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Kassandra aus dem Revier

In seinem Roman »Stellenweise Glatteis« hatte Max von der Grün rechte Gewalt vorausgesehen wie kaum ein anderer. Eine Neulektüre anlässlich seines 100. Geburtstags am 25. Mai

Von Sebastian Schweer
Foto: Stefan Trappe/imago
Die Anschläge kamen später: Solingen (29.5.1993)

Es sind infernalische Szenen, die Max von der Grün in seinem 1973 erschienenen Roman »Stellenweise Glatteis« schildert: Wohnbaracken stehen in Flammen, brennende türkische »Gastarbeiter« springen aus dem Fenster, Schaulustige blockieren die Rettungswege. Max von der Grün beschrieb Formen rechter Gewalt, die Anfang der 1970er so noch nicht praktiziert worden waren.

Als kaufmännischer Gehilfe, Funker bei der 2. Fallschirmjägerdivision, Kriegsgefangener in den USA, Maurer und schließlich Bergmann in der Zeche Königsborn im Ruhrgebiet hatte Max von der Grün, Jahrgang 1926, schon viel erlebt, als er seinen ersten Roman verfasste. Dem Bergbau mit all seinen Gefahren widmete sich der »schreibende Arbeiter«, der selbst zweimal verschüttet wurde, in seinen ersten beiden Romanen »Männer in zweifacher Nacht« (1962) und »Irrlicht und Feuer« (1963). Schon da wurde deutlich, dass der Autor ein genauer Beobachter war und Kritik an den Verhältnissen nicht zurückhielt. In seinem Rundumschlag wurden skrupellose Unternehmer und Maschinenhersteller, saturiert-unsolidarische Kumpel, rückgratlose Betriebsräte und passive Gewerkschaften vorgeführt.

Berühmt gemacht hat ihn eine Szene aus »Irrlicht und Feuer«, die in grotesker aber pointierter Überspitzung die Gefahren des Bergbaus illustriert: Ein neuer Kohlenhobel muss von den Arbeitern gegen ihren Willen getestet werden. Dieser ist defekt, und eine gerissene Kette schlägt den Kopf eines Kumpels ab. »Der Blutstoß des geköpften Steigers« klatscht in das Gesicht des Erzählers, während der Kopf symbolträchtig im Förderwagen über Tage transportiert wird. Der Arbeiter ist zum bloßen Rohstoff geworden.

Heute würde man sagen, dass von der Grün mit seinem zweiten Roman »viral gegangen ist«. Er wurde z. B. von einem Maschinenhersteller, der sich getroffen fühlte, mit Prozessen überzogen, und sein damaliger Chef drohte unverhohlen mit härterer Arbeit, damit ihm »die Lust am Romanschreiben vergeht«. Von der Grün nahm kein Wort zurück. So war er Ende 1963 arbeitslos und ohne Hoffnung, im Ruhrgebiet eine neue Arbeit zu finden. Doch seine Unnachgiebigkeit, die auch für seine Hauptfiguren typisch ist, zahlte sich aus: Die öffentlich geführten juristischen Auseinandersetzungen machten ihn berühmt, der Roman wurde ein Welterfolg und in 33 Sprachen übersetzt. Nun konnte er vom Schreiben leben. Er wurde einer der erfolgreichsten Autoren der Bonner Republik. Seine Romane wurden auch hochkarätig verfilmt. Die Adaption von »Irrlicht und Feuer« (Horst E. Brandt/Heinz Thiel, 1966) etwa war die erste Verfilmung eines westdeutschen Romans in der DDR. In der Folge bestritt er internationale Lese­reisen, und sein Jugendbuch »Vorstadtkrokodile« (1976) kennen viele noch aus der Schule.

Ende der 80er Jahre ebbte sein Erfolg ab, es wurde still um ihn. Zwar schrieb er noch weiter, etwa über Liebe im Alter, doch seine Texte wurden nicht mehr breit rezipiert. Sein Sujet hatte sich aufgelöst, und vielleicht war er als hauptberuflicher Autor auch zu lange nicht mehr Teil der Arbeitswelt, die er mit großem Authentizitätsanspruch zum Gegenstand seines Schreibens erhoben hatte, war er doch als Gründungsmitglied der »Dortmunder Gruppe 61 für die künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt« maßgeblich daran beteiligt, den (industriellen) Arbeitsalltag in der Bundesrepublik überhaupt erst literaturfähig zu machen.

