worden, und wer will, mag glauben, dass Kissinger damals nichts von Holthusens früherer Zugehörigkeit zur SS oder Unselds NSDAP-Mitgliedschaft wusste. Ein weiterer Fürsprecher war Friedrich Hansen-Löve, der damals gerade daran ging, gemeinsam mit dem berufsmäßigen Brecht-Feind und -Boykotteur Friedrich Torberg die Zeitschrift Forum zu gründen, gewissermaßen das österreichische Pendant zum westdeutschen Monat. Die mit Mitteln des Kongresses für kulturelle Freiheit ausgestattete und somit ebenfalls indirekt von der CIA mitfinanzierte Zeitschrift trug den Kalten Krieg ganz offen und prahlerisch im Untertitel: Österreichische Monatsblätter für kulturelle Freiheit.
Unter Antikommunisten
Frucht von Bachmanns erster USA-Reise war immerhin das dann zu Recht mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnete Stück »Der gute Gott von Manhattan«, welches die Unmöglichkeit der Liebe unter dem Kapitalismus vor Ohren führt, ohne die Verfasserin dem Verdacht irgendeiner Nähe zu den Kommunisten verdächtig zu machen. In die USA wird Bachmann 1962 zurückkehren, diesmal auf Einladung Holthusens. Nur an der legendären Reise der Gruppe 47 nach Princeton 1966 kann sie infolge einer allzu langsam verheilenden Beinverletzung nicht teilnehmen.
Zwei weitere Beispiele für Ingeborg Bachmanns unterschiedlich engen persönlichen Kontakt mit prominenten Führungskadern des Kongresses für kulturelle Freiheit sollen nicht unerwähnt bleiben. Ab Herbst 1953 ist Bachmann in Rom, die Stadt wird bis zuletzt ein Zentrum ihres Lebens bleiben, an der Organisation des vom Kongress veranstalteten Musikfestivals Convegno musicale beteiligt und lernt dabei Nicolas Nabokov kennen. Der Komponist weißrussischer Herkunft (ein Cousin des bald weltberühmt werdenden Verfassers der »Lolita«) ist der Generalsekretär und das noble Gesicht des Kongresses für kulturelle Freiheit höchstpersönlich. Er gehört zu jenen, die noch mit George F. Kennan, dem Vater der Containmentdoktrin, über Fragen der Taktik zu korrespondieren pflegen. Es ist der Beginn einer langjährigen Freundschaft. Bachmann empfiehlt Nabokov dem Piper-Verlag, der später seine Memoiren herausbringen soll, und wird noch bis weit in die 1960er-Jahre in Rom wie Berlin gelegentlich für ihn tätig sein und seine Förderung genießen.
Eine Photographie aus dem Jahr 1965 zeigt Ingeborg Bachmann zusammen mit einem weiteren Elitesoldaten des Kalten Krieges. Am 7. Mai nahm sie im Rahmen der 600-Jahr-Feierlichkeiten der Universität Wien, an der sie einst über »Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers« promoviert hatte, an einer Diskussion zum Thema »Der moderne Roman« teil. Mit ihr (und Dieter Wellershoff) saß Manès Sperber auf dem Podium. Es wäre gelogen, zu behaupten, das Bild lasse irgendeine besondere Nähe oder Herzlichkeit erkennen. Mehr als Koexistenz ist da nicht. Dennoch: Sperber war kein Irgendwer, sondern neben Arthur Koestler der zweite international bekannte Renegat mit KPD-Vergangenheit, der sich 1950 in Westberlin in den Dienst des Kongresses für kulturelle Freiheit gestellt und an seinem Abschluss- wie Gründungsdokument mitgewirkt hatte. Gemeinsam mit Koestler war er federführend beim Entwurf des »Manifests« des Kongresses gewesen, dessen Geschichte er bis zu seinem unrühmlichen Ende maßgeblich mitprägen sollte. Sperber zählte zu den militanten Hardlinern innerhalb der Organisation, und selbst als sich ziemlich genau ein Jahr nach seinem Auftritt in Wien die Rolle der CIA bei der Finanzierung des Kongresses und der ihm nahestehenden Zeitschriften nach Berichten unter anderem der New York Times nicht länger leugnen ließ, sprach er sich unbeeindruckt für ein konsequentes Weitermachen aus. An Romantheorie war er Mitte der 60er Jahre gänzlich uninteressiert.
