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Gott sei bei uns

Foto: Eric Gay/AP/dpa

Das gigantomanische Fußballfest, das derzeit läuft und nur einem Fetisch dient, hat ein paar Gottesanbeter. Das war schon immer so: der Fingerzeig gen Himmel, die Bekreuzigung der Brust, ein paar beim Torerfolg geoffenbarte Jesus-Botschaften unterm Trikot – alles nichts neues; von der mohammedanischen Fraktion gibt’s vergleichbare Rituale. Hierzulande hat man solcherlei Betragen als sympathische Folklore abgetan, die zur Exotik einer Weltmeisterschaft gehört. In den eigenen Reihen gab’s ja keine Frommen.

Doch Felix Nmecha war beim Spiel der DFB-Auswahl gegen Curacao nicht nur bester Mann, sondern Gottes gefälligster Diener. Steigt mit Bibel aus dem Mannschaftsbus, legt nach seinem Tor eine imaginäre Krone auf den Rasen, betet nach Spielende mit Gegnern am Mittelkreis. Die Sache hat einen »faden Beigeschmack«, findet der Tagesspiegel. Sicher, »das öffentliche Bekenntnis des eigenen Glaubens (…) ist durch die im Grundgesetz verankerte Religionsfreiheit geschützt«. Aber Nmecha »äußerte sich bereits mehrmals unmissverständlich queerfeindlich, setzte das Wort Pride mit dem Teufel gleich oder las gerne Bücher mit frauenfeindlichen Inhalten«. Er dulde »offenkundig keine anderen Lebensentwürfe«.

Die Intoleranz des Anhängers der Toleranzreligion beschäftigt auch die Taz. Nmecha »trägt seinen Glauben wie eine Monstranz vor sich her« und sei »längst in die Rolle eines Predigers gewechselt«. Die Taz klärt auf, der Nationalspieler gehöre einer Gruppe von Fußballern an, die sich zu einer Vereinigung namens »Ballers in God« zusammengetan haben, die Verbindungen zu führenden Aktivisten der fundamentalistischen, offen homophoben Awakening-Bewegung habe. »Ballers in God« könne man daher »getrost als evangelikale Sekte bezeichnen«.

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Der Interviewpartner vom erzkatholischen Domradio hingegen traut sich eine Festlegung zur Frage, ob nun Nmecha ein Evangelikaler ist, nicht zu. Stefan Magh, Projektleiter der BVB-Gründerkirche, findet, der Fußballprofi habe mit seinem Gebetsreigen »erst einmal eine sehr sympathische und unterstützenswerte Geste« gezeigt. Aber »auf diese evangelikalen Netzwerke« schauen Magh und die Seinen »durchaus skeptisch«, bei denen stimmten nämlich die »Wertesysteme« nicht.

Wieso denn nicht? Umgekehrt wird ein Schuh draus, verkündet Ulf Poschardt von der Welt der Welt: Gegen eine »arrogante Theologie der Woken« auf evangelischen und katholischen Kirchentagen, die »Bullshitisierung der Theologie« und die »Linksradikalisierung des Christentums« habe Nmecha das »stolze Zeugnis eines Christen gegen den Zeitgeist« abgelegt. Mit dessen christlichen Werten dürfte indessen Ulf nur wenig am Hut haben, er integriert Nmecha schlichtweg argumentativ in sein sorgfältig gepflegtes Wahnbild: Das gegenwärtige Deutschland ist ein linksradikales Shithole. (brat)

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.06.2026, Seite 2, Ansichten

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