Zentral für die Auseinandersetzung von der Grüns mit der Arbeitswelt ist, dass nichts verklärt, mythologisiert oder als heroisch ausgestellt wird. Weder die Arbeit noch der einzelne Arbeiter (seine Hauptfiguren waren stets männlich) treten als sprichwörtlicher Held der Arbeit auf, und auch die Arbeiterklasse »für sich« ist als Kollektivheros (Ulrich Bröckling) nirgends zu finden. Seine Figuren sind misogyn und rassistisch, Solidarität ist keineswegs selbstverständlich, und die Organisationen, die ihre Interessen vertreten sollen, sind längst vom Klassenkampf zum institutionalisierten Klassenkompromiss übergegangen. Freilich werden die Verhältnisse in der BRD scharf kritisiert, nicht nur hinsichtlich der Arbeitsverhältnisse, sondern auch in Bezug auf die personelle und ideologische Kontinuität des Nazifaschismus. Der Zankapfel war jedoch zumeist seine Kritik an der »eigenen Seite«, also der Arbeiterschaft, den Gewerkschaften, der Sozialdemokratie, die von der Grün aber stets als eine solidarische verstanden wissen wollte.

Heroisch sind die Figuren allenfalls in ihrer Beharrlichkeit, ihrem Unrechtsbewusstsein, ihrem Insistieren auf Würde und einem Mindestmaß an Sinn im (Arbeits-)Leben. In ihrem Scheitern wird der Möglichkeitsraum der Bundesrepublik eher pessimistisch gesehen. Letztlich lässt das vergebliche Anrennen gegen die Mauern des Status quo die gesellschaftlichen Verhältnisse als unveränderbare erscheinen. So gibt es gewisse Nähe zu Hegels Skizzierung des (Bildungs-)Romans als die Geschichte vom Jüngling, der sich an den Verhältnissen die Hörner abstoßen müsse, um daraufhin seinen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft zu finden. Nur ist und bleibt dieser Platz bei Max von der Grün ungemütlich.

Erklären lässt sich das Scheitern der Figuren durch den Anspruch, »authentisch« schreiben zu wollen. So konnte von der Grün eine revolutionäre Arbeiterklasse nicht einfach erfinden – der Kohlhaas’sche Einzelgänger war daher eine plausible literarische Möglichkeit, Kritik zu üben und die Situation und den Bewusstseinsstand der Arbeiterklasse dabei nicht zu verklären. Seine Texte waren Seismographen, keine Katalysatoren. Denn von der Grün hatte ein feines Gespür für Stimmungen und gesellschaftliche Entwicklungen und war einer der ersten Autoren, die sich nach 1945 mit Rassismus und rechter Gewalt auseinandersetzten. Hierin war er nachgerade prophetisch. Am eindrücklichsten zeigt sich das im vierten Roman »Stellenweise Glatteis« von 1973. Hier geht es vornehmlich darum, dass die Geschäftsführung ihre Mitarbeitenden heimlich abhört. Damit erwies sich von der Grün als Visionär, doch es ist die Nebenhandlung, die noch frappanter ist. Eine Bürgerinitiative will den Bau von drei Baracken für türkische »Gastarbeiter« verhindern. Dieses Anliegen verbindet sowohl die bürgerlich-wohlhabende Waldseite der Straße mit der eher proletarischen Autobahnseite, auf der der Erzähler Karl Maiwald wohnt. Die Argumentation gegen die Unterbringung der »Gastarbeiter«, vorgetragen von einem pensionierten Landgerichtsrat, kommt einem bekannt vor, ist sie doch eine der vielen Variationen des Satzes »Ich bin kein Rassist, aber …«, auf den mit größter Wahrscheinlichkeit etwas Rassistisches folgt:

»Nicht daß Sie denken, ich hatte was gegen Türken, da gibt es auch solche und solche … aber die haben nun mal einen anderen Lebensstil, eine andere Religion … und kurz und gut, die sind nun mal anders als wir …«