»Übrigens ist es nicht ganz ungefährlich, sich etwas schenken zu lassen«, schrieb Enzensberger im März 1959 an Bachmann, nachdem der bundesdeutsche Innenminister Gerhard Schröder »auf den gedanken gekommen, meine einladung nach rom zu widerrufen und mich auf spätere zeiten zu vertrösten.« Ähnlich erging es im Dezember 1961 Uwe Johnson, als ihm Außenminister – immerhin ein bisschen Abwechslung in den Zuständigkeiten – Heinrich von Brentano sein Stipendium für die Villa Massimo zu entziehen drohte, nachdem er angeblich öffentlich den Bau der Berliner Mauer gerechtfertigt hatte. Auch das gehörte also zu den essentiellen Elementen der Containment Culture: Ab und zu musste man seine Intellektuellen einfach daran erinnern, dass Prämien leicht einkassiert und Privilegien auch wieder zurückgenommen werden können.
Ingeborg Bachmann machte ihre Erfahrungen damit, was es mit dieser famosen kulturellen Freiheit so auf sich hatte und wie weit sie ging, nach ihrer Unterzeichnung der gegen die dann tatsächlich am 25. März 1958 vom Bundestag in Bonn beschlossene atomare Bewaffnung der Bundeswehr gerichtete Petition »Frauen gegen die Atombewaffnung« sowie des von Hans Werner Richter, Gründer und graue Eminenz der Gruppe 47, initiierten Aufrufs »Niemals Atomwaffen für Deutschland!« Ausgerechnet von ihren alten liberalen Freunden vom Forum wurde Bachmann nun die ihr als österreichische Staatsbürgerin und Dichterin nicht zustehende Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik vorgeworfen. Doch blieb dieser Angriff für sie folgenlos und erscheint heute seltsam harmlos. Nicht zuletzt bei den Schriftstellern in der DDR, zu denen Ingeborg Bachmann in den kommenden Jahren gezielt Kontakt suchen und aufbauen wird, kann der Vorfall, falls er dort überhaupt zur Kenntnis genommen wurde, ihre Glaub- und Vertrauenswürdigkeit nur erhöht haben.
Es-Pe-De wählen …?
Steht Ingeborg Bachmanns lukrative und zugleich auf Dauer immer doch prekär bleibende Rolle als Kissinger- oder vielleicht doch eher Nabokov-Girl im Widerspruch zu ihrer bezeichnenderweise am deutlichsten im Briefwechsel nicht mit Enzensberger, sondern mit Heinrich Böll und anderen dokumentierten politischen Radikalisierung? Diese verläuft Mitte der 1960er Jahre jedenfalls so krass, dass Bachmann zeitweise von sich selbst überrascht, um nicht zu sagen schockiert ist. Es wäre dies, falls etwas dran ist, die andere, gegenläufige Seite ihrer vehementen Politikverstrickung.
Dabei hatte sie bereits 1953 in ihrem ersten Gedichtband die restaurativen Tendenzen in Adenauer-Deutschland wie in der Zweiten Republik skandalisiert. So heißt es in dem sogar Brechts kritische Aufmerksamkeit erregenden Gedicht »Früher Mittag«: »Sieben Jahre später, / In einem Totenhaus, / Trinken die Henker von gestern / den goldenen Becher aus.« Zehn Jahre später dann klingt es in den Briefen nur noch härter, unversöhnter: »ich habe neuerdings einen so unkontrollierbaren Hass auf dieses Deutschland, auf die Deutschen, ich lese ja unglücklicherweise alle Gazetten«, klagt sie nach einer Fahrt nach Hamburg; aber auch in Westberlin fühle sie sich nur wie eine »displaced person«. Immerhin, es gab da auch Lichtblicke, kleine: »Es gefällt mir nichts mehr. Das Letzte, was mir gefallen hat, war die Reise in der S-Bahn, nach Ostberlin.« – Das nun schreibt sie ausgerechnet an Uwe Johnson.
Wenn Ingeborg Bachmann Mitte der 1960er Jahre in einem Brief an den Komponisten Hans Werner Henze, der bald darauf in die Kommunistische Partei Italiens eintreten wird, bekennt, »Alle meine Neigungen sind auf der Seite des Sozialismus, des Kommunismus, wenn man will, aber da ich seine Verirrungen, Verbrechen etc. kenne, kann ich nicht votieren«, so stellt dies keineswegs eine gewagte Verletzung des etwa im Umfeld der Gruppe 47 herrschenden Konsens oder eine Überschreitung des in Frankfurt, Darmstadt und Cambridge Sagbaren dar. Es liegt noch ganz und gar auf der Linie des Kongresses für kulturelle Freiheit, lässt sich sogar geradezu als Musterbeispiel eines lehrbuchmäßig gelungenen Containments interpretieren.
