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Literatur

Liebe im Spätkapitalismus

Narzisstische Objektwahl: Dana von Suffrins Roman »Toxibaby«

Foto: IMAGO/serienlicht
Spielt gern mit Beziehungsklischees: Dana von Suffrin

Der Taro ist ein kleiner, klarer Fluss, der über Geröll schlingert, an Steigungen erst langsamer wird und sich wie ein müder, alter Mann gleichgültig hochschleppt (was mich ein bisschen an mich selbst erinnert), um dann an manchen, wenigen Stellen viel zu wild und fast suizidal über Abhänge zu stürzen – dabei muss ich an meine Mutter denken.« Der erste Satz gibt den melancholisch-sarkastischen Grundton des Romans vor, der zweite benennt mit »Toxi« das zentrale Thema. Toxisch – längst inflationär verwendetes Modewort – wird durch den Diminutiv zugespitzt und zugleich verhohnepipelt. Toxibaby: In einem Wort zeigt sich die für die Autorin typische Lust am Widersprüchlichen.

Der schönste Mann

Dana von Suffrin, 1985 in München geboren und promovierte Historikerin, lässt in ihrem dritten Roman die Ich-Erzählerin Herzchen Goldberg von ihrer Beziehung erzählen. Vom Beginn der Liebe, als sie noch »frisch und gierig« war, von den »entsetzlichen Streitereien«, die schon »nach ein paar Wochen« begannen, und von den dreizehn Trennungen und vermeintlichen Neuanfängen in nur drei Jahren. Beide können nicht aus ihrer Haut. Toxi ist »Energieräuber«, impulsiv, depressiv, hochmütig »wie ein Pfau«. Herzchen verdient gut und bezahlt, während Toxi sein ganzes Arbeitslosengeld für Zigaretten ausgibt, »ab und zu für Klamotten oder ein Buch von Byung-Chul Han«. Er ist »der schönste Mann, den man sich vorstellen kann«, hat »schöne, tätowierte Hände« und »das Gesicht eines Hundewelpen«. »Wie jeder Paranoiker« hält er alle Ärgernisse des Alltags für »direkte Anschläge auf seine Existenz« und den Spätkapitalismus für Schuld an allem, was bei ihm verkehrt läuft. Er ist polytoxisch, nimmt »Substanzen«, doch ein Entzug kommt für ihn nicht in Frage, denn eine Klinik sei ja, Foucault zufolge, »in Wirklichkeit ein Knast«. Er ist untreu, er lügt. Herzchen leidet. Zunächst scheint die Rollenverteilung eindeutig. Doch es zeigt sich, dass auch Herzchen kein Mustermädchen ist. Sie mag Streit und provoziert Toxi mit Vergnügen. Sie diagnostiziert bei sich dieselbe Krankheit, an der »Frauen schon seit Jahrhunderten litten«: Sie versucht, »einen Mann zu retten«. Der Glaube, Liebe könne einen Menschen erlösen, gehört zu den hartnäckigsten Beziehungsklischees – Dana von Suffrin spielt genüsslich damit. Herzchen behandelt Toxi wie ein Kind und ärgert sich, wenn er sich einmal erwachsen verhält. Zugleich fragt sie sich, warum ihre eigene Adoleszenz »so unerträglich lang« ist und sie sich nach jeder Trennung »immer noch wie ein Teenager« fühlt. Alles wie gehabt also – nur die Rollen scheinen sich in Zeiten der vielbeschworenen »Krise der Männlichkeit« umgekehrt zu haben.

Beide glauben an Freud und an »narzisstische Objektwahl«. Dass sie ihre Beziehung mit psychologischen Begriffen analysieren, gehört zu jener Gegenwartssprache der Liebe, mit der sich auch die Soziologin Eva Illouz beschäftigt hat – von Suffrin nennt sie in einem Interview als Lektüre. Dass die romantische Liebe von den gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt wird, ihr Zauber ein sozialer Zauber ist, entfaltet von Suffrin in immer neuen Volten. Gemeinsam adoptieren Herzchen und Toxi per Whats-App einen Hund, »ein großes, zotteliges Wesen« aus Bukarest – ein Projekt, das sie verbindet und zugleich voneinander entfernt. Herzchen, Jüdin und erfolgreiche Schriftstellerin, fährt einen alten BMW und arbeitet am nächsten Buch. Toxi dagegen hat nur einen befristeten Vertrag als »Sozialpädagoge an einer Brennpunktschule in Untersendling« und wirft ihr vor, eine »aufsteigende Neu-Kleinbürgerin« zu sein. Herzchen übersetzt ihre Gefühle in drastische Vergleiche, fühlt sich etwa wie »ein jugendlicher, von zu Hause entführter Söldner« im Dreißigjährigen Krieg, wie ein »abgebranntes Dorf in der Landgrafschaft Hessen« oder wie eine »erschlagene jüdische Mutter, deren Leiche man in einen Straßengraben wirft«.

