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Landwirtschaft

Ernte 26: Mähdrescherlegenden

DDR
Foto: Gueffroy/imago
So geht das aber nicht: E 512 der Marke Fortschritt ohne Schneidewerk

Wer in diesen Tagen über Landstraßen fährt und in einen eigenartigen Stau gerät, sollte wissen, dass meist Mähdrescher und Traktoren die langen Fahrzeugreihen anführen, da sie von einem Feld zum nächsten umsetzen, um Wintergetreide zu ernten. Weshalb bei dieser wertvollen Feldfrucht die kalte Jahreszeit im Namen steht?

Wintergetreide, zu dem etwa Gerste, Roggen und Triticale, eine Kreuzung aus Weizen und Roggen, gehören, wird im September und Oktober gedrillt und im Folgejahr von den Feldern geholt. Das Getreide braucht den Kältereiz (Vernalisation), damit sich Blüten und Samenstränge richtig ausbilden. So ist mit einem höheren Ertrag zu rechnen. Sommergetreide wiederum kommt im März und April in den Boden und steht im selben Jahr für die Ernte bereit; Hafer, Mais und Braugerste gehören dazu.

Wer derzeit am Frühstückstisch in ein frisches Brot beißt, weiß, dass es aus Winterweizen bestehen dürfte und die gute Backqualität dem Frost zuzuschreiben ist.

Besonders in den 70er und 80er Jahren entwickelte sich die Ernte von Weizen und Gerste in der DDR zu einer regelrechten Schlacht für die sozialistische Sache. In Zeitungen wurden die Lkw-Fahrer, Traktoristen und besonders die Mähdrescherfahrer gefeiert und vollmundig »Erntekapitäne« getauft. All die Fahrerinnen nicht zu vergessen.

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Sobald der Morgentau von den Feldern verschwand, bestiegen Genossenschaftsbauern, Studenten und delegierte Kraftfahrer aus Großbetrieben ihre Fahrzeuge und ernteten das Korn bis tief in die Nacht. Manche Frau, die eine Lehre als Agrotechnikerin oder Mechanisatorin absolviert hatte, wollte beim gigantischen Ernteeinsatz mitmischen und ein Gerät aus dem Kombinat Fortschritt Landmaschinen steuern.

Für die Arbeit in der Landwirtschaft verdienten Frauen das gleiche wie ihre männlichen Kollegen. Das Bedienen der riesigen Geräte, die freilich nicht mit einer Klimaanlage ausgerüstet waren, war aufregend, etwas ganz Besonderes, aber auch der absolute Stress, denn jeder und jede musste in der Lage sein, das Schneidwerk zu wechseln, Ölwechsel vorzunehmen, täglich sämtliche Schmiernippel zu fetten – und den Fuchs zu entsorgen, sofern er sich in die Trommel verirrt hatte. Eine Schweinearbeit, im nachhinien aber auch cool. Wer schwitzte, öffnete die Scheiben der Fahrerkabine für einen leichten Luftzug. Am Ende der Schicht sahen Männer und Frauen fürchterlich aus, völlig eingestaubt.

Meine Frau Anke fuhr während ihrer Studienzeit bei der LPG Friedensbanner den Mähdrescher. Ihr Fahrzeug, ein E 512, war in den 60er Jahren auf den Markt gekommen, hatte eine Schnittbreite von 4,80 Meter (es gab auch 3,60 Meter, 4,20 Meter und 5,70 Meter) und galt als legendär. Auf der Rückseite des DDR-Fünfmarkscheines hatte man – genau – prompt den E 512 verewigt. Mit diesem Mähdrescher fuhr Anke am Tag bis zu zwölf Stunden, einmal landete sie in einem gut »getarnten« Wasserloch. Zerzaust und zerschunden machte sie sich auf, Hilfe zu holen. In der Nähe stand ein Ural-4320, ein typischer Militärlastkraftwagen, mit Soldaten der Roten Armee, die sich für ein paar Minuten von ihrer Truppe abgesetzt hatten. Mit ein paar Brocken Schulrussisch bewaffnet bat sie um Hilfe. Die Besatzung fuhr umgehend zum Erntegerät. Da es weder Seil noch Abschleppstange gab, schob der Ural den E 512 aus dem Graben – mit voller Leistung. Das Erntefahrzeug war danach leicht zerbeult, sprang aber wieder an. Außer sich vor Freude überreichte Anke den Sowjetsoldaten einen Beutel voller Bier, Zigaretten und eine kleine Flasche Nordhäuser Korn – unsere tägliche Feierabendration. Alle waren glücklich, die Deutsch-Sowjetische Freundschaft um eine herausragende Episode reicher.

Im nächsten Jahr durften wir Studenten der Agrochemie und des Pflanzenschutzes tatsächlich den E 514 bedienen, der von 1982 bis 1990 gebaut und nach Frankreich, in afrikanische Staaten und das gesamte RGW-Gebiet exportiert wurde. Auf die harte Arbeit auf den Mähdreschern angesprochen, meinte meine Anke später einmal, dass man in der DDR die arbeitenden Frauen eben mehr wertschätzte. Toll fand sie nicht die Verdienstorden, die oftmals Jugendbrigaden bekamen, sondern die Brigadefeiern und den »Mähdrescherabschlussball«, bei dem wir uns kennenlernten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Übrigens hat sich auch Joe Cocker, der 1988 für 360.000 Ostmark in Ostberlin und Dresden auftrat, einen selbstfahrenden Mähdrescher E 514 für seine Landwirtschaft in Irland gekauft. Er bestaunte das Gerät persönlich im sächsischen Landmaschinenwerk Bischofswerda.

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in André M. aus B. 24. Juli 2026 um 07:08 Uhr
    Die Mähdrescher aus dem Kombinat Fortschritt-Landmaschinen waren die besten im Bereich des RGW und auch sonst sehr konkurrenzfähig. Der (hier nicht erwähnte) E 516 war ein riesiges Gerät mit damals enormer Effizienz. Die Mähdrescher waren ein begehrtes Gut im Austausch der RGW-Länder und im Export gegen Devisen. Die Landwirtschaften der CSSR und Ungarns setzten voll auf Fortschritt, dafür gabs bei uns z. B. Škoda-Pkw und -Lkw sowie Busse von Ikarus. Der E 512 hat sogar was Ikonisches, weil er so gelungen und verbreitet war von der Ostsee bis zur Donau, lange im Einsatz war (ab 1968) und die Modernität der sozialistischen Landwirtschaft begreiflich machte. Ab 1962 hat die DDR hart in die umfassende Mechanisierung der Großraumlandwirtschaft investiert (Traktorenwerk Schönebeck mit dem ZT 300/303, dem Allrad-W50 aus Ludwigsfelde für Transportarbeiten, Mähdrescherwerk Bischoffswerda-Singwitz und weiteren selbstfahrenden Maschinensystemen für die Futterernte). Für den E512, den ZT 300-Traktor und den W50 wurden dieselben, nur leicht abgewandelten Motoren aus Nordhausen verwendet. Synergie pur, was so geplant war, diese kombinierten Investitionen waren ein voller Erfolg. Diese gewaltigen Investitionen konnte die DDR nie wieder aufbringen, davon hat sie bis zum letzten Tag gezehrt. Die Landwirtschaft in der DDR war bis zum letzten Tag in guter Verfassung. Das Bündnis von Stadt und Land (oder Arbeiterklasse und Genossenschaftsbauern) hatte sich praktisch bewährt.
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