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Fußball-WM

Der alte Mann und die Spiele

Mexiko: Ricardo Reyes war am Bau des Aztekenstadions beteiligt, hat als Nachbar drei Fußball-WMs miterlebt – und kämpft nun gegen seine Vertreibung

Von Flurina Dünki, Mexiko-Stadt
Foto: Flurina Dünki
Nach so vielen Jahren sollen Ana Maria Licona und Ricardo Reyes aus ihrer alten Wohngegend vertrieben werden

Eine Klingel gibt es nicht neben der Tür von Ricardo Reyes und seiner Frau Ana Maria Licona. Wer Señor Reyes sucht, ruft vor seinem Haus laut seinen Namen. Vor Jahrzehnten hat der heute 77jährige es selbst gebaut, und »es ist noch nicht fertig«, wie er versichert. Viele Häuser der ersten Generation im Quartier Santa Úrsula in Mexiko-Stadt sind selbstgezimmert und wie im Land üblich in allen möglichen Farben bemalt. Nur 50 Meter entfernt türmt sich das legendäre Aztekenstadion auf, wo die Fußballegenden Pelé und Maradona in den Jahren 1970 und 1986 den WM-Pokal überreicht bekommen hatten. Dreimal diente es schon als WM-Stadion und ist damit heute Rekordhalter.

Reyes hat Mitte der 1960er Jahre als Jugendlicher am Stadion mitgebaut. Auf einem Schwarzweißfoto aus dieser Zeit blickt er als 16jähriger von einem Stahlträger in die Kamera. »Sie sagten mir, ich solle auf die Stahlträger in 60 Meter Höhe steigen«, sagt Reyes. Der Bursche weigerte sich zuerst, den Befehl ohne jegliche Sicherung auszuführen. »Aber sie sagten mir, sonst sei ich gefeuert.« Das Stadion veränderte das Viertel. Es wurde für die Anrainer nicht nur zum nahen Vergnügen, sondern auch zur willkommenen Einkommensquelle. Parkplatzsuchende, hungrige Zuschauer und feiernde Fans – sie alle fanden in Santa Úrsula, wonach sie suchten. Ein paar Pesos verlangte Mutter Reyes 1970 von den WM-Besuchern für das Parken vor ihrem Haus.

Heute interessieren Reyes die Spiele im Stadion nicht mehr. »Früher war ein Fußballspiel ein Familienfest. Heute ist es etwas für Leute mit Geld«, sagt er, »auch ein simples Spiel der mexikanischen Liga«. Mit Ehefrau Ana Maria verkaufte Ricardo Reyes von der Türschwelle aus Essen und Getränke an Spielbesucher. Ein willkommener Wochenenderwerb neben seiner Arbeit als Elektriker. »Während der Weltmeisterschaft 1986 konnte ich kein einziges Spiel schauen, so gut lief der Verkauf von Quesadillas«, sagt er. Auch die aktuelle WM, ausgetragen in den USA, Kanada und Mexiko, bringe der heimischen Wirtschaft viel Geld ein, versprach Präsidentin Claudia Sheinbaum vor der Eröffnung. Doch die Anwohner des Stadions wussten bereits zu diesem Zeitpunkt, dass sie leer ausgehen würden. Denn die FIFA lässt nur Produkte ihrer Partnerunternehmen vor dem Stadion verkaufen. Auch für anliegende Quartiere gelten strenge Regeln.

Doch auch nach Ende der Weltmeisterschaft drohen den Bewohnern schlimme Nachwehen, wie Natalia Lara, die Sprecherin der Nachbarschaftsversammlung von Santa Úrsula, erläutert. Die Nachbarn mussten sich bereits kurz nach der WM-Vergabe an Nordamerika im Jahr 2018 dagegen wehren, dass ihnen die Wasserversorgung geraubt wurde. Denn der mächtige Medienkonzern Televisa, Eigentümer des Aztekenstadions und Inhaber der TV-Übertragungsrechte, sicherte sich die Konzession für eine öffentliche Quelle. Damit sollten neben dem Stadion ein Einkaufszentrum und Luxuswohnungen entstehen. Denn in Mexiko-Stadt darf nur bauen, wer für das Projekt genügend Wasser bereitstellen kann. Wasser, das dem Rest des Viertels freilich fehlen würde. Nach jahrelangen Protesten erklärte Bürgermeisterin Clara Brugada im Mai 2025, dass die Quelle an die Stadt zurückgegeben wurde. Gebaut wurde nicht. Im städtischen Wasserregister ist die Konzession jedoch bis zum heutigen Tag auf Televisa eingetragen.

Foto: Flurina Dünki 7_2.jpg
Natalia Lara von der Nachbarschaftsversammlung von Santa Úrsula beim Estadio Azteca informiert bei einer Pressekonferenz über die Gefahr der Gentrifizierung (27.5.2026)
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Die Bewohner von Santa Úrsula müssen weiter protestieren. Auch während der WM veranstalten sie an Knotenpunkten Straßenfußball, um durch Verkehrsblockaden auf ihre Not aufmerksam zu machen. Denn weitere Bauinvestoren haben gewittert, dass sich das Arbeiterviertel neben dem Stadion durch einen Luxuskomplex zum angesagten Viertel mausern könnte. Inzwischen überragen mehrere neue Wohnbauten die farbigen Häuschen von Santa Úrsula. Neben dem Kampf um Wasser werden dadurch auch steigende Mieten zum Problem.

Die Sozialanthropologin Monika Streule, Professorin an Mexikos Iberoamerikanischer Universität, sagt, dass »durch die Proteste der Anwohnenden Sorgen um den Zugang zu Wasser mit den WM-Vorbereitungen in Zusammenhang« gebracht worden seien. Wasserknappheit ist in ganz Mexiko-Stadt seit Jahrzehnten ein Problem, das sich jedes Jahr verschlimmert. Sie ist »mit zunehmender Überbauung des Stadtteils entstanden«, so Streule. Das führt in den trockenen Monaten zu Problemen.

Eines der neuen Wohngebäude steht neben Reyes’ Haus und ist mit dem Siegel der Stadt für illegale Bauten gekennzeichnet. »Aber in den Fenstern brennt Licht«, sagt er, »die Blöcke sind bewohnt, obwohl sie nicht rechtens sind.« Wie Natalia Lara erklärt, verfügt kaum einer der Bauherren der neuen Häuser über eine Wasserkonzession. Die Nachbarschaftsversammlung vermutet, dass hier Schmiergeld geflossen ist. Sie will erreichen, dass die Stadt alle illegalen Bauten öffentlich als solche bezeichnet. Als der Protestdruck auf die Stadtregierung vor der Weltmeisterschaft stieg, gab es Gespräche. Doch nicht, um zu verhandeln. »Die Stadt forderte uns nur dazu auf, nicht mehr zu protestieren«, sagt Lara.

»In den 90er Jahren ging ich alle zwei Wochen ein Spiel schauen«, sagt Ricardo Reyes. »Wir haben Brote geschmiert, die Kinder mitgenommen und den Nachmittag im Stadion verbracht. Heute scheint das wie ein Traum.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.07.2026, Seite 7, Ausland

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