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09.06.2026
- → Sport
Zeichen der Hoffnung
Am Sonntag endeten im Sportmekka Erfurt die deutschen Meisterschaften im Tischtennis
Ganz schön nerdig, sagte der Bekannte. Wie viele Menschen gehen denn da so hin, nach Erfurt, um sich die deutschen Meisterschaften im Tischtennis anzugucken? Am Finaltag waren es fast 3.000. Es stimmt, die meisten davon haben vorher irgendwo in den drei Messehallen selbst gespielt, schließlich waren das die Meisterschaften für alle Leistungsklassen, von U11 bis zu den Senioren. Der Rest waren Leute, die sonst selber in Vereinen spielen und mal die Großen gucken wollten, plus Anhang. Man kann also, wendet man es positiv, und warum auch nicht, von einer großen Community sprechen, die sich einmal im Jahr in Erfurt trifft. Das ist wohl auch das Anliegen des DTTB und seiner Lotto Thüringen TT-Finals 2026, die dieses Jahr zum dritten und nächstes Jahr zum vierten Mal in Erfurt stattfinden.
In diesem Jahr hat auch eine weitere Erweiterung stattgefunden, denn diesmal ist sogar die sogenannte Outdoorszene am Start. Sie spielte an zahlreichen Platten im Freien, und das Wetter in Erfurt spielte auch mit. In den Messehallen 2 und 3 spielten derweil Jugend und Alter, und in der Halle 1 durften Mädchen und Jungs wenigstens ihre Endspiele austragen. Dabei trug sich so manches Drama zu: beispielsweise das der Lotta Rothfuß. Sie verlor das Endspiel der Mädchen U15 im Doppel zusammen mit Emma Li im Entscheidungssatz und nur eine Stunde später auch das Endspiel im Einzel gegen Doppelsiegerin Amelie Jla – und das nach einer 2:1-Satzführung. Im Anschluss kämpfte Rothfuß hart mit den Tränen, während ihr Trainer noch eine lange Erklärungskaskade auf sie losließ.
Aber Drama können die Großen auch. Patrick Franziska zum Beispiel war noch nie deutscher Meister, und das bleibt auch so. Im Einzel musste er sich erst gegen Wim Verdonschot, dann im Halbfinale gegen Andre Bertelsmeier heftig wehren; es wurde jeweils der Entscheidungssatz. Genau gegen diese beiden Youngster verlor Franziska mit Ricardo Walther auch das Herrendoppelfinale und das nach 2:0-Satzführung und 8:0 im dritten Satz. Am Ende reichten auch mehrere Matchbälle nicht.
Das Finale im Einzel ging dann auch gegen den Nationalmannschaftskameraden Dang Qiu verloren. Auch hier vergab Franziska Satzbälle; am Ende reichte die Kraft nicht. Dritter Titel für Qiu, dem das schon fast peinlich war. Ich glaube, er hätte seinem Freund den Titel gegönnt.
Bei den Damen geschah Erstaunliches. Annett Kaufmann demonstrierte, dass Erfurt ihr Pflaster ist. Der Shootingstar im deutschen Tischtennis, der auf internationalem Parkett ein wenig gebremst wird, hat bei den deutschen Meisterschaften echte Stärke demonstriert. Sie gewann überraschend das Doppel der Damen an der Seite von Shan Xiaona und gab der eigentlichen deutschen Nummer eins, Sabine Winter, die mit ihrem Anti in der Weltrangliste bis auf Rang neun geklettert ist, im Einzelfinale durch entschlossen aggressives und taktisch wohl überlegtes Spiel das Nachsehen.
Insgesamt waren diese deutschen Meisterschaften gelungen. Erfurt scheint sich als Fünftmekka neben Berlin, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Saarbrücken zu etablieren. Was aber auch nur zeigt, dass das deutsche Tischtennis weit verzweigt ist, im besten Sinne föderalistisch funktioniert. Dass sich diesmal auch die Stars in Erfurt blicken ließen, die 2025 noch die Gelegenheit genutzt hatten, Verletzungen oder einfach Erschöpfungen auszukurieren, wertet das Spektakel zusätzlich auf. Sogar Timo Boll, der als weltreisender Onkel wohl noch Jahrzehnte seinen Sport repräsentieren können wird, ließ es sich nicht nehmen, zu Gast zu sein.
Überhaupt kann sich der DTTB zumindest für den Moment entspannt zurücklehnen. Sah es 2025 noch so aus, als ob der Anschluss an die Weltspitze auf Dauer verloren gehen könnte, hat auch die Team-WM in London vor kurzem das Gegenteil gezeigt. Die Männer sind vielleicht nicht in der Spitze, aber doch in der Breite immer noch sehr gut aufgestellt. Meister Dang Qiu hat sein Formtief auch überwunden. Mit Bertelsmeier und Verdonschot könnte endlich der Nachwuchs aufrücken. Ihre starken Leistungen in Erfurt lassen auf mehr hoffen.
Bei den Damen sieht es ohnehin blendend aus. Kaufmann gehört die Zukunft, Winter die Gegenwart. Dahinter sind mit Han Ying und Nina Mittelham stabilisierte Spielerinnen in Position. Auch hier wartet der Nachwuchs noch auf den Durchbruch, Zeichen der Hoffnung sind aber durchaus gesetzt. Wir freuen uns schon auf 2027.
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