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Schach

Die Wegbereiterin

Zum 50. Geburtstag der Schachgroßmeisterin Judit Polgár

Foto: Alfred Harder/IMAGO
Judit Polgár im August 2003

Judit Polgár, die beste Spielerin der Schachhistorie, avanciert nicht zur Staatspräsidentin Ungarns. Sie lehnte das erst am vergangenen Sonntag vom neuen Ministerpräsidenten Péter Magyar unterbreitete Angebot, sich zum Staatsoberhaupt wählen zu lassen, mit der Begründung ab, dass sie »nicht genügend Kraft« in sich spüre, »um die historische Verantwortung zu übernehmen, eine gespaltene Nation zu einen«. Polgár feiert am 23. Juli ihren 50. Geburtstag.

Ministerpräsident Péter Magyar begründete die Nominierung der Schachkönigin mit der herausragenden Stellung Polgárs in der ungarischen Gesellschaft: »Ihr Ansehen beruht nicht auf politischen Verbindungen, sondern auf Talent, Fleiß und Integrität.« Er reagierte damit auf den Vorschlag zu Polgárs Nominierung durch 16 Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Sport, darunter Ernő Rubik, Erfinder des »Zauberwürfels«, in einem offenen Brief. Initiatorin war Olympiasiegerin Nagy Tímea, früher Unterstützerin von Viktor Orbáns Fidesz-Partei. Am Montag folgte auch die Tisza-Fraktion einstimmig der Nominierung Polgárs. Der frühere Schachweltmeister Garri Kasparow bezeichnete sie zudem öffentlich als ideale Kandidatin, weil ihre intellektuellen Fähigkeiten unbestritten seien und sie Ungarn in der Welt hervorragend vertreten würde. Am Montag abend äußerte Polgár via Facebook, dass sie die Anfrage als Ehre ihres Lebens betrachte und dafür außerordentlich dankbar sei. Ihre Absage verband sie mit der Ankündigung, eine neue, unabhängige Präsidentin respektive Präsidenten nach Kräften unterstützen zu wollen.

Judit Polgár wurde am 23. Juli 1976 in Budapest als jüngstes von drei Kindern des jüdischen Ehepaars Klára und László Polgár geboren. Vater László unternahm mit Judit und ihren beiden älteren Schwestern, der Großmeisterin Zsusza (seit ihrer Umsiedlung in die USA: Susan) und der Internationalen Meisterin Sofia, ein pädagogisches Experiment, um seine These zu beweisen, dass Kinder außergewöhnliche Leistungen erbringen können, wenn sie von frühester Kindheit an intensiv in einem speziellen Fachgebiet geschult werden. Sein Credo lautete: »Genies werden gemacht, nicht geboren.« Folgerichtig unterrichteten er und seine Frau die drei Töchter zu Hause, wobei ein besonderer Fokus auf Schach lag. Das Nesthäkchen Judit profitierte dabei stark von den Erfahrungen ihrer älteren Schwestern. Insbesondere die am 18. April 1969 geborene ­Zsusza, Weltmeisterin von 1996 bis 1999, wurde rasch zur eigentlichen Trainerin der sieben Jahre jüngeren Judit. In der DDR wurden Judit Polgár und ihr Schachtalent schon im Februar 1985 anlässlich des 1. Marathon-Blitzschachturniers bekannt, das im Thälmann-Saal des Dresdner Hauptbahnhofs zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens 40 Jahre zuvor ausgetragen wurde. Wenngleich Zsuzsa – im Alter von 14 Jahren bereits Nummer eins der Frauenweltrangliste – siegte, so beeindruckte doch, wie die gerade achtjährige Judit 100 Blitzschachpartien in 24 Stunden bewältigte.

