Todesfalle für Helfer und Berichterstatter
Von Yaro Allisat
Es ist eine erschreckende Bilanz, die am Mittwoch das US-amerikanische Komitee zum Schutz von Journalisten (Committee to Protect Journalist, CPJ) in New York zog. Demnach hat die Zahl der bei ihrer Arbeit getöteten Medienvertreter mit 129 im vergangenen Jahr nicht nur einen Negativrekord erreicht. Mehr noch war für zwei Drittel der verzeichneten Tötungen allein ein Land verantwortlich: Israel. 2025 seien insgesamt 86 Journalisten durch israelischen Beschuss getötet worden, die meisten von ihnen im Gazastreifen. Einen hohen Prozentsatz der Tötungen stuft das CPJ zudem als Mord ein. Laut der Agentur Reuters habe das israelische Militär zunächst nicht auf eine Bitte um Stellungnahme reagiert. In der Vergangenheit habe die Armee aber stets angegeben, in Gaza »nur Kombattanten ins Visier zu nehmen«. Ist diese Aussage haltbar? Nach einer nur zwei Tage zuvor vorgestellten Untersuchung über Tötungen von Hilfspersonal muss die Antwort nein lauten.
Gegenstand der vorgestellten Untersuchung, die von »Forensic Architecture«, einer an der Londoner Goldsmith-Universität angesiedelten Forschungsgruppe, erhoben wurde, sind die Geschehnisse vom 23. März des vergangenen Jahres. An jenem Tag brach der Kontakt zu einem Rettungswagen in Tell Al-Sultan ab, einem Stadtteil von Rafah im Süden Gazas. Mehrere Ambulanzen machten sich daraufhin auf die Suche. Als der Konvoi den vermissten Wagen erreichte, eröffneten israelische Soldaten das Feuer. Acht Mitarbeiter des palästinensischen Roten Halbmonds, das Äquivalent zum Roten Kreuz, sechs Mitglieder des Zivilschutzes und ein Mitarbeiter des UN-Hilfswerks UNRWA wurden getötet.
Israels Armee äußerte sich mehrfach widersprüchlich zu dem Massaker: Zunächst hieß es, man habe auf »verdächtige Fahrzeuge« geschossen, die sich den Truppen genähert hätten, weil man glaubte, dass sich Hamas-Kämpfer darin befänden. Nach der Veröffentlichung mehrerer Videos von dem Tag und zunehmenden Zweifeln an seiner Darstellung räumte das Militär ein, dass einige der beschossenen Wagen tatsächlich Rettungs- und Feuerwehrfahrzeuge gewesen seien. Eine interne Untersuchung ergab mehrere »professionelle Fehler«, ein stellvertretender Kommandeur wurde entlassen und ein Offizier gerügt.
Anhand von Videos, Berichten von Überlebenden und den Analysen von Audioaufnahmen widerlegt »Forensic Architecture« aber auch diese Darstellung des Militärs. Die Analysen der Forschergruppe zeigen, dass die Rettungsfahrzeuge vom Standort der Soldaten klar als solche erkennbar waren. Mehr als 80 Prozent der insgesamt 910 abgegebenen Schüsse sind laut dem Report in direkter Richtung der Rettungskräfte abgegeben worden. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass das Hilfspersonal also trotz klarer Kennzeichnung gezielt von der Besatzungsarmee angegriffen wurde.
Es ist nicht der erste Fall dieser Art. Bei der Ermordung der sechsjährigen Hind Rajab im Januar 2024, die über Stunden gemeinsam mit den Leichen ihrer Familie in einem Autowrack gefangen war, während rundherum die israelische Armee bombardierte und mit Panzern schoss, wurde der ausgesandte Rettungswagen ebenfalls trotz vom Militär genehmigter Rettungsroute bombardiert, kurz bevor er Hind erreichen konnte. Im November 2023 wurde eine Ambulanzkolonne, die Verwundete transportierte, in der Nähe des Al-Schifa-Krankenhauses bombardiert, 15 Menschen wurden getötet und rund 60 verwundet. Im August 2024 schossen israelische Soldaten auf ein klar markiertes Fahrzeug des Welternährungsprogramms. Bereits im vergangenen August kam eine Gruppe von UN-Experten zu dem Schluss, dass Israel planvoll die medizinische Versorgung in Gaza angreift. Dabei handelt es sich um Kriegsverbrechen.
Trotz der offiziellen Waffenruhe vom Oktober 2025 hat die israelische Armee seitdem mehr als 600 Menschen getötet, so Informationen der Gesundheitsbehörden in Gaza. Die humanitäre Situation ist weiterhin katastrophal, da Israel einen großen Teil der Hilfslieferungen blockiert. Millionen Menschen leben unter sehr schlechten Bedingungen, viele in provisorischen Zelten mit wenig Schutz vor Wetter, Hunger und Krankheiten. Hilfsorganisationen und die UNO warnen, dass eingeschränkte Hilfslieferungen und mögliche neue Beschränkungen für Hilfsorganisationen die Krise weiter verschärfen könnten. Seit Beginn der Offensive im Oktober 2023 wurden nach Behördenangaben mehr als 70.000 Menschen in Gaza getötet und weit über 100.000 verletzt, während große Teile der Infrastruktur zerstört sind. Tausende Menschen sind zudem verschwunden und werden tot unter den Trümmern vermutet.
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