Lange bremst Böll Bachmann eher, wirkt mäßigend auf sie ein, warnt besorgt vor jenem und jenen im Osten und bringt vorsichtig Religiöses, das heißt Katholisches ins Gespräch. Das kehrt sich im Sommer 1965 plötzlich um, nachdem die Freundin offenbar in die Fänge Brandts und seiner Clique schreibender Wahlkampfhelfer geraten ist. Auch Hans Mayer verkehrte damals zeitweise in diesen Kreisen, er erinnerte sich später an die starke Wirkung, die die Dichterin auf Willy Brandt ausgeübt habe. In ihrem Brief vom 25. Juli 1965, sie weilt seit Erhalt eines Langzeitstipendiums der Ford Foundation in Westberlin, berichtet Ingeborg Bachmann Böll von ihren neuen Polit-Connections: »Ich komme von einem Abend mit Günter Grass und zwei anderen Freunden hier, die wiedrum von einer Unterredung mit Willy Brandt kamen, und nichts wünscht man sich mehr, als dass Du in diesem Moment mithelfen könntest, weil es doch wohl nicht unwichtig ist, wer die Wahlen gewinnt. Und alle sind sich klar darüber, was Du tun könntest, und zugleich befürchtet man, dass Du in eben diesem Moment, aus welch anerkennenswerten Gründen auch immer, schweigen würdest. Bitte verzeih, ich bin wirklich nur der Intermediator.«
Wieder einmal also sehen wir Ingeborg Bachmann als mehr oder weniger geschickte (im Doppelsinn) Anwerberin. Ihr Bekenntnis, dass sie sich selbst eigentlich ja »weit ›links‹« von all dem begreife und eine solche Rolle bis vor kurzem auch niemals übernommen hätte, bleibt rein rhetorisch und bereitet das folgende Nachfassen nur vor, das der schlichten Bekehrungsdramaturgie eines Waschmittelwerbespots ähnelt: »Mich sollte das Ganze ja nichts angehen, aber ich sehe hier Bemühungen und Ernst und auch in dieser Partei, von der ich vorher keine sehr hohe Meinung hatte, aber ich habe mich, widerwillig, überzeugt, dass das jetzt kommen sollte, dass Du und Grass und einige andere mitsorgen solltet, dass diese Partei die Wahlen gewinnt.«
Doch ist Böll, der sich zu der Zeit seit fünf Wochen in der Sowjetunion aufhält, derlei Zumutungen seit Jahren gewohnt, und er antwortet souverän und in aller denkbaren Klarheit: »Von fern, von hier aus macht die Bundesrepublik einen so finsteren Eindruck, daß ichs kaum ausdrücken kann, und wir verließen sie mit dem Eindruck, daß die SPD die niederträchtigste Partei sei, denn sie hatte sich gerade von einer Äußerung, die Grass getan hatte, distanziert, öffentlich.« Böll zeigt Verständnis für den politischen Tatendrang der Kollegen, fährt aber mit dem schwierigen Vergleich fort, er erkenne in deren Engagement »nicht viel mehr als in dem Wunsch vieler junger Deutscher, die sich 1933 engagierten, die etwas tun wollten – sehr ehrenhaft, sehr redlich – wirklich, aber doch nicht für diese Partei! (…) ich halte das für Selbstmord, durchaus jenem vergleichbar, den so viele Deutsche verübten, weil sie 1933 politisch für etwas sein wollten, nicht immer dagegen etc.« Sein eigenes Motto hingegen sei, alles gegen die CDU, nichts für die SPD, und so schließt er das Thema ab, indem er das frühere Bekenntnis der Adressatin locker überbietet: »ich bin immer weiter nach links geraten, nach links gekommen, soviel weiter als Du, und ich kann für diese bürgerlich nationalistische Idiotenpartei nichts tun.« Ein Antwortbrief Bachmanns ist nicht überliefert.
