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Sachbuch

Nicht mehr der Nabel der Welt

Im inneren Zwiegespräch mit den Enkeln: »Die Zukunft ist noch nicht geschrieben« von Uwe Leuschner

Foto: Tingshu Wang/REUTERS
Auch die Wertpapier- und Terminbörse Shanghai Futures Exchange befindet sich im Stadtbezirk Pudong

Was für ein großartiger Titel! Dem weitverbreiteten Pessimismus entgegengesetzt. Dermaßen selbstverständlich dabei. Denn niemand kann verlässlich in die Zukunft sehen. Zumal heutzutage nicht, da wir uns auf kurvenreicher Strecke durch allerlei Turbulenzen bewegen. Aber sollen wir uns deshalb wie Sandkörnchen fühlen, die von fremder Kraft herumgewirbelt werden? Auch wenn es manchmal scheint, dass wir es »sollen«, wir sind doch selbstbestimmte Wesen, können nachdenken, eine Haltung haben, uns entscheiden. Auf diese Ermutigung ist das Buch aus, das der Autor beim Schreiben ganz persönlich nahm.

Uwe Leuschner, geboren 1960 in Karl-Marx-Stadt, studierte Außenwirtschaft in Prag, arbeitete im DDR-Außenhandel und war ab 1996 als Logistiker in Russland, Zentralasien und China tätig, spricht fünf Sprachen, kennt viele Länder, die den meisten hier fern liegen, verfolgt die Entwicklungen hier wie dort. Zuletzt hat er zusammen mit Thomas Fasbender das Buch »Der Eurasienkomplex« veröffentlicht. Politische Analyse dieser Art erwartet man auch hier und wird nicht enttäuscht. Doch dieses Buch ist anders, inhaltlich weiter und vor allem persönlicher gefasst: Selbstbesinnung, die über das eigene Leben hinausreichen soll, als inneres Zwiegespräch mit der Generation der Enkel. Um ihnen etwas zu erklären, ja, auch Mut zu machen. Ob Sachbuch oder Erzählung, es liest sich leicht und interessant.

Wundern mag man sich, dass das Buch mit Auszügen aus dem Matthäus-Evangelium beginnt. Obgleich er kein gläubiger Mensch sei, habe der Inhalt der Bergpredigt ihn geprägt, sagt Uwe Leuschner und denkt darüber nach, was es heißt, »ostdeutsch« zu fühlen. Dabei aber analysiert er auch das Dilemma der DDR-Wirtschaft und führt eine unerwartete Bemerkung von Sigmar Gabriel aus einer Fernsehdiskussion bei Maischberger im Januar 2026 an: »Er sagte, dass die Amerikaner NATO und EU nur geschaffen hätten, um Deutschland unter Kontrolle und Russland außerhalb Europas zu halten.« Nun gibt es »erkennbar zwei Blöcke: Dem erodierenden Westen mit der Führungsmacht USA steht ein optionaler östlicher Block aus Russland und China gegenüber.« Vor allem über China kann man in diesem Buch viel erfahren. Auf dem Titelbild erkenne ich den »Bund«, die spektakuläre Uferpromenade von Shanghai mit Blick auf die Wolkenkratzer im futuristisch anmutenden Stadtteil Pudong und den 468 Meter hohen Fernsehturm. Und ich erinnere mich an das köstliche Abschiedsessen unserer ND-China-Reise im Shanghai Tower, worin sich das mit 556 Metern höchstgelegene Restaurant der Welt befindet.

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Aber auch in China gibt es Generationskonflikte. Interessant, wie Uwe Leuschner sie mit den hiesigen vergleicht. Er selbst verortet sich bei den »Boomern« und schaut mit Neugier auf die »Generation Z«, die ganz anders tickt. Verständnis und Sorge: »Keine junge Generation schaute so pessimistisch in die Zukunft wie die gegenwärtige.« Wenn Pessimismus die Älteren grummlig macht, den Jüngeren vergiftet er das Leben.

Vielleicht kam aus diesem Gedanken ja sogar die Idee für sein neues Buch, in dem natürlich auch benannt wird, was schief läuft in der BRD. Carl von ­Ossietzky sei zitiert: »Deutschland ist das einzige Land, wo Mangel an politischer Befähigung den Weg zu den höchsten Ehrenämtern sichert.« Wirklich das einzige? Warum geraten Wohlstand und Demokratie in Gefahr? Was alles funktioniert da nicht bei uns? Migrationsdebatten als Ablenkung vom Eigentlichen, denn mit Migration sei in der Geschichte immer auch Fortschritt verbunden gewesen. »Warum hat die Regierung – egal in welcher Parteienkonstellation – anders als etwa Kanada oder Australien, es versäumt, die Zuwanderungspolitik nach volkswirtschaftlichen Erfordernissen und gesellschaftlicher Verträglichkeit zu steuern?« Dazu, und zu vielem mehr, kann man beim Lesen mit dem Autor in einen Meinungsaustausch treten. Es gibt so viele interessante Fragen im Buch. Zum Beispiel: Was wäre gewesen, wenn die sowjetischen Panzer 1945 nicht an der Elbe Halt gemacht, sondern sich weiter gen Westen bewegt hätten? Zu welchem Zweck die USA in den Krieg eintraten, darüber hatte ich gar nicht nachgedacht, als ich vor kurzem am Denkmal in Torgau stand, wo zwei Großmächte mit ihren siegreichen Armeen freundschaftlich zusammentrafen.

So vieles findet sich, worüber man weiter nachdenken möchte. »Noch nie war Europa in den letzten 75 Jahren so frei wie heute«, sagt der Zukunftsforscher Jan Berger im Buch. Wirklich? Und was folgt daraus? Zumindest das: Trotz aller Probleme gibt es manches, worauf sich aufzubauen lohnt. Ein anregendes Gespräch gibt es auch mit André Sikojew, Erzpriester der Russisch-Orthodoxen Kirche in Berlin. Er sieht in der Ukraine einen Bruderkrieg, Verteilungskämpfe von Oligarchen, »Kapitalismus in Höchststufe«. Die Mitwirkung habe Deutschland »diskreditiert und aus dem politischen Geschäft genommen«. Ein Drama sei es, wie die Massen im öffentlichen Raum Desorientierung ausgesetzt sind, aber »jeder Mensch ist, solange er lebt, mit Gott verbunden, und sein Gewissen und seine Existenz existieren unabhängig von der Propaganda, dem Meinungsterror«.

Stark bleiben, frei sein im persönlichen Gewissen: Dies mag tatsächlich ein gangbarer Weg in die Zukunft sein, verbunden mit Gemeinsinn und Bescheidenheit. Zitiert wird Frankreichs Dichterfürst Paul Valéry, Philosoph und Freund Rilkes, verstorben wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, damit, dass »Europa nur eine kleine Landzunge am Ende des asiatischen Kontinents« sei. Dass vier Fünftel der Staaten auf der Welt andere Vorstellungen vom Zusammenleben haben, sollte uns nicht mutlos machen, sondern ermutigen, in der Offenheit für das Andere auch jenes Eigene wertzuschätzen, welches wir in eine Weltgemeinschaft einbringen könnten.

→ Uwe Leuschner: Die Zukunft ist noch nicht geschrieben. Die Konflikte des ­Westens – und was Trump & Co. nicht wissen. Edition Ost, Berlin 2026, 284 ­Seiten, 20 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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