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Tischtennis

Kleiner Ball ganz groß

In Mühlhausen feiert der einzige ostdeutsche Bundesligist im Tischtennis sein 75jähriges Jubiläum

Foto: Christian Habel/Pixo
Hurra, so jung kommen wir nie wieder zusammen!

Die offiziell für 426 Zuschauer ausgelegte Tischtennishalle inmitten der historischen Altstadt von Mühlhausen wird am kommenden Sonnabend bersten. Der örtliche Postsportverein (SV), der einzige ostdeutsche Tischtennisbundesligist bei den Männern, feiert seinen 75. Geburtstag und hat zum Jubiläum mit Jan-Ove Waldner und Jörgen Persson zwei frühere Weltstars eingeladen. Die »alten Schweden« werden am Tisch zeigen, dass sie nach wie vor zu begeistern wissen. »Diesen Schaukampf hat sich unser langjähriger Vorsitzender Thomas Baier gewünscht, und wir haben ihm diesen Wunsch gern erfüllt. Schließlich gehört er dem Verein schon seit 55 Jahren an, das ist so etwas wie sein Lebenswerk«, berichtet SV-Geschäftsführer Thomas Stecher seit 2019 der erste hauptamtliche Geschäftsführer in der Geschichte des Post-SV mit seinen knapp 300 Mitgliedern.

Bei ihnen dreht sich alles um den kleinen runden weißen Kobold. Spätestens seit Mühlhausen 2013 der Sprung in die Eliteliga gelang und sich dort seither als feste Größe etablierte, ist das Städtchen rund 35 Kilometer nördlich von Eisenach mit seinen 38.000 Einwohnern bei TT-Freunden bundesweit bekannt. Nicht nur aus der näheren Umgebung strömen die Fans an Ligaspieltagen in den Thüringer Westen, um das Team mit Spitzenspieler Marcos Freitas aus Portugal, Kay Stumper und Steffen Mengel anzufeuern. Im Publikum sitzen regelmäßig zugleich Gäste aus Hessen, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und selbst aus Nordrhein-Westfalen. Vor allem bei TT-Vereinen hat sich herumgesprochen, dass sich ein Wochenendausflug nach Mühlhausen nicht nur aus sportlichen Gründen allemal lohnt.

»Wir freuen uns sehr, inzwischen so etwas wie ein Markenbotschafter für unsere Stadt zu sein«, erklärt Thomas Stecher und verweist auf die familiäre Atmosphäre. Beispielsweise könne man nach jedem Heimspiel mit den Protagonisten plauschen und schon mal zusammen ein Bierchen trinken. Der Physiotherapeut arbeitet ehrenamtlich. Zwei Ärzte betreuen das Team nicht nur medizinisch, sondern wirken darüber hinaus als private Sponsoren. Ein Wohlfühlumfeld für die Schützlinge rund um ein Dutzend Übungsleiter mit Cheftrainer Erik Schreyer an der Spitze, für den es selbstverständlich ist, sich hin und wieder auch um die Mannschaften bis hinunter zur Kreisklasse zu kümmern. Insgesamt acht Herren- und sechs Nachwuchsteams sind im Mühlhausen-Trikot im Ligaalltag unterwegs, hinzu kommt eine Damenregionalmannschaft. Kein Wunder, dass an den sieben Tischen in der vereinseigenen Halle am Kristanplatz im Schatten der mächtigen Divi-­Blasii-Kirche von Montag bis Freitag durchweg Hochbetrieb herrscht und über alle Altersklassen hinweg gewirbelt und geschwitzt wird.

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Ihren Anfang nahm diese Thüringer TT-Erfolgsgeschichte in Mühlhausen 1951 mit der Gründung der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Post, aus der sechs Jahre später passenderweise ein Oberpostmeister namens Heinz Schneider als WM-Dritter im Einzel hervorging. Seine Bronzemedaille für die DDR war die erste überhaupt für den deutschen Tischtennissport nach dem Zweiten Weltkrieg. Heinz Schneider, 2007 im Alter von 74 Jahren verstorben, gewann in seiner Karriere nahezu zwei Dutzend nationale Titel, nahm an acht Weltchampionaten teil und gilt in seiner Heimat als Legende. Seine Ehefrau Brigitte, früher selbst erfolgreich am Bällchen, ist noch heute in der Halle ein gern gesehener Gast. Sie ist eine Art »Edelfan« wie Johannes Bruns, Oberbürgermeister seit fast 14 Jahren. Einmal war der 59jährige sogar bei einem Auswärtsspiel in der Champions League im russischen Orenburg dabei. Für ihn ist der Post SV zugleich »eine wichtige soziale ­Größe in der Stadt«. Auch wenn die rund 80 Sportvereine vor Ort allesamt »hervorragende Jugendarbeit« leisteten, spiele der TT-Verein aufgrund seiner Popularität und seiner Nachwuchsarbeit eine Hauptrolle.

Entsprechend eng ist das Verhältnis zwischen Rathaus und TT-Verein. Aus dem kommunalen Haushalt sind in der jüngeren Vergangenheit regelmäßig 20.000 bis 30.000 Euro pro Jahr geflossen, vornehmlich um die Halle in Schuss zu halten. Außerdem wirken die örtlichen Stadtwerke sowie die städtische Wohnungsgesellschaft als wichtige Unterstützer im Pool der insgesamt rund 50 Sponsoren. Thomas Stecher erinnert sich noch bestens an den Sommer 2013, als die alte DDR-Halle, vom Verein 1998 gekauft, nach dem Aufstieg in die erste Bundesliga komplett entkernt und innerhalb von drei Monaten von vielen ehrenamtlich helfenden Händen in eine hochmoderne Trainings- und Spielstätte mit allem Komfort verwandelt wurde. Wohl kaum jemand hätte damals gedacht, dass es den Thüringern gelingen würde, Jahr für Jahr die Klasse zu halten und in der abgelaufenen Saison bei zwölf Teams auf einem glänzenden fünften Rang einzukommen.

Was mancher für ein »sportliches Wunder« halten mag, ist Thomas Stecher zufolge das Resultat kontinuierlicher, solider Arbeit mit einem Jahresetat »im unteren Mittelfeld« und laut Oberbürgermeister Johannes Bruns »relativ geringen Mitteln«, vor allem gegenüber Topvereinen wie Düsseldorf oder Saarbrücken. Während der SPD-Politiker als seinen größten Wunsch äußert, irgendwann solle einmal einem »Eigengewächs« der Sprung ins Bundesligateam gelingen, blickt Thomas Stecher mit einem anderen Gedanken voraus. In Mühlhausen, so seine Vision, sollte so etwas wie eine internationale »Nachwuchsakademie« für europäische Toptalente entstehen – und vielleicht wird eines Tages die Post als Sponsor einsteigen. Den Namen habe der Verein der Tradition wegen behalten, eine Partnerschaft mit dem Unternehmen gebe es leider nicht. »Das könnte sich aber gern ändern. Wir bringen das Potential für eine solche Kooperation mit. Das wäre ein schönes Geschenk zum Jubiläum.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.06.2026, Seite 16, Sport

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