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Rock

Wenn man sich den Spaß leisten kann

So oder so ein Bestseller: Die Rolling Stones veröffentlichen ihr vermeintlich letztes Album »Foreign Tongues«

Foto: Scott Strazzante/San Francisco Chronicle/AP/dpa
Wer fällt als letzter von der Bühne?

Immer wenn in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten mal wieder ein Album der Rolling Stones erschien, konnte einem Guy Debords sozialphilosophische Klageschrift »Die Gesellschaft des Spektakels« einfallen. Denn alle diese Platten bestätigten in gewisser Weise seinen Befund, wonach wir in einer Art tautologischem Patt feststecken, die ein authentisches Werturteil gar nicht mehr möglich macht. »Was erscheint, ist gut, was gut ist, erscheint«, lautet Debords Gesetz des Spektakels.

Tatsächlich bekam man allerspätestens seit »Bigger Bang« (2005), dem einfallslosen Blues-Cover-Album »Blue & Lonesome« (2016) und ganz besonders nach »Hackney Diamonds« (2023) den Eindruck, dass es eigentlich nur noch um das Ereignis an sich ging. Die Qualität der Musik ist längst egal geworden, zumal man ja ohnehin schon vorher weiß, was gespielt wird. Verrisse scheinen im Spiegelkabinett des Spektakels auch deshalb kaum mehr vorzukommen, weil hier eben nicht bloß Musik zur Debatte steht, sondern immer auch die Aura des Ikonischen, und die kann man nicht verreißen. Wer es versucht, steht als Spielverderber oder schlechter Verlierer da und bewirkt damit rein gar nichts. Ob die ohnehin an ihrem schleichenden Bedeutungsverlust laborierende Musikkritik das am 10. Juli erschienene neue Album also gut oder schlecht findet, ist schlicht irrelevant – »Foreign Tongues« wird so oder so ein Bestseller.

Interessanter als die neue Platte erscheint da fast schon die Inszenierung ihrer Veröffentlichung. Schon beim Vorgänger hatte die Promoabteilung von Universal Music ganze Arbeit geleistet und in dem Londoner Lokalblatt ­Hackney Gazette eine Anzeige der fiktiven Glaserei »Hackney Diamonds« geschaltet, die so voller Anspielungen auf Bandklassiker steckte, dass sich die frohe Kunde eines neuen Albums prompt bei den Addicts herumsprach. Ihr Markenzeichen, die Stones-Zunge, als ­I-Pünktchen auf dem Firmenlogo hätte es gar nicht unbedingt gebraucht.

Auch bei »Foreign Tongues« nutzte das Label diese Form des Guerillamarketings und presste eine auf 1.000 Exemplare limitierte Vinylauflage der Single »Rough and Twisted«, die unter dem Pseudonym The Cockroaches am 11. April in ausgewählte Läden kam. Die Connaisseure wussten natürlich, dass die Band bereits in den Siebzigern unter diesem Alias für ein paar »geheime« Shows aufgetreten war – und wer sich diesen generischen, im Grunde langweiligen Stones-Rocker daraufhin anhörte, konnte keinen Zweifel mehr haben, dass die in den vergangenen zwei Jahren immer mal wieder sorgsam gestreuten Gerüchte von einem letzten Album jetzt also wahr werden sollten. Doch die öffentliche Schnitzeljagd ging ja noch weiter. Bald darauf erschienen auf ihrer Facebook-Seite Plakate mit dem Titel »Foreign Tongues« in diversen Sprachen. Selbst in diesen konfliktreichen Zeiten hat ein neues Stones-Album also immer noch die Macht, die Menschen über Grenzen und sogar Ideologien hinweg zu verbinden, sollte das wohl heißen. Und so ganz falsch ist es nicht. Zumindest beim Konsumieren sind eben doch alle – oder doch jedenfalls sehr viele – gleich.

