Roboterballett vorm Industriemuseum
Von Arnold Schölzel
In der kommenden Woche reist Friedrich Merz erstmals als Bundeskanzler nach China. Das Handelsblatt gibt ihm am Freitag ein Dossier unter der Überschrift »Vorteil Planwirtschaft? Forschung, Energie, Infrastruktur: Wie China den Westen abhängt« mit auf den Weg. Chefredakteur Sebastian Matthes erläutert, das Land habe sich von »der Werkbank zum Hightechlabor entwickelt«: »Nach Analysen des Australian Strategic Policy Institute liegt China in 66 von 74 untersuchten Schlüsseltechnologien vorn – von Kernenergie über synthetische Biologie bis zu Satellitentechnik. Die USA führen nur noch in acht Feldern, darunter Quantencomputing. Anfang der 2000er Jahre war das Kräfteverhältnis umgekehrt.«
Matthes führt das auf eine umfassende Strategie zurück, die keine 20 Jahre alt ist: »Den entscheidenden Kurswechsel vollzog die chinesische Regierung erst während der Weltfinanzkrise. Der damalige Premier Wen Jiabao kam damals zu dem Schluss, dass große Krisen historisch oft von Technologiesprüngen begleitet werden – und dass jene Länder langfristig dominieren, die diese Sprünge frühzeitig erkennen.« Er habe sich 2008 auf vertraulichen Technologiekonferenzen sagen lassen, auf welchen Gebieten sein Land »global führend« werden könne. Zu den Antworten hätten Elektromobilität, erneuerbare Energieträger und Halbleiter gehört.
Matthes meint, der Premier habe wie ein »Familienunternehmer« langfristig gedacht und verstanden, dass erfolgreiche Technologieregionen selten zufällig entstehen: »Sie wachsen in einem eng geflochtenen Netz aus Spitzenuniversitäten, Kapital, Gründern, spezialisierten Zulieferern, etablierten Konzernen und einer Regulierung, die Experimente ermöglicht, statt sie zu verhindern.« Ein solches Ökosystem habe China systematisch aufgebaut, während die Debatte in der EU sich vor allem um Schutzzölle für bedrohte Branchen drehe. Matthes steht mit seiner Diagnose nicht allein.
Am drastischsten drückte sich Wirtschaftsredakteur Mark Fehr am Mittwoch auf Seite eins der FAZ aus. Unter der Überschrift »Aschermittwoch im Industriemuseum« schrieb er, »im Licht der digitalen Glanztaten der internationalen Konkurrenz« zeige sich auf dem Qualitätsversprechen der deutschen Industrie »ziemliche Patina«: »Als am Rosenmontag das Publikum auf den Karnevalssitzungen im seit Jahrzehnten gewohnten Takt schunkelte, führten im chinesischen Staatsfernsehen humanoide Roboter ein atemberaubendes Ballett auf.« Zur chinesischen Neujahrsnacht hätten sie »annähernd so viel Rhythmus und Balance wie Profitänzer oder asiatische Kampfkünstler« gezeigt und deutsche Büttenredner »alt aussehen« lassen. Fehr: »Kein Wunder, wenn man am Aschermittwoch das beunruhigende Gefühl hat, nach einer langen Party in einem Industriemuseum aufgewacht zu sein.« Die deutsche Wirtschaft brauche nicht weniger, sondern andere Arbeitsplätze, da China und Indien längst auch »klassische Industriekunst« beherrschten. Fehr sieht allerdings das Problem nicht im Fehlen einer Technologiestrategie, sondern beim einzelnen, weil es keinen schnellen Weg aus der Krise gebe: »Deshalb sollte jedes Unternehmen und jeder Arbeitnehmer mit dem Wandel bei sich selbst beginnen.«
Das Rezept erhielten die DDR-Bürger Anfang der 1990er Jahre auch: »Jetzt könnt ihr endlich arbeiten!« Zugleich wurden Wissenschaft und Industrie der DDR beseitigt. Waren ja Ökosysteme der Planwirtschaft. Seither blühen die entindustrialisierten Landschaften. Das kann sich ohne Treuhand in der Krise gesamtdeutsch wiederholen. Überraschend wäre es nicht. Die herrschende Klasse hat aus ihrem Zerstörungsfeldzug im Osten nichts gelernt, und Merz ist ihr Aufrüstungsrepräsentant.
Die herrschende Klasse hat aus ihrem Zerstörungsfeldzug im Osten nichts gelernt, und Merz ist ihr Aufrüstungsrepräsentant.
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