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Eishockey

Pokal mit Tränen

Die Eisbären Berlin sind deutscher Eishockeymeister, leider zieht Erfolgstrainer Serge Aubin zum SC Bern in die Schweiz

Von Andreas Müller
Foto: Florian Wiegand/dpa
Wer hat, der hat: Eisbären Berlin mit Pokal nach gewonnener Meisterschaft (Mannheim, 3.5.2026)

Im skandinavischen Eishockey würde sich kaum jemand wundern, dort gehört es fast zum guten Ton, wenn sich der Vorrundensechste am Ende zum nationalen Champion krönt. Im Archiv der Deutschen Eishockeyliga (DEL) indes muss 23 Jahre zurückgeblättert werden, um von einem Kunststück zu lesen, wie es den Berliner Eisbären gerade gelungen ist. Mit ihrem 4:1-Finalsieg über die Mannheimer Adler am vorigen Sonntag machten sie nicht nur das Titeldutzend perfekt und das dritte Championat in Folge. Sie gewannen den Meisterpokal – nachdem sie sich als Vorrundensechster gerade noch so direkt für die Playoffs qualifiziert hatten. Zuletzt war ein solcher Coup von weiter hinten 2003 den Pinguinen aus Krefeld geglückt, als sie ebenfalls von Platz sechs in die wichtigste Phase am Puck starteten und in der Endspielserie die Kölner bezwangen.

Von den Playoff-Qualitäten der Berliner nach eher durchwachsener Vorrunde bekamen im Viertelfinale zunächst die Straubing Tigers, im Halbfinale die Kölner Haie und im Finale die Kurpfälzer eindrucksvolle Lektionen. Eine der Säulen des Erfolgs war Goalie Jonas Stettmer auf der im modernen Eishockey wichtigsten Position. Der 24jährige ersetzte den verletzten Jake Hildebrand im Tor, gab Rückhalt, strahlte für seine Vorderleute die nötige Ruhe aus und brachte gegnerische Akteure reihenweise zur Verzweiflung. Kein Wunder, dass der 1,95-Meter-Mann als »wertvollster Spieler« einer Finalserie geehrt wurde, in der vor allem die Unberechenbarkeit der Eisbären bestach.

Eine Haupteigenschaft, die die Cracks am Puck mit den gleichnamigen weißen Riesen aus der Tierwelt gemein haben. Eindrucksvoll führten die Stürmer vor, wie leidenschaftlich man vorm eigenen Kasten und im eigenen Drittel verteidigen kann. Eindrucksvoll demonstrierten Abwehrspieler, wie man wichtige Tore beisteuert. Erinnert sei an die beiden Treffer von Moritz Kretzschmar gleich zum Auftakt des Halbfinales gegen Köln, das wichtige »Stocher-Tor« von Jonas Müller zur 1:0-Führung in Spiel sechs gegen die Haie und den fulminanten Hattrick von Eric Mik beim vorentscheidenden 5:1-Auswärtssieg in Finalspiel drei in Mannheim.

In seiner Offensiv- wie Defensivstärke erwies sich der alte und neue Titelträger zum Saison­ende im Endspurt einmal mehr und hochverdient als bestes DEL-Team. Es sei »eine unglaublich gute Gruppe auf und neben dem Eis«, lobte Trainer Serge Aubin seine Mannschaft. Seitdem er 2019 in die Hauptstadt kam, gewann er in sechs Spielzeiten fünf Meisterschaften und verlor mit seiner Mannschaft keine einzige K.-o.-Serie. Phänomenal.

An dieser weißen Weste wird sich garantiert nichts mehr ändern, denn inzwischen hat der Klub offiziell bestätigt: Der 51jährige wird zur nächsten Saison als Cheftrainer zum SC Bern in die Schweizer National League wechseln. Ausgerechnet jetzt, wo die Berliner Eisbären 2026/2027 dank ihres frischen Titelgewinns wieder in der Champions ­Hockey League auflaufen dürfen. Der Kontrakt mit Serge Aubin soll bereits im Februar während der olympischen Winterspiele in Mailand unterschrieben worden sein, wo er als Assistent von Bundestrainer Harold Kreis hinter der Bande stand.

Eine Nachricht, die vor allem auch für die Fans an der Spree wie ein dicker Wermutstropfen im Meisterpokal daherkommt. Vielleicht will der Coach bei den Eidgenossen ja nachträglich eine frühere Scharte auswetzen, nachdem er in der Saison 2018/2019 bei den Lions in Zürich zum bisher einzigen Mal ­erfahren musste, wie sich eine Entlassung als Trainer anfühlt. Der Abgang des Meister-Coachs könnte den Beginn eines veritablen Umbruchs beim DEL-Rekord-Champion einleiten. Schon wird kolportiert, dass Torhüter Jonas Stettmer ab der nächsten Eiszeit beim Ligakonkurrenten in Ingolstadt anheuert und sein Keeperkollege Jake Hildebrand nach Mannheim wechselt, während Nationalstürmer Marcel Noebels demnächst bei den Kölner Haien auf Torejagd gehen wird. Das Personalkarussell in Berlin scheint angeworfen und sich bereits beachtlich zu drehen. Tenor der ersten Reaktionen beim Anhang: Diese Abgänge tun weh und viel Arbeit für Eisbären-Manager Stéphane Richer. Es sieht danach aus, als folgte auf die ausgelassene Meisterfeier vom Wochenende nur wenige Tage später die große Ernüchterung. Am Ende hoffentlich ohne Katzenjammer.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.05.2026, Seite 16, Sport

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