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Brasilien

Armes, tödliches Rio

In der brasilianischen Metropole geraten die Einwohner bei Polizeieinsätzen zunehmend ins Kreuzfeuer. Eigentumsdelikte wie Kabelklau werden in großem Stil betrieben

Foto: REUTERS/Fraga Alves
Trauer und Verzweiflung: 121 Menschen wurden nach Schätzungen von Einsatzkräften im Oktober in Rio getötet (31.10.2025)

Eines vorneweg: Rio de Janeiro gehört nicht zu den gewalttätigsten Städten Brasiliens. Diese liegen vor allem im Nordosten des Landes, wie die aktuellen Zahlen des jüngst von der Bundesregierung in Brasília vorgelegten »Atlas der Gewalt 2026« zeigen, der sich auf Daten bis Ende 2024 bezieht. Unter den 20 gewalttätigsten Städten befinden sich 17 im Nordosten, zwei im Norden und eine im Mittleren Westen. Diese traurige Liste führen diese drei Städte an: Maranguape in Ceará (CE) mit einer geschätzten Rate von 87,2 Morden pro 100.000 Einwohner, Jequié in Bahia (BA) mit 79,4 Ermordeten je 100.000 Einwohner und Maracanaú (CE) mit 74,1 getöteten Menschen je 100.000 Einwohner.

Auch unter den gefährlichsten brasilianischen Landeshauptstädten ist Rio nicht zu finden. Diese Liste führt Salvador mit 52,7 Morden pro 100.000 Einwohner an. Es folgen Maceió (45,9), Macapá (45,6), Recife (45,5) und Fortaleza (42,2). Rio de Janeiro hatte im Jahr 2024 »nur« 1.420 absichtlich getötete Personen zu verzeichnen. Das ist eine Rate von 21,1 Morden je 100.000 Einwohnern. Das heißt aber nicht, dass die Metropole am Zuckerhut eine Stadt der Engel ist. Zum Vergleich: Die Mordrate, darunter fallen auch Totschlag und versuchter Mord, betrug in Berlin im Jahr 2024 rund 1,6 Fälle je 100.000 Einwohner.

Noch längst nicht alles

Die für das Bundesministerium für Planung und Haushalt vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung und dem Brasilianischen Forum für Öffentliche Sicherheit erstellte Gewaltstatistik 2026 schließt indes nicht die von den Einsatzkräften in »vermeintlicher« Notwehr erschossenen Personen ein. Diese Daten finden sich in anderen Statistiken.

Einer Studie des Instituts »Fogo Cruzado« (Kreuzfeuer) zufolge starben im Jahr 2025 in der Metropolregion Rio mindestens 460 Menschen bei Polizeieinsätzen. Im Oktober des vergangenen Jahres forderte eine einzige Polizeirazzia gegen die Drogen­organisation »Comando Vermelho« im Favela-Komplex Penha und Alemão von Rio de Janeiro 122 Menschenleben – die bisher höchsten Opferzahlen bei einer Polizeioperation in der jüngeren Geschichte Brasiliens, so die Interamerikanische Menschenrechtskommission.

In der vermeintlich »schönsten Stadt der Welt« muss man aber nicht unbedingt in einer Favela wohnen, um Opfer von Schießereien zu werden. So hat der Einsatz von Schusswaffen bei Raubüberfällen in der Millionen­metropole in diesem Jahr wieder deutlich zugenommen. Laut »Fogo Cruzado« wurden im Großraum Rio zwischen Januar und dem 21. April 2026 bereits 48 Menschen bei versuchten oder durchgeführten Raubüberfällen erschossen und 53 Personen angeschossen. Diese Zahl ist die höchste für diesen Zeitraum in den vergangenen fünf Jahren.

»Der kontinuierliche Anstieg der Schussverletzungen bei Raubüberfällen in Rio verdeutlicht, wie eng bewaffnete Gewalt mit dem Alltag der Bevölkerung verknüpft ist. Die Zahlen zeigen, dass Raub nicht mehr nur ein Eigentumsdelikt ist, sondern zu einem zentralen Motiv für bewaffnete Gewalt geworden ist«, erläutert Carlos Nhanga, Regionalkoordinator von »Fogo Cruzado«. Die Statistik belegt also, dass sich die Art der Kriminalität verändert hat – hin zu einer Kultur der skrupellosen Gewalt.

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Dabei spielt der Schusswaffengebrauch der kasernierten Landespolizei, Policia Militar genannt, bei der Bekämpfung von Überfällen eine kaum rühmliche Rolle. Denn oft kommt es erst zum Schusswechsel, wenn Polizisten auftauchen und ohne Rücksicht auf die umstehende Bevölkerung das Feuer eröffnen oder erwidern: Cariocas – so werden die Einwohner Rios genannt – im Kreuzfeuer.

