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Aus: Ausgabe vom 17.11.2025, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Der vermisste Freund

Flucht unmöglich: Simon Loidls Roman »Der Weg zum Zirkus«
Von Sabine Fuchs
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Die Kunst der Verknappung: Simon Loidl

Der Plot könnte auch der eines Thrillers sein: Ein Mann verschwindet, seine Familie schaltet die Polizei ein, sein Jugendfreund begibt sich, von Sorge getrieben, selbst auf die Suche nach dem Vermissten. Der 1977 geborene Historiker, Journalist und Autor Loidl macht es sich allerdings nicht so einfach – von Anfang an ist klar, dass es hier nicht um einen Kriminalfall geht. Wie schon bei seinem 2018 erschienenen Romandebüt »Endstation Ananas« handelt es sich auch bei »Der Weg zum Zirkus« um eine Bestandsaufnahme der Lebenssituation des akademischen Prekariats zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Daniel und Markus sind die beiden so gar nicht heroischen Helden, die versuchen, in der Welt des real existierenden Kapitalismus irgendwie zurechtzukommen. Der Roman folgt seinen Protagonisten abwechselnd: Daniel, der in einer ungenannten Großstadt – zu vermuten ist: Wien – in einem Antiquariat arbeitet und sich mit seiner Freundin eine kleine Wohnung teilt, und Markus, der sich in einem jener Busse, mit denen man ganz besonders billig reisen kann, auf den Weg macht, angetrieben von einem Horror domicilis, der keiner näheren Erklärung bedarf.

Während die Reise von Markus durch dessen tagebuchartigen Aufzeichnungen vermittelt wird, in denen es vor allem um die Menschen geht, die er trifft, ist die Perspektive Daniels durch einen auktorialen Erzähler von außen beschrieben: Die Gespräche mit einem skurrilen, aber belesenen Antiquariatsbesucher, die – eine Anspielung auf Sherlock Holmes? – dilettantischen Versuche, Geige zu spielen, die Suche nach Hinweisen in der Wohnung des vermissten Freunds, die viele Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit wachrufen, aber keinen Hinweis auf dessen Verbleib geben.

Wie in die Jahre gekommene Holden Caulfields wirken die beiden, große Träume von der Veränderbarkeit der Welt oder gar der Revolution sind längst verblasst, aber man ist Marxist genug, um zu wissen, dass die herrschende Krise mit Akkumulationsüberschuss zu tun hat, und kennt die Texte von Marcuse und Pasolini – auch wenn sich die eigene Revolte darauf beschränkt, einem verarmten Rentner ein Buch aus dem Antiquariatsbesitz zu schenken. Ob man bleibt oder geht, dem Kapitalismus kann man in der heutigen Welt nicht entfliehen.

In den besten Passagen erinnert das an die Lakonik eines Wolfgang Herrndorf – Loidls Sprache ist klar und präzise, kein Adjektiv und kein Adverb ist da zu viel. Geschult hat er das unter anderem in dem Blog für Miniaturreportagen, den er seit ein paar Jahren betreibt – wer einen Ausschnitt der Welt auf einer halben Seite beschreiben kann, der beherrscht die Kunst der Verknappung.

Markus landet schließlich bei einer seiner Zufallsbekanntschaften, in einer Stadt, in der einige Zeit zuvor eine große Brücke eingestürzt ist. Genua fällt einem ein, aber es ist Winter, es schneit, ist kalt, und die triste Topographie ist alles andere als touristisch. Der Zirkus, den er schließlich ansteuert, wird als warmer Ort der Geborgenheit in einer kalten Welt beschrieben – ob mehr daraus wird als der Besuch einer Vorstellung, erfahren wir nicht. Und Daniel? Er versteht schließlich, dass Markus gar nicht gefunden werden will – und dass es vielleicht gar nicht so wenig ist, eine Frau gefunden zu haben, mit der man über dieselben Dinge lachen kann.

Simon Loidl: Der Weg zum Zirkus. Sisyphus-Verlag, Wien 2025, 164 Seiten, 12,80 Euro

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