Durch den Blick der anderen
Von Yen DuongBilder sind unsere Fenster zur Welt. Sie evozieren Emotionen und Verständnis, während sie uns gleichzeitig Zugang zu Orten verschaffen, an denen wir nie gewesen sind, Ereignisse dokumentieren und Menschen porträtieren, deren Leben sich wahrscheinlich nie mit unserem gekreuzt hätte. Im Laufe der Geschichte wurde die Kamera, ein Instrument mit einer dunklen kolonialen Vergangenheit, vor allem von Männern verwendet.
Obwohl sich die Situation in den vergangenen Jahren dank der Bemühungen von Gruppen und Institutionen, die den Geschlechter-Gap in der Fotografiebranche verringern möchten, verbessert hat, stammen nur etwa 20 Prozent der Bilder auf den Titelseiten großer internationaler Publikationen von Frauen und nichtbinären Fotojournalisten (2017 lag dieser Wert bei etwa zehn Prozent)¹. Diese Zahl spiegelt die nach wie vor niedrige Anzahl an weiblichen und nichtbinären Fotografen wider, die von Nachrichtenagenturen und Redaktionen beschäftigt werden – obwohl weltweit mehr Frauen als Männer eine fotografische Ausbildung absolvieren, wie mehrere Statistiken belegen².
Diese Bilder sind Teil eines offenen Aufrufs des Fotokollektivs »The Journal«³, eines internationalen Kollektivs von weiblichen und nichtbinären Fotografen aus der ganzen Welt. Kuratiert von Charlotte Schmitz und Yen Duong, Hauptorganisatorinnen von »The Journal«, richten viele der ausgewählten Bilder den Blick auf die Communitys der Medienschaffenden, denen sie sich zugehörig fühlen oder zu denen sie eine besondere Verbindung haben. Aylin Kızıl fotografiert kurdische Frauen, die während der Newroz-Feier in Diyarbakır tanzten. Sara Swaty porträtiert eine junge Frau, die mit Spina bifida geboren wurde, um ihre eigene Perspektive auf die Resilienz von Menschen mit Behinderung zu zeigen. Su Cassiano fotografiert junge Frauen in Noisy-le-Sec, die aufgrund des Kopftuchverbots im Basketballsport von 2022 und des Anstiegs der Islamfeindlichkeit sowie der erstarkenden extrem rechten Politik in Frankreich nicht mehr Basketball spielen können. Charlotte Schmitz dokumentiert seit 13 Jahren ihre Freundinnen im Istanbuler Stadtviertel Balat, einem Ort, der zunehmend von Gentrifizierung geprägt ist.
Diese Bilder zeigen den einzigartigen Zugang des Fotokollektivs zu den Geschichten ihrer eigenen Communitys und verdeutlichen die Bedeutung, durch den Blick der »anderen« in unterschiedlichen lokalen Kontexten zu schauen. Wer bekommt die Chance, das Gesehene festzuhalten und davon zu erzählen? Und wie würde sich die Welt darstellen, wenn wir sie durch die Augen von weiblichen und nichtbinären Fotografen betrachten könnten?
Anmerkungen
1 www.womenphotograph.com/data
2 www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1461670X.2018.150087 und medium.com/@arickamd/photojournalism-and-women-getting-to-the-root-of-gender-imbalance-9f5373b48d41
3 the-journal.org
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