»Verirrte Kugel tötet Kind«

Auch solche Schlagzeilen sind leider weiterhin Alltag in Rio. Laut »Fogo Cruzado« wurden zwischen Januar 2016 und 2026 in der Metropolregion 776 Kinder und Jugendliche angeschossen, 346 davon bei Polizeieinsätzen. 144 Kinder und Jugendliche starben an den Querschlägern, zuletzt der 12jährige Bento Costa Petillo Bezze: Eine verirrte Kugel, Bala perdida genannt, traf ihn tödlich am Sonntag nachmittag, dem 31. Mai, als er zusammen mit anderen Kindern im Hof seiner Wohnanlage in Nachbarschaft der Favela Quitanda spielte.

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Leichte Beute für Kabeldiebe. Banden graben mittlerweile auch nach unterirdisch verlegten Leitungen

Der sozialdemokratische Bundesabgeordnete Tarcísio Motta (Psol-RJ) prangerte daraufhin das historische Versagen der Sicherheitspolitik beim Schutz der Bevölkerung an. »Seit mehr als 30 Jahren regiert die Rechte den Bundesstaat, überschwemmt ihn mit Waffen, verbündet sich mit kriminellen Gruppen aller Art, macht Schießereien zum Alltag, stärkt Banden und Milizen und begeht Massaker, um Stimmen zu gewinnen. Und währenddessen wird eine weitere Familie auseinandergerissen«, beklagte er.

Gleichfalls typisch sind tödliche Verwechslungen wie diese vom vergangenen Mai: Im Viertel Jardim Catarina von São Gonçalo hielten Landespolizisten die Bauwerkzeuge von zwei Maurern für Gewehre und erschossen kurzerhand die beiden Arbeiter. Und ein 25jähriger Motorradkurierfahrer bekam bei einer Polizeiaktion auf der Ilha do Governador einen tödlichen Schnellfeuergewehrschuss in den Rücken, weil die Polizisten ihn als vermeintlichen Drogendealer oder fliehenden Verdächtigen ausmachten.

Im April veröffentlichte das Ministerium für Justiz und öffentliche Sicherheit eine brisante Untersuchung zum polizeilichen Gewalteinsatz in Rio. Diese vom Journalisten Lauro Jardim durchgeführte Untersuchung zeigt, dass offensichtlich nur eine »Minderheit« von Rios Polizisten »schießwütig« ist. Lediglich 371 Polizisten von insgesamt rund 45.000 Einsatzkräften seien für 50 Prozent aller Todesfälle bei Polizeieinsätzen im Bundesstaat Rio de Janeiro in den vergangenen 15 Jahren verantwortlich gewesen.

Blackout wegen Kabelklau

Ein weiteres Delikt, das das Leben der Cariocas zunehmend erschwert, ist der Kabelklau – ein florierendes Geschäft, von dem vor allem Metallrecycler, Kupferverarbeiter und Stahlwerke profitieren. Die Drecksarbeit machen die Armen. Früher fielen Strom und Internet in einigen Stadtteilen Rios wie Santa Teresa in der Regel nur aus, wenn es etwas heftiger regnete. Heute kann der Blackout wegen des Kabelklaus jederzeit und überall passieren. Hauptursachen sind steigende Verarmung, Arbeitslosigkeit, galoppierende Miet- und Lebensmittelinflation und der hohe Preis für Kupfererz.

Es scheint, dass viele an den Rand gedrängte Cariocas und verarmte Zugezogene aus dem Nordosten keinen anderen Ausweg mehr sehen, als die Kabel von den Masten zu reißen, irgendwo am Straßenrand die Kunststoffisolierung abzufackeln und das so unter giftigen Rauchschwaden gereinigte Kupfer für Centavos an Schrotthändler oder Recyclingfirmen zu verscherbeln. Inzwischen gibt es auch organisierte Banden, die selbst unterirdisch verlegte Kabel stehlen.

Allein zwischen Januar und April 2026 registrierte das Stromunternehmen Light in seinem Konzessionsgebiet in Rio 387 Diebstähle ihrer Kabel mit einer Gesamtlänge von 38 Kilometern. Insgesamt beklagte Light zwischen 2023 und 2025 den Verlust von 435 Kilometern Kupferleitungen, was die Stromversorgung von 255.000 Cariocas unterbrach. Das Unternehmen schätzte den Schaden auf 45 Millionen Reais, knapp zehn Millionen Euro.

Die Folgen dieses Delikts sind in allen Stadtvierteln, inklusive der teuren Südzone, spürbar: Straßen ohne Beleuchtung zum Beispiel, Universitäten und Schulen ohne Strom und Internet, nicht mehr funktionierende Ampeln und eine nicht selten stillgelegte ­Supervia, die Stadtbahn Rio de Janeiros.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.06.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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