Was aber fasziniert sie an Toxi? Er »gab nie etwas preis«. Er war, »wie alle Erotomanen«, »in Wahrheit schüchtern und unsicher«, seine Zärtlichkeiten unbeholfen, der Sex mit ihm nicht so toll. Trotzdem ist Herzchen zunehmend »besessen« von ihm. Sie greift »zu Toxis Entsetzen ständig in seine Unterhose, wo eine kalte, schwer atmende Muräne saß und ängstlich auf Störenfriede lauerte«. Wenn er sich in ihr »hilflos wie ein Teenager« bewegte, sah er beschämt zur Seite, während sie ihre »gierigen Anne-Frank-Augen« in ihn bohrte. Doch gerade seine Unverwechselbarkeit fesselt sie: Er benutzt nie »einen abgenutzten Gedanken«. Wenn ihr selbst einer herausrutscht, etwa »das ist nur anekdotische Evidenz«, begegnet er ihr mit Verachtung. Er kennt ihre Gedanken – und jeder einzelne ist bei ihm aufgehoben »wie ein Kind im Wintermäntelchen«.

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Sobald Toxi wieder einmal abgehauen ist, rücken Herzchens Freundinnen als »routinierte Notfallsanitäterinnen« an: Daria, mit der »Härte einer so­wjetischen Traktorenführerin und der Süße von polnischem Kompott«, die mit Herzchen spricht, als wäre sie »ein Haustier«, und Moni, die ihre Weisheiten aus Podcasts bezieht und überzeugt ist, dass »all diese Probleme vom Neoliberalismus kämen, der unsere ganze Generation beziehungsunfähig und zu Narzissten gemacht« habe.

Die andere Seite dieser altklugen Analyse ist allerdings der dringende Wunsch nach Sinnhaftigkeit. In der spätkapitalistischen Konsumgesellschaft, in der selbst Beziehungen austauschbar werden, soll die Liebe das letzte große Gegenmodell sein. Von Suffrin sieht deswegen in einem Interview eher die Trennungsunfähigkeit als typisch für ihre Generation. Abschließen oder für immer zusammenbleiben – aus diesem Zwiespalt findet auch Herzchen keine Lösung.

In einem zweiten Erzählstrang wird deutlich, woher Herzchens Rettungsimpuls kommt. Sie wächst in einer Familie von Nachkommen von Holocaustüberlebenden auf: Die Eltern trennen sich, die Mutter ist »manisch mit ihren eigenen Dingen beschäftigt«, trägt ein »komisches Gisela-Elsner-Make-up« und ist Alkoholikerin, der Vater stirbt früh. Als Teenager versucht Herzchen, ihre Mutter zu retten. In ihrem Roman »Omamas Mad­house« habe sie ihre »ganze Familiengeschichte«, die »überwiegend in einem der Außenlager von Auschwitz-Birkenau geendet war«, »an die Deutschen verkauft«, sagt sie. Auf ihren Lesereisen könne sie aber »wirklich nur noch sehr wenige beeindrucken« – allenfalls »Grünen-Politiker, pensionierte Oberstudienräte und irgendwelche abgehalfterten Adeligen im Lodenjanker«. Laut ihrer Therapeutin ist schuld ihr »großes Lebensthema«. Herzchen aber weiß: »Schuld ist eine jüdische Krankheit.«

Am Ende kehrt das Bild des Taro zurück: »Und obwohl Toxi und Herzchen sich so liebten, strömte der Taro stur und fast blödsinnig in den Po und der Po floss irgendwo sicher ins Meer und das Juragebirge stocherte noch hundert Jahre im Himmel herum, und all das hätte mir eigentlich zu denken geben müssen, denn man kann die Gesetze der Welt nicht einfach austricksen.«

→ Dana von Suffrin: Toxibaby. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, 240 Seiten, 23 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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