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Im Vergleich zu dieser fintenreichen Werbekampagne klingt »Foreign Tongues« dann erstaunlich gewöhnlich. Nämlich wie »Hackney Diamonds«. Kein Wunder, die Songs stammen zumindest zu großen Teilen aus denselben, von Andrew Watt als Produzent betreuten Aufnahmesessions der Jahre 2022 und 2023. Ergänzt werden sie mit Aufnahmen aus dem vergangenen Jahr in den Londoner Metropolis Studios, wo die drei verbliebenen Rolling Stones mit ihrer vielköpfigen Entourage angeblich in nur einem hochproduktiven Monat das Werk ergänzt und arrondiert haben. Man will unbedingt der Annahme vorbeugen, »Foreign Tongues« versammle bloß die Restposten des Vorgängers. So ganz unbegründet ist die Sorge aber nicht.

Andrew Wotman, aka Watt, jedenfalls hat großen Anteil an den beiden Alben. Der aufstrebende Star hinterm Mischpult wandelt schon länger auf den Spuren Rick Rubins und entwickelt sich langsam zum führenden musikalischen Altenpfleger im Rock ’n’ Roll. Er hat mit Glenn Hughes gearbeitet, Ozzy Osbourne kurz vor seinem Tod noch einmal zu zwei achtbaren Studioalben verholfen, den Sonderbewacher beim Punkstammvater Iggy Pop gespielt und sogar Paul McCartneys gerade erschienenes Soloalbum »The Boys of Dungeon Lane« betreut. Sir Paul soll den Glimmer Twins dann auch den Tipp gegeben haben, es mit ihm zu versuchen.

Watt ist ein in der Stahlwolle gefärbter Hardrocker, das hört man der Produktion durchaus an. Der früher allenfalls leicht angezerrte, crunchy Gitarrensound, der die Verzahnung von Keith Richards’ und Ronnie Woods Spiel betonte und akustisch transparent macht, weicht hier öfter einer stärker übersteuerten, gerade in den Mitten sehr viel volleren und damit eben auch undifferenzierteren Heavy-Breitseite, die manuelle Defizite leichter übertüncht. Man weiß um die abnehmende Fingerfertigkeit des 82jährigen Richards, dagegen ist Wood mit seinen süßen 79 Lenzen ein wahrer Springinsfeld auf den sechs Saiten.

Bemerkenswert sind aber nicht nur die klanglichen, sondern eben auch die kompositorischen Korrespondenzen zum grammyprämierten »Hackney Diamonds«. Viele der neuen Stücke verweisen auf ein Pendant des Vorgängers, als hätte man damals von jeder Sorte Song gleich ein Paar aufgenommen. Es gibt mit der zweiten Singleauskopplung »In the Stars« einen schwungvollen, mit schönen Chören hochglanzpolierten »Angry«-Nachfolger fürs Oldieradio, es gibt mit »Some of Us« eine weitere kopfhängerische, von Keith Richards schwer seufzend gecroonte Blueselegie, noch eine spritzige Soul-Nummer mit kieksendem Jagger-Falsett (»Jealous ­Lover«), eine Country-Schnulze (»Ringing Hollow«) und zum Ausklang wieder ein betont räudiges Akustikcover. Dieses Mal muss Chuck Berrys »Beautiful Delilah« dran glauben. Es überwiegen aber naturgemäß die probaten Bluesrock-Riffer, die eine erstaunlich muntere, offensiv aufspielende Band hören lassen, die immer noch daran glaubt, dass der Rock ’n’ Roll die Katastrophen dieser Welt vielleicht nicht aufhalten, aber eben doch bis zum bitteren Ende vergessen machen kann. »Well, there’s a poisonous cloud, there’s a sickness in the land / All the judges in their robes got their rubber stamps / Well, do you wanna dance till thе roof caves in? / Yeah, and the guitars scrеam and the choir still sings.« Ob die Kids von heute diesen Rock-Eskapismus immer noch bedenkenlos unterschreiben, darf man allerdings bezweifeln.

Am Ende spielen die Rolling Stones wohl doch für eine andere Alterskohorte, und der immerhin beweisen sie, dass es Alterswürde tatsächlich gibt, wenn man sich den Spaß leisten kann. Mick Jagger singt sich stabil durch die unterschiedlichen Songregister, aber das ist für einen modernen Produzenten wie Andrew Watt eine der leichtesten Übungen dank der Auto-Tune-Technik. Wer sogar Ozzy Osbourne souverän zum Singen gebracht hat, braucht sich im Studio vor nichts mehr zu fürchten.

→ Rolling Stones: »Foreign Tongues« (Universal)

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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