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Indisches Bildungswesen

Die Jugend fordert ihre Zukunft

Indien: Studierende protestieren gegen mangelnde Perspektiven und fordern Rücktritt des Bildungsministers

Foto: Anushree Fadnavis/REUTERS
Noch ist bei der CJP nicht klar, wohin es geht. Parteigründer Abhijeet Dipke (r.) erholt sich nach einem Sit-In-Protest

Die indische Jugend sieht sich heute mit einer beispiellosen Krise konfrontiert, die von drastisch hohen Lebenshaltungskosten und Erwerbslosigkeit geprägt ist. Laut der periodischen Arbeitskräfteerhebung der Regierung liegt die allgemeine Arbeitslosenquote landesweit bei etwa 3,1 Prozent. Unter jungen Hochschulabsolventen beträgt sie 11,2 Prozent, übersteigt in ländlichen Gebieten sogar 11,8 Prozent – ein Hinweis darauf, dass die Anzahl erwerbsloser Personen mit hohen Bildungsabschlüssen jene der allgemeinen Bevölkerung um das Dreifache übersteigt. Die Menge an Bewerbungen, die zwischen 2014 und 2022 für Stellen bei der Zentralregierung eingereicht wurden, veranschaulicht die Misere: Auf fast 220 Millionen Bewerbungen folgten letztlich nur rund 722.000 Anstellungen.

Darüber hinaus zeigen Daten des Arbeitsamtes und des indischen Statistikamtes, dass die jährlichen Wachstumsraten der Reallöhne im informellen Sektor seit 2015 auf nahezu null Prozent gesunken sind. Der von der Azim Premji University veröffentlichte Bericht »State of Working India 2026« ermittelte einen Rückgang des durchschnittlichen Monatsgehalts eines indischen Hochschulabsolventen von etwa 30.000 Rupien im Jahr 2011 auf nur noch 28.000 Rupien (rund 255 Euro) in den vergangenen Jahren. Bereinigt um die erdrückende Inflation und die explodierenden Lebenshaltungskosten verdienen die jungen Menschen von heute effektiv weniger als die vorherige Generation. Die Folge sind andauernde, finanzielle Sorgen.

Und Verzweiflungstaten: Sonam Wangchuk, ein prominenter indischer Aktivist, hat durch seinen seit dem 29. Juni andauernden unbefristeten Hungerstreik bereits mehr als acht Kilo an Körpergewicht verloren. Er verweigert die Nahrungsaufnahme aus Solidarität mit Studenten, die unter anderem den Rücktritt des indischen Bildungsministers Dharmendra Pradhan fordern. Anlass dazu gab eine wichtige Aufnahmeprüfung für angehende Ärzte Anfang Mai, die aufgrund einer Vorabveröffentlichung der Prüfungsfragen abgesagt worden war. Die Indiskretion deckte ein Netzwerk auf, durch welches in mehreren Bundesstaaten und unter dem Deckmantel von »Probeprüfungsunterlagen« und »Probetests« die tatsächlichen Prüfungsunterlagen für die Zulassung zum Medizinstudium verkauft worden sein sollen. Seit der Absage der Prüfung sollen sich verschiedenen Berichten zufolge mindestens zwölf Studierende das Leben genommen haben.

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Die Proteste gegen Pradhan werden von der satirischen Onlinepartei Cockroach Janta Party (CJP) angeführt. Die CJP entstand im vergangenen Monat, nachdem Äußerungen von Surya Kant, dem Obersten Richter Indiens, im Internet Empörung ausgelöst hatten. Während einer Gerichtsverhandlung verglich er einige arbeitslose junge Menschen mit Kakerlaken und Parasiten – Äußerungen, die laut Kritikern eine Generation herabwürdigen, die um Arbeit kämpft. Nun ist es der Kommunikation des CJP gelungen – geprägt von bissiger, selbstironischer Satire und einer sehr anschaulichen Internetsprache, die die rohe, echte Wut der Jugend direkt kanalisiert –, dem Versuch der etablierten Medien, die Bewegung zu diffamieren, entgegenzuwirken.

Mittlerweile erhält die CJP für ihren Protest breite Unterstützung aus weiten Teilen der Gesellschaft. Neben prominenten Persönlichkeiten wie der Schriftstellerin Arundhati Roy haben sich auch die kommunistischen Parteien, darunter die Kommunistische Partei Indiens (Marxisten) und die Kommunistische Partei Indiens (Marxisten-Leninisten) hinter die Studierenden und die neu gegründete Partei gestellt. Ob die CJP aber eine konsequente Alternative zur neoliberalen Politik bieten kann, ist bislang unklar. Die Partei definiert sich selbst als »säkular, sozialistisch, demokratisch und faul« und vertritt fünf zentrale Forderungen, darunter eine 50prozentige Frauenquote im Parlament sowie den Entzug von Medienlizenzen für Großkonzerne. Mangels einer ideologischen Grundlage besteht aber die Gefahr, dass rechte Kräfte die Bewegung kapern. Über eine strukturelle und ideologische Alternative zur vorherrschenden, neoliberal- und hindufaschistischen Ideologie bietet sie bislang nicht.

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.07.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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