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Aus: Ausgabe vom 15.06.2024, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Lebendig begraben

Prosa aus dem Fleischwolf: Andreas Gläsers Roman »Berlin Nordost Blues«
Von Hagen Bonn
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Einer, der sieht und begreift: Andreas »Baufresse« Gläser

Ja, die Odyssee ist zurück! Erinnern wir uns? »Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, / Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung, / Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat …« Soweit mein Kollege Homer vor 2.700 Jahren. Heute klingt das bei Andreas Gläser so: »Über die Kniprode-Brücke werde ich zwar nicht in den Dampf einer Lokomotive gehüllt, doch schaffe ich es jemals auf die Sonnenseite des Lebens?« Und vergessen wir nicht, dass auf der Wegstrecke zwischen dem König Odysseus von Ithaka und Gläsers Helden »Schulle« aus Berlin-Nordost der große Charles Bukowski seinen »Chinaski« durch Los Angeles ziehen lässt, womit wir das Terrain von Gläsers gerade erschienenen Roman »Berlin Nordost Blues« abgesteckt hätten.

Chinaskis Pferdewette ist aber beileibe nicht Schulles Fußballwette, denn Deutschland-Nahost funktioniert nur, weil es eben noch nie funktioniert hat. »Ich habe übrijens noch keen Jeld jekricht«, wendet er sich an seine Lotto-Post-Ladenkarton-Chefin. Die Hochbetagte schrubbt selbst noch im Geschäft mit, hingegen in den Schlachthöfen und Briefverteilungszentren von LA die soziale Hierarchie immer streng nummeriert war und der Scheck pünktlich kam. Und die Damen bei Homer (Helena, Athene) und Bukowski (Die Girls im grünen Hotel) sind dann auch nicht die Damen von hier: »Berlin ist ein einziger versiffter Puff.«

Schulle hat wie Odysseus seine Mission bald erkannt: Glücklich werden! Chinaski interessieren solche Luxusprobleme nicht. Er konnte Glück nicht von einem Kinderkarussell unterscheiden. Er war in der Scheiße groß geworden und ging halt mit Windeln zur Arbeit, in die Kneipe oder auf die Rennbahn. Schulle aber hat ein dickes Problem: Er wurde in der DDR geboren, in 1058 Berlin. Er wuchs dort auf und mochte sein FDJ-Hemd nicht. Ein völlig normaler Mensch also. Aber dann … Ja, dann kam Deutschland-Nahost. Darüber müssen wir nicht viel verlieren. Ich selbst komme übrigens aus 5812 Waltershausen. Wer Lust auf Ruinen hat, wer Hühner auf der Hauptstraße der Stadt (!) gackern hören will, bitte.

Und Schulle? »Ich wähnte mich lebendig begraben. Lenin konnte als Toter wenigstens liegen und hatte seine Ruhe, aber als Wachschützer musste ich sitzen und in mich hineinhören, wie weit die Demenzerkrankung fortgeschritten war.« Und hier müssen Homer und Bukowski passen, denn die hatten nur einen Planeten zur Verfügung, nur einen Zeitstrahl, nur eine Ethik. Bei Schulle indes quillt die Vergangenheit aus allen denkbaren Fugen, eine Vergangenheit, die einst die Zukunft war (Made ohne Speck) und alternativlos wieder werden muss, nur besser, was ja die Zukunft sowieso immer »gewesen sein wird«.

Gläsers Arbeitsbegriff spielt oft die Hauptrolle im Buch. Und hier treffen sich endlich beide deutschen Staaten einmal. Allerdings umgekehrt proportional. Schulle fragt dauernd nach seinem Arbeitsvertrag, den die Chefin aber nicht beibringt. Na, wennschon, denken wir, er will diesen Job eh lieber heute als morgen hinschmeißen, wenn, ja, wenn da nicht die »Agentur« wäre, also das Amt und die Drohung einer Sperre.

Das Wort »Sperre« kennen anständige DDR-Bürger (99,9 Prozent) nur im Zusammenhang mit »Panzer«. Das hat dufte funktioniert. Aber den Geldhahn zudrehen, wo doch der Sozialstaat (hüstel) Verfassungsrang hat? Nun gut, Verfassungsrang hat Friedenspflicht, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit … Gähn. Schluss damit, ist nur Prosa aus dem Fleischwolf. Also reiht sich beim Romanhelden ein »Scheißjob« an den nächsten. Meinen größten Scheißjob hatte ich mit fünfzehn. In Halle 8, Endmontage Multicar, VEB Fahrzeugwerk Waltershausen. Ich musste zweitausend Schrauben in vier Unterrichtsstunden (Produktive Arbeit) sortieren. Aber das war ein einziges Mal! Und Multicars fahren immer noch auf unseren Straßen, vielleicht sogar eines mit einer Schraube von mir. Und heute? Schulle beobachtet E-Bikes und erkennt »Rollstuhlcharme«. Er ist also einer, der sieht und begreift. Einer, der weiß, wo er herkommt und weiß, wo und wie das alles endet. Auf Seite 211.

Andres Gläser: Berlin Nordost Blues, Periplaneta-Verlag, Berlin 2024, 214 Seiten, 16 Euro

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