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Hier werden Allgemeinplätze eines kulturellen Rassismus verwendet, die auch heute noch zu hören sind. Maiwald und seine Frau unterschreiben nicht auf der bereits gut gefüllten Liste und bekommen dies in der Stammkneipe deutlich zu spüren: »Die Melonenfresser willst du in unser Viertel holen … Was willst du überhaupt hier, scher dich doch weg.«

Der Bau der Baracken wird dennoch beschlossen, und der Kampf dagegen eskaliert. Gleich drei Anschläge werden verübt: Zunächst wird die Baustelle verwüstet, später werden die schon errichteten, aber noch unbewohnten Baracken niedergebrannt. Der dritte Anschlag trifft des Nachts die bereits bezogenen Baracken, die abermals angezündet werden. Diese Szene wird eindrücklich geschildert: Die Feuerwehr schleift »Bewusstlose aus den Baracken, sie waren halbnackt, einige sogar nackt«. Schreiende, stellenweise brennende Türken springen aus Fenstern, die Feuerwehr versucht zu löschen, und die »Polizei forderte wieder und wieder auf, die Straße freizuhalten für die Feuerwehr und die Rettungswagen«.

Der Roman gleicht damit einem Palimpsest, bei dem jedoch nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft unter der Schrift durchscheint. Wer den Text heute liest, sieht die von Max von der Grün imaginierten Szenen vor dem inneren Auge unmittelbar überblendet von der späteren Wirklichkeit: die ausgebrannten Häuser nach den tödlichen Brandanschlägen von Solingen und Mölln, das brennende Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. Selbst die dort ­blockierten Rettungswege erscheinen bereits im Roman. Schon 17 Jahre vor den im Fernsehen übertragenen Pogromen und Brandanschlägen in Rostock-Lichtenhagen 1992 waren ähnliche Gewaltszenen im Abendprogramm zu sehen. Wolfgang Petersen verfilmte »Stellenweise Glatteis« als Zweiteiler für den WDR und brachte den rassistisch motivierten Brandanschlag mit Tötungsabsicht in fiktionaler Vorwegnahme am Abend des 24. Juni 1975 in die bundesrepublikanischen Wohnzimmer.

Frappant ist, dass die ersten Brandanschläge, die mit den Geschehnissen im Roman vergleichbar wären, erst ab dem Jahr 1980 belegt sind, begangen von den sogenannten Deutschen Aktionsgruppen. An den Folgen des Brandanschlags auf eine Unterkunft für Geflüchtete in Hamburg-Billbrook starben 1980 die Vietnamesen Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân.

Wie wurde die Darstellung dieser (neuen) Form enthemmter rechter Gewalt gegen »Gastarbeiter« von der zeitgenössischen Rezeption aufgenommen? Insgesamt als Randnotiz. Die Rezensionen und Auseinandersetzungen kreisten stets ausführlich um die im Roman und im Film geschilderten Arbeitskämpfe und die da­raus resultierenden Konflikte, die von der Grün öffentlich ausfocht. Die rechte Gewalt wurde, wenn überhaupt, in den Aufzählungen der im Text verhandelten sozialen Probleme mitgenannt, mitunter euphemistisch als »Gastarbeiterprobleme« (Lichtensteiner Volksblatt) bzw. »Streitereien über Gastarbeiterprobleme« (Kölnische Rundschau) oder auch »Antipathie gegen Gastarbeiter« (Allgäuer Zeitung).

Hier manifestiert sich die Indifferenz der Mehrheitsgesellschaft, doch auch in der Struktur des Romans lassen sich Gründe für diese Rezeption finden. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht ist die narrative Empathieverweigerung mit den Opfern zentral. Im Text gibt es keine türkischen Figuren, deren Perspektive, deren Ängste und Wut werden an keiner Stelle verhandelt, außer in der beschriebenen Außensicht. Sie bleiben Statisten. Eindrucksvoll zeigt sich dies in der Schlussszene des Brandanschlags. Maiwald sitzt erschöpft auf einem Randstein, neben ihm ein offenbar schwer verletzter Türke. Sie wechseln kein Wort, schließlich kippt der namenlose Türke vornüber und bleibt liegen, bis Sanitäter ihn wegtragen. Er ist für Maiwald – und damit für die Lesenden – kein sprechendes Wesen, indem er lediglich »vor sich hin« murmelt, bleibt er in der Zone des »Unvernehmens« (Jacques Rancière).