Kritische Theorie, poetisch
Man sollte Ingeborg Bachmanns Kenntnis marxistischer und auch Kritischer Theorie nicht zu hoch veranschlagen. Natürlich, in ihrem Besitz befand sich neben manchem anderen die dreibändige Ausgabe von Ernst Blochs »Das Prinzip Hoffnung«, so wie zahlreiche Hefte der Neuen Deutschen Literatur und von Sinn und Form im Nachlass vorhanden sind. Doch zeigen sich bei Gelegenheit erstaunliche Bildungslücken der promovierten Philosophin. So war ihr noch im Herbst 1959, als sie ihre Frankfurter Vorlesungen zur Poetik vorzubereiten hatte, die Existenz der »Dialektik der Aufklärung« von Adorno und Horkheimer gänzlich unbekannt. In rührender Naivität schreibt sie ausgerechnet an Enzensberger: »Einmal hast Du mir gesprochen von der ›Kulturindustrie‹, ich wüsste gern, ob Du oder jemand anders darüber geschrieben hat und wenn, wie ich zu dem Manuskript komme.« Das Aufhorchen immerhin verrät vielleicht auch Skepsis gegenüber der eigenen Autorschaft. In einem Essay Dieter Wellershoffs wird sie es wenige Jahre später nachlesen und sich nun selbst wiedererkennen können: »Sehr früh bahnt die Kulturindustrie den Talenten den Weg und hat sie ständig unter Kontrolle, macht aus ihnen Schriftsteller, die nur noch mit Schriftstellern umgehen und schließlich nur noch etwas über Literatur wissen und Literatur herstellen, die sich mit sich selbst befaßt.«
So unvertraut Ingeborg Bachmann mit dem Denken Adornos in den 1950er Jahren noch gewesen sein mag, da ist bereits und bleibt etwas in ihrem Werk, das eine tiefe Wesensverwandtschaft – im Guten wie im Schlechten, muss man sagen – anzeigt. Es geht hier also nicht um bloßen »Einfluss«. Schon in ihrem zweiten Gedichtband »Anrufung des Großen Bären« bringt Bachmann in dem Langgedicht »Von einem Land, einem Fluß und den Seen« lyrisch dicht und exakt zur Anschauung, was Adorno dann 1963 in seinen Vorlesungen zu Problemen der Moralphilosophie explizierend auf den Begriff zu bringen suchen wird. In der zweiten Vorlesung war am 9. Mai zu hören (und im zehnten Band der »Nachgelassenen Schriften« können wir es inzwischen nachlesen): »Man kann eigentlich sagen, daß das Grauen, das der Faschismus verübt hat, in einem sehr weiten Maße gar nichts anderes ist als eine Verlängerung von Volkssitten, die eben dadurch, daß sie von der Vernunft sich abgelöst haben, dieses Widervernünftige und Gewalttätige angenommen haben.«
Ich kann nicht finden, dass dies als Fragment zu einer Faschismustheorie sonderlich taugt. Aber es reflektiert eben, vermutlich ohne es zu kennen oder im Sinn zu haben, die alptraumhafte, alles Utopische verschlingende Bildlichkeit von Ingeborg Bachmanns Gedicht, und nur darauf kommt es an. Die Übereinstimmung überrascht eigentlich nicht: Adornos raffinierte philosophische Vorlesungen sind ja nicht weniger Produkt der Containment Culture des Kalten Krieges als Bachmanns hochpoetische Texte.
→ Dennis Püllmann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. März 2023 über deutsche Literatur im sowjetischen Exil: »Hinter geschlossenen Türen«.
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Onlineabonnent*in Oliver S. aus S. 25. Juni 2026 um 17:14 UhrEs ist einleuchtend, dass der Begriff »Containment Culture« etwas bezeichnet, das die »westliche Kultur« wie ein Gerüst stabilisieren soll. Ein Netzwerk, das verhindern soll, dass die maßgeblichen Interessen der herrschenden Klasse infrage gestellt werden und das Geheimnis der Entstehung des Mehrwerts an die Oberfläche kommt. Auch die Zusammenhänge von Kapitalismus, Krieg und Faschismus sollen im Dunkeln bleiben. Von »hoher literarischer Produktion« über profane Medien bis hin zur Kontrolle darüber, wer die maßgeblichen Ämter besetzen darf, war und ist alles fein orchestriert. Die handfesten Interessen, die sich hinter dieser »Containment Culture« verbergen, kontrollieren bis heute alle öffentlichkeitsrelevanten Bereiche. Der zu verurteilende und zu bekämpfende Feind wechselt je nach aktuellem Bedarf. Was einst gegen das »Reich des Bösen«, die Sowjetunion, aufgeboten wurde, setzt sich nahtlos fort und bringt große Teile der Bevölkerung dazu, gegen ihre eigenen Interessen zu denken und zu handeln. Heute sind es die Chinesen, die Russen oder der radikale Islam. Der »Fall Bachmann« zeigt, dass der B. Brecht zugeschriebene Satz wahr ist: »Die Kultur ist ein Palast, der aus Hundescheiße gebaut ist.«
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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