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Unter Verdacht

Antimuslimischer Rassismus

Von Nick Brauns
Foto: Blaulicht News/imago
Polizeirazzia gegen das – mittlerweile verbotene – Islamische Zentrum mit Moschee in Hamburg (16.10.2023)

Die Zahl antimuslimischer Vorfälle in Deutschland hat erneut deutlich zugenommen, wie ein am Mittwoch vorgestelltes Lagebild der Organisation Claim zeigt. Die fast 4.100 im vergangenen Jahr registrierten Diskriminierungen, Beleidigungen, Bedrohungen, Sachbeschädigungen und Gewalttaten bis hin zu Tötungsdelikten sind nur die Spitze des Eisbergs: Die Masse der alltäglichen Anfeindungen, die auch Menschen mit Migrationsgeschichte treffen können, die als Muslime wahrgenommen werden, aber mit Religion gar nichts am Hut haben, kommt nicht zur Meldung. Nicht zuletzt aufgrund von schlechten Erfahrungen mit ­Behörden, die von Betroffenen oft selbst als Teil des Problems wahrgenommen werden.

Antimuslimischer Rassismus, der in Deutschland von Boulevardkampagnen der Springer-Medien bis zu den Hetzplattformen der neuen Rechten wie Nius, vom Exsozialdemokraten Thilo Sarrazin bis zur AfD befeuert wird, sollte dabei nicht primär als religiöse Intoleranz oder Vorurteil gegen eine Minderheit verstanden werden. Die indisch-US-amerikanische Medienwissenschaftlerin Deepa Kumar, eine der bekanntesten Forscherinnen auf diesem Gebiet, betont, dass es sich dabei um ein politisches Projekt handelt: »Islamophobie ist einer der Eckpfeiler des modernen Imperialismus und der sozialen Kontrolle im Inland.«

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So wurde Islamophobie im Zuge des vor rund 25 Jahren ausgerufenen »War on Terror« zur vorherrschenden Form des Rassismus in imperialistischen Zentren. Während Länder von Afghanistan über Palästina bis Iran zum Ziel westlicher militärischer Aggression wurden und werden, sehen sich Muslime im Inland unter Generalverdacht gestellt und zum Sicherheitsproblem erklärt. Die Dämonisierung und Entmenschlichung muslimischer Gemeinschaften dient als ideologische Brücke zur Legitimierung von Kriegen nach außen bei gleichzeitigem Abbau demokratischer Rechte durch immer neue Überwachungs- und Antiterrorgesetze im Inneren.

Nicht zuletzt erfüllt Islamophobie die klassische Funktion jedes Rassismus: Sie spaltet die Lohnabhängigen entlang kultureller und ethnischer Linien und lenkt von den sozialen Gegensätzen zwischen oben und unten ab. Wer es mit sozialer Emanzipation ernst meint, sollte daher Widerstand gegen Kriegspolitik und gegen antimuslimischen Rassismus als zwei Seiten derselben Auseinandersetzung begreifen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.06.2026, Seite 1, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Jürgen Simon aus Freiburg 25. Juni 2026 um 18:07 Uhr
    Es mag Menschen geben, die in ihrer Religion Trost und Rückhalt finden, und solange sie andere nicht mit ihrem Glauben und dessen Ge- und Verboten behelligen, könnte man es vielleicht auch gut sein lassen. Aber neben dem »Opium« ist Religion doch auch immer ein Surplus an Repression. Und das haben Christentum und Islam ja gemeinsam: Dass sie am liebsten die ganze Welt ihren Glaubenssätzen und Vorschriften unterwerfen würden. Die andern sind die Ungläubigen und damit Minderwertigen, die entweder bekehrt oder abgeschlachtet gehören – nur dass das Christentum seine Hochphase des missionarischen Mordens und Verstümmelns halt ab 1500 etwa in Mittel- und Südamerika hatte, und sein weltliches Terrorregime in Europa allmählich mit der Aufklärung endete. (Trotzdem ist der kirchliche Einfluss auch im heutigen Deutschland noch immens.) Der Islam dagegen hat seine Gläubigen (und Nicht-Gläubigen), da wo er Staatsreligion ist oder in den »Parallelgesellschaften« in der Diaspora, auch heute noch im Griff wie das Christentum die Seinen im europäischen Mittelalter. Was ist daran sympathisch? Warum sollte man als vernünftiger Mensch den Islam gut finden? Die »Einheit des Proletariats« wird jedenfalls nicht durch Religionskritik gefährdet, Klassenbewusstsein entsteht nicht, indem man sich bei religiös Befangenen oder Unterdrückten als Liebhaber ihrer Religion anbiedert.
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