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Tischtennis

Doppeltes Glück

Am Sonntag endete in London die 70. Tischtennisweltmeisterschaft. China dominierte mit gehörigem Dusel

Foto: IMAGO/VCG
Mit der Aura der vom Glück Beseelten: Sun Yingsha (London, 10.5.2026)

Klar, Glück gehört dazu. Glück ist Können, das ist eine Sportweisheit, die man aus dem Fußball kennt. Der Spruch trifft auch auf Tischtennis zu, einer Sportart, in der es um Millimeter geht. Entsprechend gnadenlos geht es manchmal zu. Um konkret zu werden: Alexis Lebrun hatte Matchball, sein risikoreich gespielter harter Vorhandtopspin ging nur um ein bis zwei Millimeter nicht auf den Tisch, sondern daneben. Punkt für Liang Jingkun.

Auch Sun Yingsha, die eh mit entsprechender Aura gesegnet ist, hatte dieses passive Glück jüngst, im Entscheidungssatz gegen die junge Ägypterin Hana Goda, deren Schuss beim Matchball den Tisch eben auch knapp verfehlte. Warum dieser Exkurs am Anfang? Weil bei der am Sonntag zu Ende gegangenen Tischtennisweltmeisterschaft so einiges Spitz auf Knopf stand und das Schicksal einmal mehr wollte, dass die Nation, die diesen Sport beherrscht wie keine andere, und das seit Jahrzehnten, weitere zwei Jahre lang vom Spitzenplatz grüßt. Und das ist einerseits verdient, weil Glück Können ist, andererseits traurig, weil es fast genauso gut andersherum hätte sein können. Diesmal mehr als sonst.

China ist also Weltmeister bei den Frauen nach einem 3:2 im Finale gegen Japan. Harimoto Miwa hatte den ersten Punkt gesetzt mit ihrem ersten Sieg überhaupt über Wang Manyu, Hashimoto Honoka lieferte einen zweiten. Im Grunde hieß es zweimal Matchball für Japan. Aber der Respekt vor Sun – Stichwort Aura – war auch für Harimoto viel zu groß. Hayata Hina konnte sich am Sonntag überhaupt nicht durchsetzen. 3:2 für China, knapp, natürlich nicht unverdient.

Deutschland und Rumänien, Europas Spitze, hier in London mit Bronze behängt, sind von den beiden führenden Nationen tatsächlich noch zu weit entfernt. Harimoto Miwa, seit dieser Woche Nummer drei der Welt, hatte im Halbfinale gar kein Problem mit Sabine Winters Antibelag, auch Ying Hans sonst so fabelhaftes Abwehrspiel kann mit dem Hashimotos kaum mithalten.

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Bei den Männern gewann China im Finale gegen Japan vermeintlich deutlicher, nämlich mit 3:0. Doch zum einen hatte das chinesische Team gleich mehrfach Glück, und das begann schon im Halbfinale gegen Frankreich. Zum anderen war die Strategie des Teams unter Cheftrainer Ma Lin durchaus fehlerhaft, was eben vielleicht nur durch unfassbares Glück nicht bestraft wurde. Denn auf Lin Shindong und Liang Jingkun zu setzen, statt auf die Jugend, namentlich den unfassbar starken Haudraufs Wen Ruibo oder den technisch versierten Chen Yuanyu, war mindestens mutig. Lin und Liang verloren in der Vorrunde alles, was sie nicht unbedingt hätten gewinnen müssen.

In der Revanche gegen Südkorea waren sie starke Aufstehmänner, gegen den noch stärkeren Widerstand der Franzosen waren Nehmerqualitäten gefragt. Tatsächlich hatten sie die. Aber Wang Chuqin, die Nummer eins der Welt, ansonsten wieder einmal fast unfehlbar im Turnier, hätte beinahe den Auftakt gegen den Jungspund Flavien Coton verloren. Lin verlor klar gegen Félix Lebrun, und Liang sah zwei Sätze lang gegen Alexis Lebrun gar kein Land. Und schafft es dennoch, das Spiel knapp zu halten, zwei Matchbälle abzuwehren und nach zwei Satzverlängerungen am Ende den längeren Atem zu haben. Ein unglaubliches Spiel, das im Hauch einer Sekunde oder um den einen Millimeter auch ganz anders hätte ausgehen können, nämlich mit 3:0 nach Sätzen für Lebrun, der dann auf 2:1 für Frankreich gestellt hätte. Und ob Liang gegen Coton Schnitte gehabt hätte? Fraglich.

So aber hieß das Finale Japan gegen China und nicht Schweden gegen Frankreich, was 2026 nicht unmöglich gewesen wäre. Ma Lin stellte im Finale dann Liang gegen Harimoto Tomokazu auf, Wang gegen Matsushima Sora, Lin gegen Togami Shunsuke. Wie gesagt, das Finale ging 3:0 für China aus, es hätte dieser Aufstellung nach aber auch 3:0 für Japan ausgehen können. Vielleicht hätte den Japanern sogar ein Punkt aus den ersten drei Spielen gereicht – Harimoto nämlich kann auch Wang schlagen, und hätte man Geld auf Matsushima gegen Liang gesetzt, hätte man nicht viel dafür zurückbekommen.

So aber meinte es Mao Zedong, den ich hier und hiermit einmal als Tischtennisgott einsetze, gut mit seinen Schäfchen. Harimoto verspielte gegen Liang nicht nur eine 2:0-Satzführung, sondern unglaublicherweise auch ein 8:3 im letzten Satz: Liang machte acht Punkte in Folge. Wang hielt Matsushima in Schach, Lin gewann gegen Togami: Der chinesische Jubel war groß, besonders bei Lin und Liang, die am meisten unter Beschuss standen und am Ende doch lieferten. Wenn auch, wie gesagt, mit der Aura des Dominators und mit dem nötigen Glück.

Kurz noch zu den Deutschen: Frauen und Männer haben geliefert, Viertelfinale bei den Männern, Bronzemedaille bei den Frauen. Die Männer werden in den nächsten Jahren ein Problem bekommen. Nachwuchsstars wie in Frankreich sucht man hierzulande nämlich leider vergeblich.

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.05.2026, Seite 16, Sport

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