junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Freitag, 24. April 2026, Nr. 95
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 24.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Philosophie

Kunst als Wahrheit

Ein Band über den französischen Philosophen Alain Badiou und dessen Auseinandersetzung mit den Künsten.
Von Sabine Fuchs
alain.png
Philosophie und Ereignis: Alain Badiou

Der Marxist Alain Badiou ist vielleicht derjenige unter den Gegenwartsphilosophen, der sich am intensivsten darum bemüht, ein philosophisches System zu schaffen, das sowohl Ontologie (die Lehre vom Sein) als auch die Ethik einschließt. Wichtiger Aspekt dabei ist die Frage nach der Wahrheit, die sich nach Badiou in vier Bereichen eigenständig und unabhängig voneinander entfaltet – in der Wissenschaft, der Politik, der Liebe und in der Kunst. Dabei gilt: Wahrheiten existieren nicht einfach, sie entstehen in »Wahrheitsprozeduren«, die in den vier Bereichen jeweils eigenen Bedingungen unterliegen.

Der vorliegende, von dem Philosophen Erik M. Vogt und dem Politologen Michael Zangerl herausgegebene Sammelband setzt voraus, dass Leser und Leserinnen eine zumindest ungefähre Ahnung davon haben, wie und nach welchen Kriterien für Badiou das »Wahrheitssystem Kunst« funktioniert. Skizziert hat er das in seinem »Kleinen Handbuch der Inästhetik«, dessen deutsche Übersetzung vor mittlerweile 25 Jahren ebenfalls bei Turia + Kant erschienen ist. Darin unterscheidet Badiou zwei gegensätzliche Ansätze der Kunstproduktion – den »didaktischen«, der die Funktion der Kunst darauf reduziert, erzieherisch auf das Subjekt einzuwirken, und den »romantischen«, in dem Kunst als Offenbarung verabsolutiert wird. Während im didaktischen Ansatz die Wahrheit in der Wirkung und damit nicht in der Kunst selbst liegt, verengt sich der Wahrheitsbegriff im romantischen Schema ausschließlich auf die Kunst, und der Künstler selbst wird zum Medium der Wahrheit. In extremis entspricht dem didaktischen Schema eine entromantisierte politische Kunst, während das romantische letztlich in einen Heideggerschen Geniekult verfällt.

Badiou bleibt aber nicht dabei stehen, sondern schlägt einen dritten Ansatz vor, den er etwas missverständlich »klassisch« nennt. Nach diesem produziert Kunst in einzelnen Kunstwerken, die als »Ereignis« auf etwas Überzeitliches, Unendliches verweisen, singuläre Wahrheiten, die aber nicht zur metaphysischen Wahrheit im romantischen Sinn überhöht werden dürfen. In diesem Sinn ist die Wahrheit in der Kunst immer immanent – sie existiert nur als Kunstwerk und kann nicht in die Philosophie, die Politik oder ein anderes Denksystem übertragen werden. In dem von ihm »Inästhetik« genannten Ansatz muss die Kunst zudem ein weiteres Kriterium erfüllen, um zum »Ereignis« werden zu können, das schockhaft Wahrheit zum Ausdruck bringt: Sie muss sich von etablierten politischen und gesellschaftlichen Mächten abgrenzen und universell gültig sein.

Im vorliegenden Sammelband wird nun versucht, Badious Thesen anhand seiner Beschäftigung mit einzelnen Kunstwerken oder Künstlern näher zu analysieren, grob gegliedert in die thematischen Bereiche Theater/Poesie, Musik und bildende Kunst. Eine Analyse von Badious Auseinandersetzung mit dem Film ist nicht in das Buch eingegangen, aber es finden sich so lohnende Texte wie der von Jan Völker, der den großen Stellenwert Stéphane Mallarmés für Badiou analysiert, der des Musikwissenschaftlers Mauro Fosco Bertola, der sich mit Badious Analyse des Werks von Arnold Schönberg auseinandersetzt und dem die »Drone Mass« des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson gegenüberstellt, oder der von Fred Dalmasso, der den Stellenwert des Kollektivs in Badious Theatertext »L’écharpe rouge« analysiert. Ergänzt werden die Aufsätze von einem bis jetzt unveröffentlichten Text Badious, in dem er den Begriff »Werk« und dessen Stellenwert in seiner Philosophie erläutert.

Am deutlichsten wird die Sprengkraft von Badious Kunstphilosophie vielleicht in dem Text von Jakob Hayner, der sich mit Badious Überlegungen zum Theater auseinandersetzt. Badiou, der mehrfach selbst inszeniert und mit dem französischen Theatermacher Antoine Vitez zusammengearbeitet hat, ist ein vehementer Kritiker des gegenwärtigen Theaters. Es stelle mit seiner postmodernen oder fernsehrealistischen Spielweise nur noch eine gedankenlose Konvention dar, deren Funktion es ist, ein liberal-postbürgerliches Publikum zu unterhalten und so zur Selbstvergewisserung der spätkapitalistischen Gesellschaft beizutragen. »Es veröden die Parlamente gleichzeitig mit den Theatern«, hat es Walter Benjamin in seiner Schrift »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« auf den Punkt gebracht – eine Kunst ohne Aura wird zum Indiz, dass auch politisch etwas faul ist.

Dem stellt Badiou eine Vorstellung von Theater gegenüber, das gleichzeitig eine Aussage über sich selbst (als Kunstform) und eine Aussage über die Welt trifft – ein Theater des dialektischen Materialismus, das ein Denken der völligen Erneuerung der Welt möglich macht. Politischer kann eine Philosophie der Kunst kaum sein.

Erik M. Vogt und Michael Zangerl (Hg.): Alain Badiou und die Künste. Mit einem Beitrag von Alain Badiou. Verlag Turia + Kant, Wien 2026, 321 Seiten, 36 Euro

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.