Zum Inhalt der Seite
Waffenfabrik in Berlin

An wen gehen diese Munitionshülsen?

Aktionstage gegen Rüstungsproduktion im Berliner Wedding: Die Kriegsindustrie dient nur den Reichen, mahnt Milla Mallikas

Interview: Annuschka Zak
Foto: IMAGO/Anadolu Agency

Mitten im historischen Arbeiterbezirk Berlin-Wedding ist aus dem ehemaligen Autozulieferer Pierburg die Rheinmetall Waffe Munition GmbH geworden. Ab Juli sollen hier Munitionshülsen fabriziert werden. Warum?

Pierburg ist seit Jahren eine Rheinmetall-Tochtergesellschaft für die zivile Produktion von Autoteilen. In der Krise der deutschen Autoindustrie ist das aber nicht mehr rentabel, und das Werk sollte sich umorientieren oder – wie vielerorts – schließen.

Dazu leben wir im Moment in einer tiefen Krise des Kapitalismus. Die alte Hegemonie der USA und Westeuropas muss Staaten wie China weichen. Daher versucht der deutsche Staat, die eigenen Wirtschaftsinteressen global abzusichern, und reagiert mit enormer Aufrüstung: Die BRD will kriegstüchtig werden. Mit den Milliarden an Sondervermögen für die Rüstungsindustrie springt nun der Staat auf die Produktion auf. Dabei soll diese neue Kriegswirtschaft angeblich Arbeitsplätze sichern und die Militarisierung als Abschreckung gegen Russland dienen. Diese ganzen Kriegsgeräte müssen hergestellt werden, und jetzt trennen sich die Wege von USA und Westeuropa langsam. Daher greifen europäische Länder immer mehr auf die heimische Rüstungsindustrie zurück – wie eben Rheinmetall.

An wen gehen diese Munitionshülsen? Wofür könnten sie verwendet werden?

In Berlin soll die Ummantelung für 155-Millimeter-Artilleriemunition produziert werden. Das ist ein NATO-Kaliber. Die NATO-Staaten verwenden sie alle. Diese Munition wird im Ukraine-Krieg seit 2022 eingesetzt. Sie wurde auch in den Kriegen gegen Afghanistan und den Irak genutzt. Von Berlin aus werden die Hülsen weiter nach Unterlüß transportiert, um mit Sprengstoff befüllt zu werden. Am Ende handelt es sich um 45 Kilogramm schwere Geschosse. Die sind etwa 90 Zentimeter lang und haben eine Reichweite von 30 bis 40 Kilometern. Bei der Detonation zerlegt sich der Stahlkörper – also das, was in Berlin produziert werden soll – in etwa 13.000 tödliche Splitter. Noch dazu: Der Stückpreis beträgt circa 5.000 Euro. Bis 2027 soll die Produktion von 70.000 auf über eine Million Stück pro Jahr konzernweit steigen.

Anzeige

Kriegswirtschaft sichert keine Arbeitsplätze, sondern ist eine komplett sinnlose Produktion ohne jeglichen Mehrwert für unseren Alltag. Sie dient nur den Reichen, weil die Waffen für ihre Machtinteressen eingesetzt werden. Rüstungsproduktion ist wirtschaftlich nicht nachhaltig, da sie immer Kriege und Krisen fordert, damit mehr produziert werden kann.

Anwohner und Rüstungsgegner protestierten, direkte Aktionen wurden von der Polizei verhindert. Warum wird der Standort so gut bewacht?

Weil die Militarisierung Deutschlands jetzt zu der neuen Staatsräson gehört – gemeinsam mit der Unterdrückung der Solidarität mit Palästina, die hierfür bereits als Testballon gedient hat. Diese Repressionen der freien Meinungsäußerung gehen Hand in Hand, nicht zuletzt, da Rheinmetall auch Waffen an Israel liefert und somit am Genozid beteiligt ist. Proteste gegen Aufrüstung und Deutschlands imperialistische Kriegsvorbereitungen sind nicht willkommen, da uns vorgegaukelt wird, die Entwicklungen seien »notwendig« für unsere »Sicherheit und Demokratie«. Die Produktionsstätte wird bewacht, da sie gemerkt haben, dass viele aus der Nachbarschaft eine Waffenfabrik im Kiez nicht einfach widerstandslos hinnehmen.

Als Bündnis organisieren Sie Aktionstage vom 10. bis zum 12. Juli 2026 gegen den Start der Waffenproduktion bei Rheinmetall in Berlin-Wedding. Was ist geplant?

Ab Freitag, dem 10. Juli, wird ein kleines Camp mit Zirkuszelt und Infotischen auf der zentralen Wiese des Volksparks Humboldthain stehen. Dort haben wir ein vielfältiges Programm geplant mit Podien, Kultur, Essen, Ausstellungen usw. Es wird Kundgebungen und Demos unter anderem direkt am Werk und am Jobcenter am Leopoldplatz geben. Alle sind herzlich eingeladen, sich zu beteiligen oder selbst aktiv zu werden.

Alles steht auf Militarisierung und Kriegsvorbereitung. Was wollen Sie dem entgegensetzen?

Wir brauchen eine Massenbewegung gegen diese Entwicklungen, weil sie letztendlich uns allen schaden wird und einen großen Krieg riskiert. Viele protestieren bereits gegen die drastischen Kürzungen am Sozialstaat und gegen die neue Wehrpflicht. Diese und viele weitere Erscheinungen des Kapitalismus müssen wir eng zusammenknüpfen und die Kriegsvorbereitungen der BRD bekämpfen; und dabei international denken und uns gegen Kriege und Genozide einsetzen!

Wir müssen rhetorisch entschieden gegen die Erzählungen des Staates vorgehen und sagen, dass Aufrüstung nicht unserer Sicherheit dient, sondern die Wahrscheinlichkeit steigert, dass Deutschland in den Krieg zieht. Wer diese Sondervermögen für die Militarisierung der Gesellschaft letztendlich zahlt, sind wir und die nächsten Generationen. Zusammen mit Gewerkschaften können wir diese Kriegsvorbereitungen lahmlegen.

Milla Mallikas ist Pressesprecherin des Berliner Bündnisses gegen Waffenproduktion

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 04.07.2026, Seite 2, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!