Foto: Sören Bär 16_schach.png
Der Kulminationspunkt: Judit Polgár brilliert mit dem Springeropfer 11...Sxf2!!
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1988 triumphierte sie bei der U12-WM als einziges Mädchen über ihre sämtlichen männlichen Konkurrenten. Im selben Jahr sorgten die »Polgár Sisters« für Aufsehen, als sie bei der Schacholympiade in Thessaloniki mit Ersatzspielerin Ildikó Madl für Ungarn den Titel errangen und die übermächtige Sowjetunion distanzierten. Dieses Husarenstück gelang ihnen 1990 in Novi Sad erneut. Bereits als Zwölfjährige zog Judit im Januar 1989 mit einer ELO von 2555 in die Top 100 der Welt ein und erklomm die Spitze der Frauenweltrangliste. Bei der Jugend-WM U14 1990 in Fond du Lac gab sie wiederum allen männlichen Teilnehmern das Nachsehen. Ein besonderes Spektakel bot sich dem Publikum beim »Schach der Großmeister« im August 1990, als sich die 14jährige Judit mit dem Leipziger Großmeister Rainer Knaak um den WDR-Fernsehschachpreis duellierte und ihren starken Gegner in einer legendären Partie bezwingen konnte. Nachdem sie 1991 als 15jährige bei der ungarischen Meisterschaft die versammelte männliche Elite düpierte, wurde ihr der Großmeistertitel verliehen. Im Alter von 15 Jahren und vier Monaten pulverisierte sie damit den Weltrekord des früheren Weltmeisters Robert Fischer. Zu Beginn des Jahres 2003 gelang ihr erstmals der Sprung über die Marke von 2700 ELO-Punkten und auf Rang 13 der Weltrangliste. Nach der Geburt ihres ersten Kindes legte sie 2004 eine Pause vom Schach ein, kehrte danach allerdings stärker denn je zurück: Im Juli 2005 kletterte sie auf Rang acht der Weltrangliste und erreichte damit ihr Karrierehoch. Keiner anderen Frau ist dies davor oder danach gelungen.

Im Alter von erst elf Jahren sorgte Judit Polgár für Furore beim traditionsreichen Schachfestival in Biel (Schweiz). Für ihren brillanten Schwarzsieg nach 22 Zügen gegen den Internationalen Meister Jean-Luc Costa erhielt sie den »Supertorero«-Preis.

Jean-Luc Costa – Judit Polgár

Schachfestival Biel – Biel Mix, Runde 11, 29. Juli 1987, Englisch-Waganjan–Kasparow-Gambit (A31)

1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.Sf3 (Auf 3.d5 hatte Judit Polgár damals ihrem aggressiven Stil entsprechend das mit 3…b5 eingeleitete scharfe Wolga- oder Benkő-Gambit im Repertoire, womit sie ihren Landsmann Pál Benkő ehrte.) 3…cxd4 4.Sxd4 e5 5.Sb5 d5!? 6.cxd5 Lc5 (Dieses attraktive Gambit wurde in den 1970er Jahren durch den armenischen Weltklassespieler Rafael Waganjan und Anfang der 1980er durch den späteren Weltmeister Garri Kasparow popularisiert.) 7.S5c3 O-O 8.g3 Sg4 (Heutzutage wird 8…Db6 präferiert.) 9.e3 f5 10.Lg2?! (In der Stammpartie Piesina-Waganjan, UdSSR-Spartakiade, Moskau 1979, geschah solider 10.Le2 Sf6 11.a3 Sbd7 12. b4 Ld6 13.Sd2 Sb6 14.Sb3 Kh8 15.Ta2 Ld7 16.Sc5 Lxc5 17.bxc5 Sbxd5! 18.Sxd5 La4! 19.Dd3 Sxd5 20.0-0 Lc6 mit späterem Remis.) 10…f4! 11.h3? (Weiß hätte hier schon das kontraintuitive 11.Lf3! finden müssen. Auf 11.0-0 wäre es mit 11…fxg3! weitergegangen. Danach hätte das natürliche 12.hxg3 wegen 12…Dg5! 13.b4 Dh5! -+ sofort zum Exitus geführt, während 12.fxg3 Txf1+ 13.Dxf1 Lxe3+ 14.Lxe3 Sxe3 15.Dc1 Sxg2 16.Kxg2 Sd7 =+ leichten Vorteil für die Nachziehende brächte.) 11…Sxf2!! (Für die taktisch bereits außergewöhnlich beschlagene Elfjährige erforderte dieses ostentative Springeropfer sicher kaum kognitive Anstrengung.) 12.Kxf2 fxe3+ 13.Ke1 Tf2 (Es gibt objektiv bereits keine Rettung mehr, doch die Angriffsführung der Schwarzen ist eine Augenweide.) 14.Tg1 Df8! 15.Dd3 Sa6! 16.a3 Lf5 17.Le4 Lxe4 18.Dxe4 (Das bessere 18.Sxe4 wäre mit der Riposte 18…e2! 19.Sbd2 Th2! 20.Sf3 Lxg1 21.Sxh2 Sc5! -+ gekontert worden.) 18…Ld4! 19.Lxe3? (Beschleunigt das Ende. 19.b4 Tc8 -+) 19…Sc5 20.Lxd4 exd4! (Das ist signifikant stärker als das Nehmen der Dame, denn Polgár spielt auf Matt.) 21.Dxd4 Te8+ 22.Kd1 Df3+ (Auf 23.Kc1 folgt 23…Sb3#.) 0:1.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.07.2026, Seite 16, Sport

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