Das größte Geheimnis
Mit neuem Schwung: Reem Khericis lustvolle Komödie »Cherí, ich komme!«
»Was ist das größte Geheimnis der Menschheit?« fragt Fanny (Alexandra Lami) das französische Fernsehpublikum zur Primetime. Als sie nach etlichen Sekunden allgemeiner Ratlosigkeit ihre Frage schließlich selbst beantwortet, kommt Leben ins Studio: »Unser größtes Geheimnis ist der weibliche Orgasmus.«
Die nächste Frage, die sich uns als Zuschauer automatisch stellt, heißt: Warum ist der männliche Orgasmus wiederum so einfach zu erreichen und so leicht zu beweisen, also überhaupt kein Geheimnis? Die Erklärung, die uns in Reem Khericis Film »Cherí, ich komme« gegeben wird, lautet: Weil Männer von Natur aus die schlechteren Schauspieler sind.
Ich habe mich in meinem Freundeskreis umgehört. Selbst die größten Frauenversteher konnten es sich nicht vorstellen, 20 Jahre lang regelmäßig im Bett einen Orgasmus vorzutäuschen.
Fanny hat das geschafft. Doch nun soll Schluss damit sein. Sie sucht eine Sexualtherapeutin auf. Das Ergebnis ist ungefähr so, als würde man am Vormittag zum Steuerberater gehen, von dem dann zum Anlageberater weitergeleitet werden, um schließlich am Abend mit einem Sack voll Schrottaktien heimzukehren.
Fanny kommt mit Unmengen von Sexspielzeug nach Hause. Die Hemmungen, ihren noch immer geliebten Mann Tom (François Cluzet) in ihr kleines Geheimnis einzuweihen, sind übermächtig. Doch Tom ist nicht doof. Er schnallt sofort, dass irgend etwas nicht stimmen kann, wenn sich seine Frau einen surrenden Kunststoffpimmel ans Ohr hält und so tut, als würde sie mit ihrer Mutter telefonieren. Das darauffolgende Gespräch erweist sich als Tiefschlag für Tom. Einer von vielen in letzter Zeit.
Er war als junger Ingenieur einmal ein begnadeter Erfinder, verdiente gutes Geld, bekam schicke Urkunden, und es erschienen halbseitige Beiträge in den regionalen Tageszeitungen über ihn. Jetzt hat Electroplus, eine Firma, die vollautomatische Eierwärmer und dergleichen produzierte, dichtgemacht. Tom und Fanny werden ihr geräumiges Haus wohl oder übel veräußern müssen, mitsamt der angebauten, hochmodernen Werkstatt; um den Verkauf kümmert sich die jungdynamische Tochter der beiden.
Und nun erfährt Tom also auch noch, dass ihn seine Frau betrügt, gewissermaßen mit ihm selbst. Als Mann der Tat verbarrikadiert er sich sofort in seinem Bastelraum und informiert sich im Netz. Eine Seite, die Hilfe anbietet, fragt als erstes nach der Penislänge im erschlafften Zustand. Derzeit kein Problem, das herauszufinden. Nur hätte Tom dafür kein metallenes Rollmaßband benutzen dürfen, das von selbst zurückschnappt.
Jedes Mal, wenn im Film Slapstick zum Einsatz kommt, was häufig passiert, hat man so seine Bedenken. Doch immer wieder läuft die Handlung dann schon in der nächsten Szene mit neuem Schwung und festem Kurs weiter. Ich hatte irgendwann den Eindruck, dass Regisseurin Kherici gerne so tut, als hätte sie die Kontrolle verloren – ähnlich einem Piloten, der anfangs alle glauben machen will, er würde nur aus Versehen und gegen seinen Willen zu einem Looping ansetzen.
Sympathisch macht den Film, dass Tom und Fanny trotz aller Blödeleien und Absurditäten ein glaubwürdiges Paar abgeben. Treue und Verliebtheit wirken natürlich. Genauso wie die gemeinsamen Versuche, Fanny zum Orgasmus zu bringen.
Der erste Vibrator, den sie gemeinsam entwickeln, unterscheidet sich äußerlich kaum von den handelsüblichen. Er verfügt jedoch über eine abknickbare Spitze, was sich beim Gebrauch jedoch nicht als großer Bringer erweist. Beim nächsten Modell hat Fanny schon beim ersten Testlauf plötzlich panische Angst, von dem Ding aufgesaugt zu werden.
Es erweist sich darüber hinaus auch nicht als orgasmusförderlich, dass vor jedem potentiellen Höhepunkt die immobilienmakelnde Tochter mit irgendwelchen Kaufinteressenten ins Zimmer hereingeschneit kommt. Drogen übrigens bringen auch nix, außer einer Menge Spaß natürlich.
Toms letzter Versuch ist ein kleiner Apparat, der rhythmisch Druckluft ausstößt. Kaum hat Fanny sich das Ding zwischen die Schenkel geklemmt, geht sie ab wie ein Zäpfchen. Tom, der alte Tüftler, bekommt, sobald er sieht, wie gut seine Idee funktioniert, augenblicklich einen hammerharten Ständer. Allerdings weiß er noch nicht, dass jetzt erst der schwierigste Teil kommt. Die Vermarktung.
»Cherí, ich komme! – Die Erfindung der Lust«, Regie: Reem Kherici, Frankreich 2026, 90 Min., bereits angelaufen
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