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Fußball

Wie wär’s mit Orientierungslauf?

Zu Besuch beim Fußballverein Kirkenes IF am nordöstlichen Ende Norwegens, wo man nach Russland fast spucken kann.

Foto: Roland Aspviken
Zum Einlaufen »Enter Sandman«: Kicken in Kirkenes

»Kirkenes-Stadion« ist ein gewagter Begriff für diesen Ort. Ein Kunstrasenplatz umringt von einer Aschenbahn für genau zwei Läufer. Das hat wenigstens Originalitätswert. Die Auswechselbänke stehen vor einem großen Zaun, dahinter eine Straße. Auf der anderen Seite ein kleiner Wall, in den entlang einer Spielhälfte eine Holztribüne gezimmert wurde. Hinter einem Tor noch einmal Zaun und Straße, hinter dem anderen eine knallgelbe Schule. Was dem ganzen Charme verleiht, ist, dass wir uns mitten in Kirkenes befinden, der 3.500-Einwohner-Stadt am nordöstlichen Ende Norwegens, 2.000 Kilometer von Oslo und zehn Kilometer von der russischen Grenze.

Heute abend ist hier Lokalderby. Die zweite Mannschaft der Herren des Kirkenes IF trifft auf die zweite Mannschaft des Bjørnevatn IL. Bjørnevatn liegt acht Kilometer südlich von Kirkenes und hat 2.500 Einwohner.

Fußballerisch sind wir hier sehr weit unten, sechste norwegische Liga. Die ersten Herrenteams der Vereine spielen nur eine Liga höher, aufsteigen können die B-Teams also nicht. Trotzdem kämpfen die jugendlichen Spieler ordentlich, nachdem sie zu Klängen von Metallicas »Enter Sandman« eingelaufen sind. Das Match wogt hin und her. Kirkenes geht 1:0 in Führung, Bjørnevatn dreht das Spiel vor der Pause, Kirkenes gleicht im zweiten Durchgang wieder aus. 2:2. Ein schönes Resultat für ein Lokalderby.

Foto: Roland Aspviken Kirkenes miljö II.jpg
In den Straßen von Kirkenes

Ich sehe mir das Spiel mit Nina Greiner Iversen an, der Vorsitzenden des Kirkenes IF. Auch sie ist zufrieden. Sieg oder Niederlage (oder Unentschieden) sind für sie nicht das Wichtigste. Ihr geht es darum, Jugendliche zum Sport zu bringen und sie im Verein zu halten. Außer Fußball gibt es bei Kirkenes IF Handball und Orientierungslauf. Während des Spiels werde ich auf eine norwegische Spezialität eingeladen: eine Waffel mit Braunkäse und Marmelade. Sie schmeckt überraschend gut.

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Es gibt viele Vereine in der Stadt. In Norwegen ist das ehrenamtliche Vereinswesen noch am Leben, für Kirkenes IF bedeutet das aber auch Konkurrenz. Vor allem die Turnvereine seien populär, meint Greiner Iversen. Ihr Verein kann freilich mit einer langen Geschichte aufwarten. Kirkenes IF wurde bereits 1908 gegründet, zwei Jahre nach der ersten Gewerkschaft der Stadt. Neben den Spielern, die aus Kirkenes stammen, gibt es einige, die über die großen Betriebe der Region zum Verein finden: das Krankenhaus, die Polizei und vor allem das Militär.

Als ich nach den Reisekosten frage, holt Greiner Iversen den Kassenwart. Pro Saison belaufen sich die Kosten auf gut 200.000 Euro. Das ist, wohlgemerkt, nur für die ersten Teams der Herren und Damen. Für die Summe kommen zum größten Teil lokale Sponsoren auf, vom norwegischen Fußballverband gibt es kaum Zuschüsse. Der Verein musste aus Kostengründen bereits Aufstiegsspiele absagen. Nachdem man sich den Spielbetrieb in einer höheren Division ohnehin kaum leisten könne, ist es auch nicht sinnvoll, für ein Aufstiegsspiel in Tromsø – 450 Kilometer Luftlinie, 800 Kilometer Straße – 20.000 Euro zu berappen. So viel kommt in Norwegen schnell zusammen, wenn für eine ganze Mannschaft Reise, Hotel und Verpflegung zu bezahlen sind. Ein nicht zu vernachlässigender Kostenpunkt für den Verein ist auch das Einfliegen von Schlüsselspielern, etwa, wenn sie an der Universität in Tromsø studieren.

Foto: Roland Aspviken Nordens Klippe monumentet.jpg
Zuerst die Gewerkschaft, dann der Klub: Wo Eisenerz abgebaut wird, wird auch gekickt

Bjørnevatn IL hat dieselben Probleme. Dort musste der Verein bei den Damen im Vorjahr die Reißleine ziehen. Sie hatten es sportlich bis in die vierte Liga geschafft, doch am Ende der Saison war die Kasse leer. Der Verein setzte das Team freiwillig in die sechste Liga zurück. Auch dort sind die Reisen noch lange genug. In Alta oder Hammerfest zu spielen verlangt eine Busfahrt von 1.000 Kilometern hin und zurück.

Russische Städte sind um vieles näher. Lange gab es regen Austausch mit russischen Sportvereinen. Auf beiden Seiten der Grenze wurden Turniere mit norwegischen und russischen Teams veranstaltet. Die gegen Russland aufgrund des Krieges in der Ukraine verhängten Sanktionen machen dies im Moment unmöglich. Die Verantwortlichen der norwegischen Sportvereine nehmen es mit einem Schulterzucken hin. Gegen die Sanktionen will niemand Stellung beziehen. Deren Auswirkungen auf den Alltag bedauern jedoch alle. Nun muss man für internationale Begegnungen weit reisen, zum Beispiel zu den Piteå Summer Games, einem jährlichen Jugendturnier in Nordschweden.

Ich komme mit einem Vereinsmitglied ins Gespräch, das, wie viele Bewohner Kirkenes, vor den Sanktionen geschäftliche Beziehungen nach Russland pflegte. Der Mann gibt sich gelassen, doch es ist deutlich, dass die Ausnahmen, die für norwegische Großunternehmen, vor allem im Energiesektor und in der Fischerei, gemacht werden, an ihm nagen. Für Großunternehmen werden die Sanktionen aufgeweicht. Viele Kleinunternehmer, deren Tätigkeiten mit der Kriegswirtschaft nicht das geringste zu tun haben, bleiben außen vor. Es brodelt leicht unter der Oberfläche.

Es leben viele Russen in Kirkenes, die meisten Straßenschilder sind zweisprachig. Russisch ist jedoch nicht Teil einer Kampagne, die sich an nationale Minderheiten in Finnmark, der nördlichsten Provinz Norwegens, richtet. Sie heißt »Mii-Met-Vi«. »Wir« auf samisch, kvenisch und norwegisch. Transparente der Kampagne hängen an fast allen Sportplätzen Finnmarks. Beim Einlauf der Teams in Kirkenes bringen die Spieler eines der Transparente mit aufs Spielfeld. Die Kampagne soll den Zusammenhalt zwischen allen gesellschaftlichen Gruppen fördern. Vielleicht lässt sie sich irgendwann über Staatsgrenzen ausdehnen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.06.2026, Seite 16, Sport

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