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Comic

Füßchen in Schühchen

Lehrreich und unterhaltsam: Hanco Kolks elegant gezeichnete Motivgeschichte »Remake – Ikonen der Popkultur«

Pop
Foto: avant Verlag
Macht und Historie der Ikonenmalerei

Versuchen Sie mal, etwas Gegenständliches zu zeichnen, ohne den Stift abzusetzen. Das ist das Haus vom Nikolaus und nebenan vom Weihnachtsmann, okay, aber sonst? Und das Doppelhaus klappt auch nur, wenn man sich die Handbewegungen gut eingeprägt hat. Nächster Schwierigkeitsgrad: Zeichnen Sie mal ohne Vorlage ein Fahrrad. Das wird eigentlich nur dann wirklichkeitsnah, wenn man weiß, dass die Kernstruktur annähernd rhombisch ist, darum ja auch »Diamantrahmen«: Parallelogramm, Lenkstange und Reifen dran, fertig. Hier dürfen und müssen Sie wahrscheinlich sogar absetzen. Und, trotzdem hässlich? Na ja, Sie sind halt keine Comiczeichnerin, die können so was, das steckt denen in den Fingern. Bescheidene Zeichenkünstler sagen, sie hätten gar kein Sondertalent, in der Kindheit male jeder gern, sie selbst hätten nur nie aufgehört.

Hanco Kolk muss nicht bescheiden sein, ist er aber: »Obwohl sein Ansatz und seine Techniken ein breites Spektrum an Genres abdecken, ist die Handschrift von Kolk stets erkennbar. Seine Zeilen zeichnen sich durch eine elegante Sinnlichkeit und Schlichtheit aus, sein Humor ist schräg und manchmal geradezu bizarr. Doch immer mit dem Wunsch und dem Bedürfnis, eine Verbindung zum Leser herzustellen«, übersetzt Deepl von der Autorenwebseite. Hanco wer? Nie gehört. Auf Deutsch sind bislang nur eine humorige Geschichte in drei Bänden aus der Zeit des Geusenaufstands Ende des 16. Jahrhunderts und ein Spirou-und-Fantasio-Spezial namens »Tulpen aus Istanbul« erschienen, in dem die beiden einen Forscher aus der Sowjetunion nach Holland bringen sollen, aber die Moffen interessieren sich nicht für die Geschichte und Geschichten der Käseköpfe. Der erste Eindruck: Kaum mehr als solide Arbeit. Wenn Hanco Kolk viel kann, dann das auch gut verstecken.

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Jetzt aber gibt es »Remake – Ikonen der Popkultur«, und der Band ist herrlich anzuschauen und zu lesen. Kolk kann schraffieren, tuschen, porträtieren, doppelseitig über ein Thema variieren und muss darin wie auch erzählerisch den Vergleich mit Gébé (Georges Blondeaux) oder »Les aventures de l’art« des anderen Hara-Kiri-/Charlie-Urgesteins Willem (Bernard Willem Holtrop) nicht fürchten. Anders als der betreibt Kolk allerdings keine Künstler-, sondern Stoff- und Motivgeschichte. Zum Beispiel diese: »Ein bedauernswertes Mädchen, gemeine Stiefschwestern, ein Ball, ein Prinz, ein verlorener Schuh und ein Happy-End. Kurzum: Aschenputtel, auch bekannt als Assepoester (Niederlande), Külkedesi (Türkei), Cendrillon (Frankreich), Rhodopis (Griechenland), Chinye (Afrika), Cenerentola (Italien), Borralheira (Brasilien), Soluschka (Russland), Oochigeashw (Kanada)« usw. In Afghanistan sagt man Ash-e Bibi Murad, in Vietnam Tám Jâm, in Schweden Askungen. 26 von angeblich mehr als 365 Versionen skizziert er im Piktogrammstil, kein Vergleich mit dem Haus vom Nikolaus, und zitiert Forscher, die die Geschichte in die Bronze- oder gar in die letzte Eiszeit zurückdatieren. Weiter geht es mit Bruno Bettelheims Märchenanalyse und allerlei romantischer, Thriller- und Selbsthilfeliteratur. Es geht weiter mit dem tiefenpsychologischen Fachstreit von Krafft-Ebbing über Freund und Fenichel bis hin zu David Fisher, der in »Legally Correct Fairy Tales« schrieb, die ganze Geschichte um die Suche nach der Prinzessin sei nur ein Vorwand des Prinzen gewesen, möglichst viele »Füßchen« in »Schühchen« zu stopfen. Kolks Fazit: »Es wird wohl noch 4.000 Jahre psychologischer, soziologischer, historischer, feministischer, sexologischer und juristischer Forschung bedürfen, bis man alle Aspekte von Aschenputtel beleuchtet hat.« So lehrreich, so unterhaltsam.

Mit dem gleichen Ernst und Wort- und Bildwitz geht er bei der West Side Story vor: Spielberg, Wise, Bernstein klauen von Shakespeare, der von Matteo Bandello, der von Luigi da Porto, der von Masuccio Salernitano. Zum Stammbau von Batman gehören Pierre Picaut, der Graf von Monte Christo, Zorro und »das Phantom«, welches ist egal, es gab einige. Außerdem geht es um Micky Maus, Blutsauger, Detektive und künstliche Menschen.

→ Hanco Kolk: Remake – Ikonen der Popkultur. Aus dem Niederländischen von Katrin Herzberg. Avant-Verlag, Berlin 2026, 136 Seiten, 29 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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