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Poor Britain. Der sechste Premier binnen zehn Jahren tritt ab in einem Land, dessen Niedergang nun wirklich niemand übersehen kann. Keir Starmer, der mit mehr als komfortablen Mehrheiten vor zwei Jahren in die Downing Street 10 gezogen war, hatte den Rückhalt der meisten der 412 Labour-Abgeordneten im House of Commons verloren und also keine Wahl. Deutsche Zeitungen erklären sich die Ursachen mit balb persönlicher Inkompetenz – ein Mann ohne Fortune und Tugendhaftigkeit –, bald strukturellen Gründen, die anzugehen, dem Prime Minister Macht und Mittel fehlten.
Der personenfixierte Ansatz liefert verlässlich die Antworten mit der geringsten Fallhöhe. »Starmers Rücktritt«, befindet die FAZ, »ist gut für Großbritannien und für ihn«. Warum? »Kolossal unbeliebt« der Mann, der »vom ersten Monat an von Krise zu Krise stolperte« und außerdem daran scheiterte, »die Probleme im Land zu lösen«.
Ähnlich die Süddeutsche Zeitung: Sein Rücktritt liege »an den ›unforced errors‹, die er beging«. Mit allen Chancen, »von Anfang an radikale Reformen durchzubringen«, verlor er sich »im Klein-Klein des politischen Alltags«. Kommt aber hinzu das britische Volk, das ach so lasche: »Keir Starmer versuchte, in aller Ehrlichkeit darüber zu reden, wie schwierig und mühsam die kommenden Jahre werden würden. Dabei hätten sich die Briten so sehr gewünscht, dass sie jemand in den Arm nimmt, lächelt und ›Wird schon!‹ murmelt, auch wenn’s nicht stimmt«, schreibt das Fachblatt für Völkerpsychologie aus München.
Objektive Gründe, die vorzubringen, einen reichlich subjektiven Zweck verfolgt, legen andere vor. Britanniens »lange Leidensstrecke voller Dramen, Chaos und Frust« habe »viel mit der schicksalhaften Brexit-Entscheidung am 23. Juni 2016 zu tun«, entdeckt das Handelsblatt. Der Austritt aus der EU »hat viel dazu beigetragen, dass die britische Wirtschaft ihre chronische Wachstumsschwäche nicht überwinden kann«.
Auch der Tagesspiegel hat herausgefunden, dass die »Dauerkrise« des Landes mit dem Brexit zu tun hat. »Auf die Frage, wofür Großbritannien steht, seit es sich 2016 für sich selbst entschieden hat«, seien alle sechs verschlissenen Premiers die »Antwort schuldig geblieben«. So bleibe »ein Abstieg auf Raten«.
Alternativlos daher, dass sich der mutmaßlich baldige Premier Andy Burnham wieder der EU zuwendet. Ohne »eine mutige Heimkehr nach Europa, in den größten Binnenmarkt der Welt direkt vor der Haustür, wird Burnham genauso scheitern wie seine sechs Vorgänger«, weiß das Handelsblatt. Den verlorenen Sohn kann man dort gebrauchen: »Europa sollte die Tür für Großbritannien offenhalten, sie sogar weit öffnen. Nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Eigeninteresse.« Die in London seien schließlich »Militärmacht mit eigenem Nukleararsenal« und könnten daher noch nützlich sein, schlussfolgert der Tagesspiegel. (brat)
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