In dieser knapp geschilderten Szene verdichtet – und reproduziert – der Roman die mehrheitsgesellschaftliche Empathieverweigerung und Indifferenz gegenüber den Opfern, die bis heute eine bekannte (Nicht-)Reaktion auf rechte Gewalt ist. Wie die Figuren bleibt auch die Romankomposition widersprüchlich. Denn neben der Kritik an Gewalt und Rassismus beglaubigt der Roman strukturell die von der Bürger­initiative vertretenen Vorurteile gegen Türken: Ein Mord an einem zehnjährigen (deutschen) Mädchen, der keine tiefere Bedeutung für den Gang der Erzählung hat, wird einem völlig unmarkierten »Mustafa« zugewiesen, und die türkischen »Gastarbeiter« werden im Roman tatsächlich zu einer Gefahr. Nach dem Brandanschlag auf ihre Baracke bricht sich die Wut und Verzweiflung der Türken Bahn: »Deutsche haben angezündet!« In tumultartigen Szenen dreschen die Türken unterschiedslos auf die anwesenden Deutschen ein, die Polizei wiederum auf die Türken. Mitten in dieser Massenschlägerei befindet sich der Erzähler Maiwald, der irgendwie schlichten will, und auch seine Tochter Karin ist zur Stelle. Ausgerechnet sie, die progressivste Figur des Romans, wird im Tumult, offenbar von den Türken, derart verletzt, dass sie auf einem Auge erblindet.

Mit dieser Täter-Opfer-Umkehr reduziert die Textlogik das Empathiepotential für die Opfer der rechten Gewalt auf ein Minimum. Das dürfte dazu beigetragen haben, dass diese ungeheure Szene kaum zum Thema wurde. Von der Grün selbst fand sie offenbar nicht passend oder wichtig genug, um sie auf seiner Lesereise in der Türkei vorzulesen.

Bemerkenswert ist aber auch, dass die Romanlogik und die Anlage der Figuren die Gewalteskalation nicht isolierten »extremistischen« (Einzel-)Tätern zuweist. Anders als in den Diskursen und Deutungsmustern, die im Jahr 1973 noch in der Zukunft lagen, wird hier nicht eine »normale«, moralisch integre »Mitte« dem »lunatic fringe« des politischen Spektrums gegenübergestellt, sondern ein Zusammenhang von gesellschaftlichem Klima, Ökonomie, der Bürgerinitiative, dem Alltagsrassismus in der Kneipe und dem mörderischen Gewaltakt nahegelegt. Die Figur Borgmann, ein reicher Zahnarzt und Unterstützer der Bürgerinitiative, erregt sich nach dem zweiten Anschlag: »Herr Maiwald, das ist eine fatale Geschichte. Die Leute müssen verrückt geworden sein.« Maiwald entgegnet: »Was für Leute, Herr Borgmann, meinen Sie die von der Bürgerinitiative?«

Nach »Stellenweise Glatteis« veröffentlichte Max von der Grün weitere Texte, die rechte Gewalt verhandelten und gegen ein Wiedererstarken des Rechtsextremismus immunisieren sollten: die an Jugendliche adressierte Mischung aus Autobiographie und Geschichtsbuch »Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich« sowie den Roman »Flächenbrand«, in dem er eine doppelte Mobilisierung der extremen Rechten beschreibt. Zum einen konstituiert sich die »Gesellschaft zur moralischen und sittlichen Erneuerung Deutschlands«, gegründet vom Geschichtslehrer Dr. Wurm. Dessen Kritik kommt einem bekannt vor: Die Parteien seien alle gleich, jemand müsse dem »moralischen, sittlichen und nationalen Verfall unseres Staates, unseres Vaterlandes und damit unseres Volkes …« etwas entgegensetzen. Kurzum: »Eine Alternative tut not.« Gleichzeitig bewaffnen sich die Kader der Partei und verfügen auch über ein Netzwerk für den Transport und die Lagerung der Waffen.

