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Bügeleisen verkaufen auf der Straße

Foto: Rodrigo Valle/REUTERS
Argentinischer Fußball ist unser Leben

Einen wunderschönen guten Morgen! Aus den Jukeboxen Argentiniens erklingt künftig andere Musik. Die Achtelfinals der Meisterschaft des dreimaligen Weltmeisters wurden ausgekickt. Dass da dann, im Gegensatz zu europäischen Turnieren, alles möglich ist, wissen wir.

Zum dritten Mal hintereinander wird die Meisterschaft im Playoffmodus entschieden. Spannender geht’s nicht. 2025 qualifizierte sich Club Atlético ­Platense – »Los Calamares« als Sechster in seiner Gruppe für die Achtelfinals und eliminierte dort Racing Club, Rekordmeister River Plate und Papstklub San Lorenzo de Almagro alle auswärts und wurde schließlich zum ersten Mal argentinischer Meister. Nur der Fußball schreibt so schöne Geschichten. Beim Bügeleisenverkaufen auf der Straße wird man eher von hinten erschlagen, man kann quasi die Uhr danach stellen.

Das letztjährige Torneo Clausura verlief ähnlich. Estudiantes de La Plata, der Verein, dem der ehemalige ­Edelkicker Juan Sebastián Verón als Präser vorsteht, qualifizierte sich als Gruppenachter (in Argentinien wird aktuell in zwei 15er-Gruppen gekickt) für die Achtelfinals, nachdem die drei letzten Gruppenphasenspiele verloren wurden. Abgesehen davon waren »richtige« Resultate auf vier anderen Plätzen notwendig. Klappte. Ein Fußballwunder. In den Playoffs war der »Pincha« dann ein komplett anderes Team. Die Mannen von Käppt’n Santiago Ascasibar schwirrten mit stolz geschwollener Brust über das Rasenrechteck und eliminierten nacheinander auswärts Rosenkranz Central, Central Córdoba aus Santiago del Estero und ihren Erz- und Stadtrivalen Gimasia y Esgrima.

Am Ende wurde Estudiantes de La Plata, ein Team, auf das außer mir niemand einen Blumenpott gesetzt hatte, überlegen Campeón. In der aktuellen Copa Libertadores liegen beide Klubs nach drei Spieltagen (Halbzeit) auf Achtelfinalplätzen, wundervoll. Beide liegen in ihren Gruppen auf dem zweiten Platz. Estudiantes ist noch ­unbesiegt, auch der Regattaverein ­Flamengo aus Rio de Janeiro verzweifelte. Los Calamares sind in einer Gruppe mit dem Erzfeind des »Fla«, Corinthians Paulista. Der Timão gewann bislang alle Gruppenspiele, indes gewannen die Tintenfische in Montevideo bei Peñarol und daheim gegen Santa Fe aus Bogotá. Das sind Geschichten. Die beiden Überraschungsmeister des silberländischen Balltretens schreiben nach wie vor Geschichte auf der großen internationalen Bühne.

Zurück zur Jukebox. Wenn ich es mir recht besehe, kauert Peter Handke in einer Ecke meines untrauten Heimes und wirft mit Kieselsteinchen nach mir. Der Bursche schläft nie, zielt aber schlecht. Mein einziges Wurfgeschoss, »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter«, habe ich schon vor Wochen an ihm vorbeigeschleudert, vielleicht benutze ich es demnächst beim Kaminanzünden. Wie wir von Manuel Vázquez Montalbán gelernt haben, darf man dazu keine literarischen Nachschlagewerke von Lackaffen verwenden, es soll schon das Feinste sein, ich halte mich daran.

Am Weekend beginnen also die Achtelfinals, und das Heimrecht der besser qualifizierten wird in Argentinien nicht gefürchtet werden, wir sind ja nicht Micky Maus. Zwei Wochen lang wird bei uns der Wahnsinn regieren, und dann steht auch schon die WM vor der Tür. Was einer zuvor geleistet hat, ist keinen Kaugummi mehr wert. So soll es sein. So wird es sein. Was zählt, ist nur noch Charakter und mentale und physische Stärke. Was zählt, sind die Familienfans im Stadion, die heißen Tränen. Nur wer tanzt und springt und hüpft, hat Ewigkeitsanspruch. Teams wie Estudiantes La Plata, Boca Juniors, Independiente Rivadavia und Rekordmeister River Plate werden Heimrecht haben. Wird es denen nützen? Im letzten Campeonato scheiterten bei diesem Unterfangen etwa das Rosario Central von Ángel Dí María und gar die Xeneizes (aktuell nur eine Niederlage in den letzten sechzehn Spielen). Das Volk staunte und frohlockte. Argentinischer Fußball eben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.05.2026, Seite 16, Sport

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