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Aus: Ausgabe vom 23.11.2022, Seite 15 / Antifa
Rechter Terror

30 Jahre voller Schmerz

Jahrestag des Brandanschlags von Mölln: Gedenkveranstaltung in Hamburg thematisiert Leid der türkischen Familie, die von Faschisten angegriffen wurde
Von Kristian Stemmler
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Die Feuerwehr sichert das völlig ausgebrannte Haus in der Mühlenstraße (Mölln, 23.11.1992)

Drei Jahrzehnte ist es her: In der Nacht auf den 23. November 1992 warfen zwei Neonazis im schleswig-holsteinischen Mölln Brandsätze in zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser. In einem der Häuser, dem an der Mühlenstraße, starben bei dem Feuer die zehn Jahre alte Yeliz Arslan, die 14jährige Ayse Yilmaz und die 51 Jahre alte Bahide Arslan. Neun Menschen wurden bei den Bränden schwer verletzt.

Jener Anschlag reiht sich ein in eine Welle rechten Terrors zu Beginn der 1990er Jahre in der Bundesrepublik. Neonazis und rassistische Anwohner verübten pogromartige Angriffe auf Asylsuchende, ausländische Vertragsarbeiter und Menschen mit Migrationsgeschichte in Städten wie Hoyerswerda, Rostock oder Solingen. Attacken von Faschisten prägten den Alltag der »Baseballschlägerjahre« in Ballungsräumen ebenso wie auf dem Land.

Selbstbestimmtes Gedenken

Den Opfern von Mölln war am Sonntag in der Hamburger Kampnagel-Fabrik eine berührende Gedenkveranstaltung unter der Überschrift »Möllner Rede im Exil« gewidmet. An ihr nahmen zahlreiche Angehörige der drei Todesopfer und andere Betroffene rechter Gewalt teil. In Auseinandersetzung mit dem offiziellen Gedenken findet seit 2013 jährlich eine Veranstaltung unter diesem Titel statt, und zwar in unterschiedlichen Städten: so in Bremen, Berlin, Frankfurt am Main oder Lüneburg. Initiiert wurde das Gedenken damals von Ibrahim Arslan, dem beim Anschlag geretteten Bruder von Yeliz Arslan, gemeinsam mit seinem Vater Faruk Arslan und dem »Freundeskreis im Gedenken an die rassistischen Brandanschläge von Mölln 1992«. Ihr Ziel war und ist ein selbstbestimmtes sowie selbstgestaltetes Gedenken, bei dem die Perspektive der Betroffenen im Zentrum steht und auch aktuelle Entwicklungen von Rassismus und rechter Gewalt thematisiert werden können.

In diesem Jahr hielt die Anwältin Katrin Inga Kirstein die Rede. Sie kennt die Familie Arslan seit mehr als 20 Jahren und vertritt sie seit 2008 auch anwaltlich. Wie sie selbst zu Beginn ihrer Ansprache berichtete, hatte sich die Familie schon seit langem die Ansprache von Kirstein in diesem Rahmen gewünscht. Dass das vor 30 Jahren Geschehene in der Öffentlichkeit unter der Kurzformel »Brandanschlag von Mölln« geläufig sei, hebe das Ereignis auf eine symbolische Ebene, erklärte die Anwältin, an die Angehörigen gewandt. So lasse sich aber »nicht einmal im Ansatz verstehen, was es für euch bedeutet«. »Eure Liebsten sind ermordet worden«, fuhr sie fort. »30 Jahre voller Schmerz, der nicht aufhört.«

Gemeinsamer Kampf

In ihrer Arbeit als Opferanwältin werde Kirstein oft gefragt, wie man Angehörigen von Gewaltopfern begegnen solle. Eine Antwort sei, »auch eigene Verletzungen anzuerkennen und zu benennen«. Dann bedeute es, »genau hinzuhören, wenn Betroffene und Angehörige sprechen, mit offenen Ohren und Herzen«. Kirstein wies die Vorstellung zurück, dass Angehörigen von Gewaltopfern vor allem mit einer harten Bestrafung der Täter geholfen sei. Diesen sei in der Regel viel wichtiger, dass sich ähnliche Taten nicht wiederholten. Harte Strafen könnten das Geschehene nicht ungeschehen machen und die Opfer von Gewalt nicht wieder lebendig oder gesund.

Durch das Mandat der Familie Arslan sei die Anwältin erst zur Expertin für das Opferentschädigungsgesetz geworden. Als sie die Akten zu deren Fall durchgearbeitet habe, sei ihr Entsetzen »von Seite zu Seite« größer geworden. Die Vermerke und Gutachten zum Fall der Familie, die sie dabei gelesen habe, hätten nur ein Ziel gehabt – »den Ausschluss von jeder Form von Entschädigung«. Nach der Rede der Anwältin betonte Faruk Arslan, das Finanzielle dürfe nicht im Mittelpunkt stehen. Entscheidend sei, »den Kampf gemeinsam zu gehen«.

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