Beide Texte erschienen 1979 – ein Jahr vor dem »rechten Terrorjahr« 1980. Sie ­waren Teil einer erinnerungskulturellen (Re-)Fokussierung, die mit der Ausstrahlung der US-amerikanischen Miniserie »Holocaust« im Januar 1979 eine Zäsur im öffentlichen Gedenken und Sprechen über die Naziverbrechen in der Bundesrepublik, aber auch in Österreich einleitete. Apropos Österreich: Ebenfalls 1979 erschien Peter Patzaks Verfilmung von Helmut Zenkers Roman »Kassbach oder Das allgemeine Interesse an Meerschweinchen«. Film wie Roman handeln vom Kleinbürger Karl Kassbach, eine nachgerade idealtypische Personifikation des autoritären Charakters; triebgehemmt, gewalttätig, ressentimentgeladen, Unterdrücker seiner Kleinfamilie. Kassbach organisiert sich in der neonazistischen »Initiative«, macht Schießübungen auf die titelgebenden Meerschweinchen und verübt Anschläge und Attentate auf politische Gegner. Die überzeichnete Figur kann in eigentümlicher Weise beide sein: das ekelerregende andere, ein Abjekt, aber auch jedermanns Nachbar, die Faust in der Tasche, die Pistole in der Schublade. Der Roman erschien bereits 1974 und ist mit seiner Täterperspektive im deutschsprachigen Raum eine Ausnahme.

Mit Figuren wie dem Gemüsehändler Kassbach oder dem Geschichtslehrer Dr. Wurm wurde die Verbindung bzw. der Übergang vom Alt- zum Neonazi thematisiert und Formwandel rechter Gewalt und Organisation antizipiert. Festzuhalten ist, dass zwei dezidiert linke Autoren – Zenker war Mitglied der KPÖ, von der Grün stand trotz bzw. wegen seiner Kritik an Gewerkschaften und SPD stets auf der Seite der Arbeiter – in Österreich und Deutschland nicht nur als Kritik und Korrektiv an unzureichender Aufarbeitung und Entnazifizierung fungierten, sondern als Seismograph für gesellschaftliche Tendenzen und Kräfteverschiebungen, ja als Frühwarnsystem gegen erstarkende rechte Umtriebe.

Es bleibt die Frage, wie Max von der Grün so früh darauf kam, die kommende Eskalation und den Formwandel rechter Gewalt in eindrücklichen, ja prophetischen Szenen vorwegzunehmen. Vollständig zu beantworten ist das nicht, doch lässt sich sagen, dass er wegen seiner Erfahrungen im deutschen Faschismus (sein Stiefvater war im KZ Dachau inhaftiert und sein familiäres Umfeld nazikritisch) offenbar ein feines Gespür für (noch) latente Tendenzen und Stimmungen gegen Randgruppen hatte. Er war gut vernetzt und über politische Entwicklungen tauschte er sich mit zahlreichen Autoren und Intellektuellen aus. Besonders wichtig aber war ihm der Gang in die Kneipe, um im Kontakt mit den »einfachen Leuten« zu bleiben, ihre Geschichten zu hören und Stimmungen einzufangen, kurzum: um Stoff zu sammeln. Offenbar ließ sich aus diesem Material bereits Anfang der 1970er Jahre die kommende rechte Gewalt ableiten. So strittig und streitbar von der Grüns Texte und Einlassungen mitunter waren, in diesem Fall war er nicht der Kohlhaas vom Revier, vielmehr erklangen in seinen Texten bestürzend prophetische Kassandrarufe, die eine neue Form und Eskalation rechter Gewalt ab 1980 antizipierten.

In seiner Rezension von »Stellenweise Glatteis« schrieb Hermann Peter Piwitt 1973: »Max von der Grüns Roman ist (…) ein Siebenmeilenschritt, eine Wegmarke in die achtziger Jahre …« Er sollte leider recht behalten.

Zum Autor: Sebastian Schweer

Literaturwissenschaftler und Soziologe, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Leibniz Universität Hannover. Hier untersuchte er im DFG-Projekt »Empathie und Störung« (1.4.2023–31.3.2026) die literarische Verhandlung von rechter Gewalt in der Demokratie. 2022 erschien seine Studie »Engagement und Erinnerung« über linke Geschichte in der Romanliteratur nach 1989 (Transcript Verlag).

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.05.2026, Seite 6, Wochenendbeilage

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