Zum Inhalt der Seite
Ukraine-Krieg

High an der Front

Ukrainische Wehrbeauftragte räumt schwere Drogenprobleme in der Armee ein

Foto: Dmytro Smolienko/IMAGO/Avalon.red
Dass Soldaten sich den Krieg mit Drogen erträglich machen, kann kaum verwundern (Ukrainische Frontlinie, 19.3.2026)

Ukrainische Medien und Kriegsblogger haben schon seit Monaten darüber geschrieben, jetzt hat die Nachricht sozusagen den offiziellen Segen erhalten: Am Wochenende räumte die ukrainische Wehrbeauftragte Olga Reschetilowa ein, dass es in der Armee des Landes vor allem an der Front deutliche Drogenprobleme gibt. So seien in den Fronteinheiten Nervenzusammenbrüche, Zitter- und Krampfanfälle an der Tagesordnung. Eine Lösung hatte Reschetilowa nicht anzubieten. Wie es sich für eine Person in offizieller Position gehört, bedauerte sie Probleme, an deren Lösung ohnehin niemand arbeitet: dass es an der Front praktisch unmöglich sei, den dort eingesetzten Menschen angemessene Therapien anzubieten.

Am Montag veröffentlichte dann das regierungskritische Portal ­Strana News eine längere Recherche zum Thema, die sich auf Auskünfte von Soldaten und Offizieren von der Front stützte. Demnach gibt es einen externen und eine ganze Reihe interner Gründe für den massenhaften Substanzgebrauch. Der externe Grund ist die zunehmende Wahllosigkeit, mit der die Wehrersatzbehörden auf den Straßen alles einsammeln, was männlichen Geschlechts ist. Die medizinische Tauglichkeitsprüfung sei mittlerweile reine Formsache. So kommen immer mehr Soldaten in die Armee, die von vornherein mit Drogenproblemen zu tun haben.

Andere wenden sich im Schützengraben den Rauschmitteln zu, weil sie ohne zu kiffen, zu spritzen oder zu schnüffeln nicht mit dem »chronischen Schlafmangel und der ständigen Todesangst« zurechtkämen, wie ein befragter Offizier offen zugab. Leute in seiner Position stünden damit in einem Dilemma: Das Drogenproblem durch Verbote zu kontern, mache die Soldaten schließlich auch nicht kampfkräftiger. Wenn sie ab und an zugedröhnt den Helden spielen wollten, könne das gegebenenfalls auch zweckmäßig sein, wenn es um riskante Missionen an der vordersten Linie gehe. Zumal, wie einer der befragten Soldaten berichtete, der Drogennachschub in die Schützengräben zuverlässiger funktioniere als die Nachlieferung von Munition. Nichtsdestoweniger scheint der Grad der Drogenabhängigkeit der ukrainischen Soldaten ein kritisches Niveau erreicht zu haben, wenn selbst eine offizielle Funktionsträgerin wie die Wehrbeauftragte das Thema aufgreift.

Anzeige

Wobei sich mit Sicherheit nicht nur die Ukraine mit dem Problem herumschlägt. Von russischer Seite ist dazu in den offiziellen Medien zwar nichts zu hören. Die Website »Current Times« aus dem Haus des US-Propagandasenders Radio Liberty brachte jedoch vor wenigen Tagen einen Artikel, in dem die Zustände innerhalb der russischen Armee praktisch deckungsgleich beschrieben werden. Was daran wahr ist und was Propaganda, lässt sich nur schwer beurteilen. Die Behauptung, dass mobilisierte Wehrpflichtige die größte Gruppe der Drogenkonsumenten seien, deutet eher auf letzteres hin, denn solche sind auf russischer Seite kaum im Einsatz. Den größten Teil stellen freiwillig verpflichtete Soldaten, und dass die sich eher von Drogen fernhielten, sieht auch »Current Times« so.

Dennoch kämpft auch Russland mit den Drogen. Wie der Moskauer Kommersant am Montag berichtete, wird derzeit in der Staatsduma eine Lockerung der Strafbestimmungen für Drogenbesitz zum eigenen Gebrauch vorbereitet. Die Härte des Gesetzes solle nur noch Händler treffen, nicht aber Konsumenten. Die offizielle Begründung für die Novelle ist, dass die Strafkolonien zu bis zu 80 Prozent mit solchen kleinen Drogendelinquenten belegt seien.

In Kiew gab es am Wochenende einen Amoklauf mit mindestens sechs Toten und 14 Verletzten. Ein Mann hatte auf der Straße wahllos um sich geschossen, bevor ihn die Polizei ihrerseits »liquidierte«. Was offiziell nicht dazu gesagt wurde, aber in sozialen Netzwerken oft verbreitet wurde: Der Schütze sei vor einiger Zeit zwangsmobilisiert worden und dann desertiert. Leicht vorstellbar, dass derlei Fälle vermehrt auf die Ukraine zukommen, wenn der Krieg irgendwann endet und Tausende traumatisierte Soldaten von der Front heimkehren.

junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 23.04.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!