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06.05.2026
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Schwerer Schlag für Indiens Linke
Regionalwahlen: Kommunistische Hochburg Kerala fällt. Modis BJP gewinnt in Westbengalen. Filmstar Vijay wird Chefminister in Tamil Nadu
Die letzte rote Bastion ist gefallen – das ist für Indiens seit Jahren in der Krise steckende Linke die niederschmetternde Botschaft zum Wochenstart. Am Montag wurden die Stimmen bei der jüngsten Runde wichtiger Regionalwahlen ausgezählt. In vier teils bevölkerungsreichen Bundesstaaten und dem Unionsterritorium Puducherry war im Laufe des Aprils gewählt worden. Die Ergebnisse hielten so einige Überraschungen bereit, auch wenn Oppositionsparteien seit Monaten Manipulationen bei den Wählerverzeichnissen beklagen: Neben dem Verlust des südlichen Teilstaats Kerala seitens der dort bisher regierenden Linksdemokratischen Front (LDF) gewannen die Hindunationalisten der Indischen Volkspartei (BJP) von Premier Narendra Modi deutlich in Westbengalen.
Bereits 2011 hatten die Kommunistische Partei Indiens – Marxistisch (CPI-M), ihre kleinere Schwester CPI und die übrigen Verbündeten nach 34 Jahren kontinuierlicher Regierung Westbengalen verloren. Später folgte das kleine Tripura im Nordosten. Gegen den Landestrend auch bei nationalen Wahlen war aber Kerala, wo es schon 1959 die erste kommunistisch geführte Regionalregierung gegeben hatte, bis zuletzt immer noch eine verlässliche Hochburg geblieben. Nun wird dort die seit Jahrzehnten konkurrierende Vereinte Demokratische Front (UDF) die Regierung stellen. Die UDF holte 102 der 140 Mandate, allein 63 davon sicherte sich die in dem Bündnis tonangebende Kongresspartei (INC), Indiens älteste politische Kraft.
Für die einst von Jawaharlal Nehru und später dessen Tochter Indira Gandhi geführte Partei ist das Ergebnis in Kerala ein selten gewordener Triumph. Denn in vielen Bundesstaaten, in denen der INC früher dominierte, ist die auf nationaler Ebene weiterhin größte Oppositionspartei nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die CPI-M hingegen sackte auf lediglich 26 Sitze ab, acht Abgeordnete steuert die CPI zum stark dezimierten LDF-Bündnis bei. Zwar bleibt Kerala eine Region, in der Modis BJP Schwierigkeiten hat, echte Breitenwirkung zu entfalten – mit lediglich drei Sitzen kann die BJP in dem Teilstaat nichts ausrichten –, doch ihr Stimmenanteil stieg weiter auf nun rund elf Prozent.
Die schwache Mandatsausbeute in Kerala können die Rechten verschmerzen. Denn die BJP triumphierte erneut im nordöstlich gelegenen Assam, wo die Partei 82 von 126 Sitzen holte. Der INC bleibt dort mit 19 Abgeordneten der wichtigste lokale Gegenspieler. Doch die Sensation ereignete sich nebenan: Entgegen den meisten Umfragen vor der Wahl holte die BJP im bedeutsamen Westbengalen, mit 106 Millionen Menschen Indiens nach Bevölkerungszahl viertgrößter Bundesstaat, einen deutlichen Sieg. Mindestens 200 der 294 Mandate hatte Innenminister Amit Shah, Modis engster Vertrauter, seiner Partei vorausgesagt – von vielen belächelt. Tatsächlich kamen die Hindunationalisten nun auf 206, während sich der moderat konservative Trinamool Congress (TMC) der bisherigen Chefministerin Mamata Banerjee mit 80 Sitzen begnügen muss. Der TMC, der seinerzeit die Linken als dominante Kraft abgelöst hatte, hat Westbengalen die vergangenen 15 Jahre regiert.
Eine Zäsur ist das Ergebnis dieser Wahl auch für den Bundesstaat Tamil Nadu, ganz im Süden der Nachbar Keralas. Dort wird nun einer der größten indischen Filmstars neuer Chefminister: Chandrasekaran Joseph Vijay (51), der seit seinem zehnten Lebensjahr in mehr als 63 Filmen mitgespielt hat, holte mit der erst vor zwei Jahren von ihm gegründeten Regionalpartei Tamilaga Vettri Kazhagam (TVK) auf Anhieb 108 der 234 Sitze in der Regionalversammlung. Die bislang regierende Dravida Munnetra Kazhagam (DMK) wurde mit nur noch 59 Mandaten abgestraft.
In der Regierungspolitik muss sich die junge TVK erst noch beweisen. Vijay hatte sich zumindest in seiner Wahlkampfrhetorik progressiv positioniert. Die BJP sei mit ihrer rechten, spaltenden Agenda der »ideologische Feind«. Außerdem zielte die TVK darauf ab, die teilweise als korrupt und erstarrt wahrgenommene DMK an der Macht abzulösen, was eindrucksvoll gelang. Gerade junge Wähler, die wie im gesamten Land auch in Tamil Nadu trotz oftmals guter Ausbildung überdurchschnittlich von Arbeits- und Perspektivlosigkeit bedroht sind, machten in Scharen ihr Kreuz bei der noch unverbrauchten TVK. Denn auch die andere traditionelle Regionalpartei AIADMK (47 Sitze) hat über die Jahre noch mehr Korruptionsskandale angehäuft als die DMK. Die CPI-M und die Kommunistische Partei Indiens (CPI) sind mit je zwei Abgeordneten präsent, der INC bekam fünf Sitze. Unter diversen Kleinparteien wird sich Vijay die fehlenden Stimmen für eine Mehrheit holen.
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